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Jüdische Volkszeitung · 1873-10-07 · 41 (7.10.1873) · p. Seite 322

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
41 (7.10.1873)
Date
1873-10-07
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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322 Boden reiner, wahrer Gotteslehre, und diese gipfelt in den Früchten höchster moralischer Freiheit und Tugendübung. Die Harmonie dieser beiden guten Genien und erlösenden Mächte der Menschheit ward nur dadurch getrübt, daß der Religion von jeher phantastisch ausgeschmückte oder willkürlich erdichtete Principien zu Grunde gelegt wurden, auf denen eine lautere und gediegene Morallehre höchstens theoretisch sich aufbauen ließ, mit welchen aber die Praxis beständig im schneidendsten Widerspruch treten mußte. Nichtsdestoweniger läßt der letzte in der Reihe der israelitischen Propheten den Herrn Zebaoth ausrusen (Maleachi, 1, 11): Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang ist Mein Name verherrlicht unter den Nationen rc. und erkennt damit auch dem, der israelitischen Gottesverehrung so antipathischen Paganismus den Werth einer gottgefälligen religiösen Bethätigung zu; um wie viel zwingender tritt diese Anforderung an uns heran in Betreff der aus dem Judenthum entsprungenen und ihm daher geistesverwandten Religionssysteme, der, wenngleich mannichfach Heidnisch gefärbten, doch in ihrer Grundidee israelitisch gearteten Töchter der Offenbarungslehre im eigentlichsten Sinne des Wortes. Der ״Quell des Lebens" — der Eine, ewige, lebendige Gott — ist also auch ihnen eröffnet, die Einen beten Ihn als ״Gott der Liebe", die Anderen als den ״Gott, außer dem es keinen Anderen gibt", also streng monotheistisch, an. Die zehn Worte, auf welchen der Bund des Ewigen mit Israel geschlossen worden, sie sind auch ihnen, wenngleich mit manchen wesentlichen Modificationen, Basis der Religion, und gestalten sich, hier mehr, dort weniger dem Stamme ähnlich, in mannichfachen Verzweigungen Zu Glaubens- und Sittenlehre. — Sollte man nun bei solch gemeinsamem Ursprung und so innigem geistigen Connex nicht auf ein friedliches und freundliches Verhältniß der Schwesterreligionen untereinander und insbesondere zu ihrer gemeinschaftlichen Mutterreligion schließen? Und doch, was tritt uns entgegen, so wir die Annalen der Geschichte in allen Jahrhunderten des Bestandes jener Töchterreligionen aufschlagen? Erbitterte Kämpfe bis aufs Blut, ja, wenn es nach der beiderseitigen Tendenz gegangen, bis zur Vernichtung, zwischen beiden in steter Wiederkehr, und parallel damit Haß und Groll beider in Wort und That bis"zur grausamsten Verfolgung und Vertreibung gegen die materiell weit schwächere, nur durch die ihr immanente unversiegbare Geisteskraft sich behauptende, äußerlich bis in unsere Zeit hinein nur ein kümmerliches Dasein fristende Mutterreligion (vergl. das trefflich gelungene Doppelbild in H. Grätz' ״Geschichte des Judenthums", Einleit, zu B. IV.).*) Wetteifern ja noch in unserem sogenannten Jahrhundert der Aufilärung die Völker und Stämme des Ostens und Westens — denken wir 6. g. nur an Damaskus, Marocco, Böhmen, Odessa und vor Allem Rumänien — förmlich in Beweisen der Unduldsamkeit und des Uebelwollens gegen die in ihrer Mitte zerstreute und umhergeworsene Nation, welche von jeher bis heute der Herold und unverrückbare Fahnenhalter des einig-einzigen Gottes geblieben, und lassen so das Martyrium ohne Gleichen in der Menschengeschichte, welches das Judenthum aufzuweisen hat; auch nach achtzehnhundertjähriger Dauer noch nicht ganz erlöschen. Ist es ein Schicksalsschluß, ein unabwendbares Fatum, oder liegt es in dem ״bösen Dichten des Menschenherzens von Jugend auf", daß, wie der Inder seinen Paria, der amerikanische Sclavenhalter seinen Neger, so der Europäer seinen Juden haben muß, an dem er sein Müthchen kühlen und den er als Prügelknaben unter seine Füße treten kann? Je größer und andauernder aber die Selbstaufopferung Jahrtausende hindurch, desto weniger kann, was auch immer fremde Dogmatik dagegen einwenden mag, ein Zweifel darüber obwalten, daß Alles, was Jesaiah (II.) von dem ״Knecht, dem Erwählten Gottes, an dem Er Seine Lust hat, auf den Er Seinen Geist gelegt" (K. 42) und dem ״schwer geprüften, zum Heil der Menschheit Schmach und Schmerz im liebermaß erleidenden Dulder" (K. 53) sagt, kein Anderer gemeint sei als die israelitische Nation, die erste und beharrlichste Schöpferin aus dem ewigen ״Quell des Lebens", durch deren Treue und Ausdauer in diesem hehren Beruf er auch den übrigen Völkern unversiegbar bleibt. Doch diese unleugbare Wahrheit anzuerkennen, sträuben sich fürerst noch Vorurtheil, Rechthaberei, Mißgunst, und vor Allem das herbe Urtheil, das man dadurch über das eigene Thun füllen würde, da man ja eben, wie oben gesagt, bis in die Gegenwart hinein unter den fortgeschrittensten Nationen selbst den auf den jüdischen Namen gewälzten Makel, so unbegründet er auch ist, ganz auszutilgen sich noch nicht entschließen kann. Allein mögen noch Jahrzehnte, selbst Jahrhunderte dahingehen, ehe der Wahrheit die volle Ehre gegeben wird und jene Erkenntnis; oder Anerkennung auch nur unter den civilisirten Nationen sich Geltung verschafft, das Wort Gottes, durch den Mund Seiner Seher vor Jahrtausenden laut verkündet, wird nicht zur Erde fallen und nicht leer zurückkehren. Jemehr die Menschheit sich von den Banden loslöst, in die sie Geistesknech- Lung, politische, sociale und kirchliche Bevormundung durch Absolutismus, Feudalismus und Pfaffenthum geschlagen, desto näher rückt die Zeit heran, da die Geist erleuchtende und befteiende gängigen Thatsache die Exklusivität und in Folge derselben Jntoleranz des Christenthums und Islams im Gegensatz zur Toleranz und Humanität des Judenthums bezeichnet. S. das. S. 190 ff. u. besonders 2. 252 ff. *) Stein's ״Schrift des Lebens" trifft ohne Zweifel den Nagel auf den Kopf, wenn sie als Urgrund dieser auffallenden durch-

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