Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 40 (1.10.1873)
- Date
- 1873-10-01
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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314 Wurzel fassen, zu lassen, als man anderer Orten aus irreligipser Religiosität Intoleranz, Hohn und Verachtung gegen AnderKglaubende und deren Bekenntniß schon der Jugend in die Seele pflanzt und so den Frieden und die Liebe, welche jede wahre Religion am meisten unter den Menschenkindern zu befestigen sich versetzt, aus ihrer Mitte verscheucht, das gerade Widerspiel dessen, was ihre lautersten Herolde, die Propheten des Herrn (Jes. 2, 11; Mich. 4) für die spätere Folgezeit verkündet. ״Nicht also sei das Theil Jakob's", wo man, weit entfernt, Andere Zu verunglimpfen und zu verhöhnen, täglich betet, daß ״unser Gemüth ruhig bleibe bei allen Verlästerungen und so wenig als der Staub der Erde etwas daraus erwidere." (Schlußgebet.) A4 vocem Lästerungen! habe ich wider Willen heut abermals ein Wort über ״Akedah" beizufügen Veranlassung. Der very reverend and honorable Author des Artikels ״Der jüdische Opfercultus" in Nr. 32 und 33 d. I. gibt mir solche wiederum dadurch, daß er bald zu Anfang desselben, und auch später noch einmal kurz aber scharf, auf jene recurrirt und ihre reale Deutung (an und für sich kein rechter Gegensatz zu seiner symbolischen Deutung!) nicht nur sonder- Lar, ja verkehrt, sondern sogar gotteslästerlich zu nennen beliebt. Die ganze Deduction seiner Ehrwürden fällt aber, meiner unmaßgeblichen Meinung nach, mit einem Schlage zusammen, sobald man auf die derselben zu Grunde gelegte Prämisse zurückgeht, daß dem Acte reale Bedeutung beigelegt werde. Was heißt denn ״real"? Wirklich, thatsächlich, also hier ״wirklich, thatsächlich vollzogen". Daß aber in unserem Falle das Menschenopfer wirklich vollzogen worden und etwa darin der Werth der That Abrahams liege, sagt weder die Bibel — in der von vornherein die Sache als eine bloße Prüfung hingestellt, und, nachdem diese heroisch bestanden, einfach berichtet wird, daß der wirkliche Vollzug des Opfers, der in der That heidnisch-barbarisch genannt werden müßte, im letzten Moment (was — beiläufig gesagt — das Drastische des Vorgangs aufs Aeußerste erhöht) von derselben Stelle her, woher er angeregt worden, inhibirt wurde — noch die Tradition in der das Ereigniß beständig blos als Akedah, Bindung, bezeichnet und damit jede Idee einer factischen Opferung principiell ausgeschlossen wird, noch schließlich meine Wenigkeit, der dasselbe seinen hohen Werth eben und allein in seinem idealen (dem stricten Contraste des realen) Gehalte birgt. In seinem idealen Gehalte! und zwar (wie das meine frühere Besprechung des Objectes ergibt) in den: doppelten Sinne, daß erst dieser Act den erhabenen Geist und Willen, von dem Abraham durchweht war, und der ihn bis an die äußerste Grenze der Aufopferungsfähigkeit im Dienste! des höchsten Gottes Vorgehen läßt, unübertrefflich offenbart,! derselbe andererseits a&e* als Ideal, Vor- und Musterbild seinen Nachkommen (resp. allen Völkern, die durch ihn gefeg- | net werden sollten), die sein Beispiel nachzuahmen leider nur ^zu viel Gelegenheit hatten, beständig vorschweben sollte. Daß!die Qpferstätten, auf denen seine Enkel hingeschlachtet und!verbrannt wurden, von Fanatismus aufgerichtet und gleich ^dem Molochsdienste dem Ewigen ein Greuel und Abscheu!waren (nicht auf Sein Geheiß und nicht ״zuSeiner größeren : Ehre", wie die im obigen Artikel gekennzeichneten Heuchler! Vorgaben, errichtet worden), wer wüßte das nicht, wer könnte!das wohl vergessen und übersehen? Aber gebracht mußten; diese Opfer unter den gegebenen tragischen Umständen nolens! volens doch von den Israeliten werden, wenn das Juden- 1 thum nicht dem Untergang geweiht werden sollte, und wenn! nicht gefordert, zugelassen, geduldet wurden sie doch jedenfalls von der göttlichen Vorsehung, da man ja diese ganz weg-! leugnen müßte, wollte man fupponiren, daß solche, über viele : Jahrhunderte sich ausdehnende und Millionen unschuloiger! Menschen betreffende Facta wider Ihren Willen vor sich gehen; konnten. Hiernach kann vielmehr die Nothwendigkeit, die Akedah!in unserem Sinne zu deuten, nicht zweifelhaft sein, und! spricht also, worin wir mit Hrn. Dr. Rothschild vollkommen übereinstimmen, nichts für ihre reale, so doch, entgegnen!wir, alles für ihre ideale Bedeutung. Dies mein Eotornm j 06n860 in diesem Betracht, das nochmals zu wiederholen ich 1 hoffentlich fernerhin nicht genöthigt sein werde. Im Speciellen! möchte ich die Combination der biblischen, und zwar so signi-! ficanter Erzählungen mit der Agada und Romanliteratur! wohl von einem de Wette, Bohlen, Renan und sonstigen rationalistischen andersglaubenden Kritikern mir wohl gefallen lassen, kann sie jedoch im Munde eines jüdischen Theologen, aufrichtig gestanden, durchaus nicht begreifen, höchstens für einen augenblicklichen, in der Hitze des Streites entschlüpften 1ap8us calami halten. Die Kluft zwischen diesen verschiedenen Geisteserzeugnifsen dünkt mich so immense, daß ich es nur für einen salto mortale halten kann, sie überspringen zu wollen. Sapienti sat! Dr. M. St. Ein Geöet ^ür äie lKerlrängten. Die jüngst veröffentlichten ״Verhandlungen der zweiten israelitischen Synode" bekunden, daß mit einziger Ausnahme einer Bemerkung Nr. 173 u. f. meines nachstehenden Antrags in der Synode nicht gedacht, er auch nicht einmal für so brauchbar angesehen worden ist, um einen Platz im Anfänge zu finden. Die Commission hat seine, von den Freunden Kohner und Genossen beantragte Dringlichkeit abgelehnt und ihn für den Zeitpunkt der Cultusberathungen zurückgestellt.