Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 42 (14.10.1873)
- Date
- 1873-10-14
- Page
- Seite 330 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578822--373-9578824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
330 einbaren! Das könnte wohl ich sagen, aber nicht Geiger!"*) Und der in diesem Jahre erst verstorbene Leopold Beer sprach: ״Wo ist das Buch erschienen? Das muß ich heute noch bestellen." Beer hatte seinem Freunde Heidenheim kurz vor dessen Ableben versprochen, die jüdische Literatur nach Kräften durch Anschaffung aller auf diesem Gebiete erscheinenden Schriften zu unterstützen. — Und er ist diesem Versprechen, von dem er mir öfters erzählte, getreulich nachge-! kommen. — Von ihm erfuhr ich manchen merkwürdigen Zug! aus dem Leben seiner ihm vorausgegangenen Freunde, zu denen der schon genannte Wolf Heidenheim in Rödelheim — [ eine in Frankfurt sehr hochgeschätzte Persönlichkeit und auch j der eben verstorbene Kirchenrath Dr. I. v. Mayer gehörte. > — Aus der Unterhaltung mit Jost und Stern sind mir noch zwei eigenthümliche Züge gewärtig. Jost fragte, warum ich mich dem Lehramte widmete, da doch eigentlich nur 4 jüdische Schulen in Deutschland wären. Er verstand darunter die vielclassigen jüdischen Realschulen. Selbst für einen Jost war die große Zahl kleiner jüdischer Schulen nicht vorhanden. Er dachte sich diese noch als ״Chedarim" mit obscuren alles Wissens baren Bachurim besetzt. Ihm schien es unmöglich, daß ein freistrebender Mann sich einem solchen Berufe widmen könne. — Und Stern fragte: ob ich meine (damals achtzehn) Schüler aller Claffen in einem Lehrsale zugleich unterrichte. Er konnte sich nur eine Schule mit einem Schulpalast und vielen Sälen, wie in Frankfurt a. M. und in Berlin, vorstellen. Welche Rührigkeit, welches Streben, welcher Fleiß unter den Männern jener Zeit! — * * # Diese und noch manche andere Erinnerungen wurden in uns wach, als ein ganz naher Verwandter des eben verstorbenen Dr. I. v. Mayer ähnliche Züge aus dem Jugendleben dieses Mannes uns mittheilte, die wir bald zu einem Ganzen verwebt in diesen Blätten veröffentlichen werden. Wenn uns die jüdischen Männer, die im Anfänge dieses Jahrhunderts bis zu den zwanziger Jahren hin, sich dem Studium widmeten, aus ihrer Jugendzeit erzählen: welche Fülle von Kraft, Ausdauer, Energie hatten sie nöthig, um die Dornen aus ihrem Lebenswege wegzuräumen! Wie ganz anders und viel leichter wird es heute dem, der sich den Studien widmet. Welche Aufopferungsfähigkeit gehörte dazu, um bei der tiefen Erkenntniß der neuen Zeit und ihrer Anforderungen, die jene Autodidakten auszeichnete, mit rührender *) Dr. S. Stern war mit dem Redacteur der Berliner Volkszeitung — Bernstein — der intellektuelle Urheber der Reformgenoffenschast. Hingebung sich dem materiell undankbaren Berufe der Urbar- ץ machung eines so sterilen Bodens hinzugeben, wie die Er- Hebung des Judenthums aus seiner Erstarrung war! Diese Männer, die das Judenthum liebten, mit aller Gluth liebten, ihm mit einer Begeisterung dienten, wie sie nur der erleuchteten Erkenntniß möglich ist, die ihm ihr Leben, ihre Geisteskraft, ihre Hoffnungen opferten, welchen die jüdische Wissenschaft der Gegenwart Alles verdankt, die den Eintritt in das Culturleben der uns umgebenden Völker vermittelten und denen selbst die veränderte Richtung im Erwerbsleben so mächtige Anregungen verdankt — wie wird mit ihnen jetzt verfahren? Wir wollen heute nicht sprechen von den Vertretern der Orthodoxie, die in ihrem wüthigen Fanattsmus alle von der Sittlichkeit und Religion selbst gezogenen Grenzen überschreitet und selbst die Todten noch beschimpft —; wir sind uns der Gründe für dies Gebühren bewußt und erwarten kaum mehr Anderes. Aber wenn wir die Jugend rings um uns her ihre Vorgänger verleugnen sehen, wenn wir wahrnehmen, wie sie ״den Verhältnissen Rechnung tragen", wie die Zahl der אנשי אמת שנאי בצע, die entschiedenen, überzeugungstreuen Vertreter der Wahrheit immer weniger werden, wie die Alten immer mehr sich zurückziehen und die Jungen fein behutsam und bedächtig auftreten, um ״Allen gerecht zu werden", wie von Fortschritt im Judenthume in den letzten 25 Jahren ) durchaus nicht die Rede sein kann; wie man eben überall nur fein in der Mitte bleibt und jener Muth, jene edle Hingebung und Selbstverleugnung der Periode des rastlosen Aufstrebens ganz und gar geschwunden ist — sollten wir da nicht selbst verzagt und kleinmüthig werden, wir, die wir noch an den alten Ueberzeugungen an den alten Hoffnungen und Bestrebungen festhalten? (Schluß folgt.) Corresponäenz. Kerkin. Der par 6x6s116u66-Heißsporn der hiesigen Orthodoxie wandte sich an ein hiesiges, ebenso reiches als wohlthätiges Haus, um eine Beisteuer zu einem wohlthätigen Zwecke zu erlangen. Man überreichte ihm in hochherzigster Weise die Summe von 1000 Thlrn., und wenn sein hochorthodoxes Herz und sein vom ״Talmud angefülltes" Gemüth den wirklichen, prunk- und geräuschlosen Edelsinn dieses hervorragenden Hauses auch nur annäherungsweise nachzuempfinden im Stande gewesen wäre, so hätte es sich sagen müssen, daß dem wahr- Haft Frommen das Bewußsein einer edlen That, als höchster Lohn für dieselbe genügt, und daß er es verschmäht, dieselbe an die große Glocke zu hängen. Doch der Hochorthodoxe