Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 41 (7.10.1873)
- Date
- 1873-10-07
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578813--365-9578816- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mosaisch-prophetische Gottes- und Morallehre ihre humane Staats- und Socialtheorie zu Norm und Vorbild für die gesellschaftlichen Institutionen genommen und so ein Menschen beglückendes und einigendes Reich der Wahrheit, des Rechts, der Liebe und des Friedens auf Erden gegründet wird, d. h. also, da der im Judenthum eröffnete ״Quell des Lebens" allgemein als der gesegnete Brunnen des Heils hochgeschätzt und gepriesen werden wird, der dem nach äußerer und innerer Freiheit und Glückseligkeit lechzenden Menschenherzen den Labetrunk der Befriedigung, Stärkung und Trösüing allein zu reichen vermag. Hierauf findet denn trefflich die — etwas seltsam klingende — Sentenz des Spruchdichters (Spr. Sal. 5,16 f.) Anwendung: Wohl mögen Deine Quellen sich ergießen nach Außen, in die Weiten Deine Wasserbäche; doch Dir allein sollen sie angehörig bleiben und nicht Fremden mit Dir. Alle Welt labe und erquicke sich denn von Jahr zu Jahr mehr an dem in unserer Mitte gegrabenen Lebensbrunnen (beten wir ja täglich im Alenu und besonders an den eben gefeierten heiligsten Festtagen des Jahres inbrünstig darum), wir sehen es nicht nur neidlos, sondern mit Lust und freudigem Hochgefühl an, beseelt von der Zuversicht, daß die Erfüllung jener Bitten dadurch mehr und mehr gezeitigt werde; aber das ursprüngliche Eigenthumsrecht an den ihm ent-! quillenden Gewässern, das wir so viele Jahrhunderte lang mir dem Verzicht auf alle Lebensgüter, ja oft genug auf das Leben selbst haben bezahlen müssen, das wollen wir dadurch wahren, daß wir die unmittelbar vorangehende Mahnung des Weisen (Spr. Sal. 5, 15): ״Trinke Wasser aus Deinem Brunnen und Fließendes aus Deiner Quelle" eisrigst bethätigen. Das von uns erhoffte und ersehnte Gottesreich mit seinen Emblemen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Friede, begründe sich zuerst und unveränderlich fest in unserer eigenen Mitte und lasse alle Spuren ihres Gegentheils: Lug, Trug, Haß und Hader aus unseren Herzen, von unseren Lippen und Händen weichen. Das sei der Einigungs- und Mittelpunkt, um den wir uns Alle vereint schaaren, ob auch der Eine mehr, der Andere weniger auf Form und Satzung Werth lege, dieser allein an die biblischen, jener auch an die talmudisch-rabbinischen Bräuche und Vorschriften sich binde; jenes ist das Wesen, dieses die Form, jenes der Kern, dieses die Schale, lassen wir Jeden auf Form und Schale, Kleid und Hülle so viel geben, als es seine Pietät, sein Gemüth und religiöses Bedürsniß erheischen, Wesen, Grund und Kern der Gotteslehre, die aus einem ״Erbgut der Gemeinde Jakob's" Gemeingut der gesummten Menschheit werden soll, sie müssen und wollen wir als unser anvertrautes Pfand in Haus, Schule und Synagoge und allen sonstigen nützlichen und wohlthätigen Institutionen unseres Gemeinwesens wahren uud hüten. Dazu trage Jeder aus unserer Mitte in all' seinen Lebensbeziehungen: als Glied des Hauses, der religiösen und bürgerlichen Gemeinde, sowie des Staates, in der Presse, specielleren oder allgemeineren Zwecken gewidmeten Vereinen und Versammlungen nach besten Kräften bei. So wirke denn in dem nunmehr beginnenden und allen ihm nachfolgenden Jahrläufen der lebendige Gott, die ״Quelle des lebendigen Wassers", wie Jeremias Ihn nennt, belebend und erftischend auf unseren Geist und unser Herz, das ganze Leben durchtränkend mit Seiner Kraft, durchwehend mit Seinem Hauch, hehr und heilig zu Seiner und unserer Verherrlichung vor den Augen der ganzen Menschheit, die zu Ihm mit dem ״Bande der Liebe" heranzuziehen ja unsere schöne, erhabene Bestimmung von je her war und für immer bleibt. — Berlin. vr. M. St. Corresponäenz. Aus Oberkeffen, im September. (Schluß.) Und nun eine kurze nothgedrungene Erwiderung: Von Freunden — oder Feinden? — wurde uns in mehreren Exemplaren eine Beiläge des ״Israelit" zugeschickt, worin in Ausdrücken, die den Schreiber stets mehr als den beschimpfen, der davon betroffen werden soll, unsere Nachricht dementirt wird, daß Mitglieder der Religionsgenosfenschaft in Mainz die Adresse der Ultramontanen unterzeichnet hätten. Die von uns gebrachte Nachricht ist jedoch gedruckt zu lesen im Mainzer Journal Nr. 184, vom 9. August, 3. Seire, 1. Spalte, wo es heißt: ״Mit Genugthuung können wir unseren Lesern mittheilen, daß die Adresse.mit zahlreichen Unterschriften bedeckt ist und zwar nicht nur von Katholiken, sondern auch von Protestanten und Israeliten" re. Daß Hr. vr. Lehmann meint, so etwas hätte man nicht gethan, ohne ihn zu fragen, ist wahrhaftig zu bezeichnend! Also so weit ist's gekommen, daß Juden nichts mehr thun, ohne den Beichtvater zu fragen? Merkts Euch, ihr Männer von Mainz! Eine Entschuldigung hätten wir wohl für Hrn. Dr. Lehmann's Dementi: Es soll in einer dasselbe besagenden Mittheilung eines anderen Blattes lauten: die ״achtbarsten" Israeliten von Mainz. Darunter konnte L. freilich unmöglich sich und seine Sippe gemeint glauben. Aber dennoch behaupten wir: I)r. Lehmann weiß es, daß Männer seiner Gemeinde es waren, unter denen wohl sehr viele achtbare aber irregeleitete sind; er weiß es und wollte es so haben. Das sagt oben genannter Aufsatz, der nicht vom Lande herrührt und der von einem Manne kommt, dem die Verhältnisse auf dem Lande factisch durchaus fremd find. Auf dem Lande war noch keine Adresse aufgelegt, als sein Dementi gedruckt wurde. Das Mainzer Journal sprach nur von der Mainzer Adresse. Wenn diese Adresse die erste Kammer pasfirt hat und in die Oeffentlichkeit kommt, werden wir auf Verlangen die Namen nennen. Jetzt sind die betreffenden Acten in der Hand des bekannten Grafen Görz, des Be-