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Jüdische Volkszeitung · 1873-10-14 · 42 (14.10.1873) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
42 (14.10.1873)
Date
1873-10-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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VollsMim Wochenschrift ♦ rcmt tlc־ Bestellungen nehmen alle Postanst lten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich lT1/^ Ngr. in Hrmrmür unü unil Hrlrrn. Zn!«ran sind an die Verlagshandlung von Joh. Friedr. Harttnoch in Leipzig Herausgegeben von I. HsmHMSlrm in Ingelheim, Preis der 3gesp. geil- 2 Ngr. bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt". No. 42. Leipzig, den 14. Oktober. 1873. 3 nkakt: Erinnerungen und Mahnungen. — Correspondenzen: Berlin, Von der Werra, Aus Baden, Baiern, Aus Frankreich. — Rundschau. — Feuilleton: David Einhand (Fortsetzung). — Anzeigen. Erinnerungen und Mahnungen. Es war in den ersten Julitagen des Jahres 1847. Ich hatte bei einer Wanderung durch die Räume der jüdischen Real- und Volksschule zu Frankfurt a. M. (Philantropin) auch den berühmten Forscher, den Vater der jüdischen Geschichtsschreibung in der Reuzeit, Dr. I. M. Jost, kennen gelernt und wollte die Gelegenheit benützen, ihn zu besuchen. Man sagte mir, daß Nachmittags zwischen 4 und 5 seine Sprechstunde sei. Als ich in sein Zimmer trat, fand ich einen größeren Kreis von Menschen aus aller Herren Länder, Herren und Damen, die Besuch bei dem damals schon hochberühmten Manne machten. Es wurden Erfrischungen herunigereicht; man sprach über Dies und Jenes; auch der Hausherr betheiligte sich an der lebhaften Unterhaltung und sprach mit seiner eigenthümlich tiefen Stimme zuweilen einige Worte — und nach einer Viertelstunde verabschiedete man sich. Auch ich ging. Als jedoch Jost uns bis zur Thür geleitete, sprach ich: ״Ich hätte gewünscht, Jost zu sprechen, nicht diese da." Der Gelehrte sah mich mit einem durchdringenden Blicke an, dann sprach er: ״Nun, so kommen Sie morgen früh um 4 Uhr!" — ״Wie, um 4 Uhr?" Ich glaubte, nicht recht verstanden zu haben. ״Ja, um 4 Uhr! Verstehen Sie nicht deutsch?" Ich wagte nichts mehr zu erwidern: Wenn man jung ist und Jost sprechen will, steht man früh auf. Um drei Uhr schon des anderen Morgens — es war wohl bereits Tag, aber in allen Straßen Frankfurts herrschte noch! eine tiefe nächtliche Stille — machte ich mich auf den Weg. Jost wohnte damals in einem hohen Hause der Rechneistraße, im dritten Stockwerke. Schlag 4 Uhr zog ich die Klingel. Alsbald vernahm ich ein Geklapper, wie das von losen Pantoffeln. Nach wenigen Minuten wurde die Hausthüre geöffnet und Jost stand vor mir, in Schlasrock und Pantoffeln. Es schien mir, als ob ein eigenthümlich es Leuchten über seine Stirne ziehe. In seinem Zimmer angekommen, sprach ich meine Bewunderung aus, daß der doch damals schon nicht mehr junge Gelehrte so früh schon aufstünde. ״Wie", sprach er, ״das nennen Sie früh? Da sehen Sie!" Und er zeigte auf ein Papier, das auf dem Tische lag. Der noch frische Sand zeigte, daß er schon drei große Seiten (halbbögig gekrochen in ziemlich kleiner Schrift) am letzten Bande seiner Culturgeschichte des Judenthums geschrieben hatte. — Jene Stunde ist mir unvergeßlich geblieben. — — Noch gerade so emsig und rüstig sah ich ihn gelegentlich der ״allgemeinen deutschen Lehrerversammlung" im Jahre 1857, und im August desselben Jahres. Sein Auge leuchtete, wenn er der jüdischen Wissenschaft gedachte. Wir sprachen im ״rheinischen Hofe" über das damals noch junge ״Institut zur Förderung der israel. Literatur". Es war damals gerade Geiger's ״Urschrift und Uebersetzung der Bibel" erschienen. Am Abende hatte er das Buch empfangen. Am andern Morgen versammelten sich die Lehrer der jüdischen Real- und Volksschule im Hofe des Schulgebäudes, wo eine Art Turnstange den Herren zum Stützpunkt diente. Jost erzählte, daß Geiger die Schlußredaction des Pentateuch auf etwa 300 Jahre vor Zerstörung des zweiten Tempels ansetzte. Er hatte also die Nacht zum Studium des Werkes verwendet. Dr. S. Stern, der Director, eine etwas aristokratisch hochfahrende Natur, antwortete: ״Das!sagt Geiger? Das ist mit seinem Standpunkte nicht zu ver-

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