Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 39 (24.9.1873)
- Date
- 1873-09-24
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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307 Wir erkennen im Streben das Wesen aller wahren Cultur und in der Fortbildung des religiösen Lebens das Gepräge ihrer Göttlichkeit. Nur Streben ist Leben. Sie wollen uns durch tausenderlei Formen und Gesetze, welche für eine andere Zeit geschaffen waren und sich überlebt haben, trennen und absondern von den Brüdern, die anderen Glaubens sind, von unseren Mitbürgern; sie wollen, wenn sie auch ״von Freiheit der Culte" u. dgl. m. sprechen, es doch thatsächlich unmöglich machen, daß unsere Kinder echte Bürger des Staates werden und ihm jederzeit und in jeder Weise, gleich den übrigen Bewohnern desselben dienen können. Wir wollen die Scheidewände wegräumen, erkennen im Staate eine sittliche Lebensgemeinschaft; ״die Gesetze des Staates sind auch unsere Gesetze", welchen wir uns! zum Besten des Ganzen mit Freudigleit fügen. Wir wollen; zuerst Menschen, dann Bürger und zugleich Juden sein, weil j Eines das Andere nicht aufhebt, sondern im Gegentheil mit j inbegriffen ist, fördert und stützt. j Sie predigen die Liebe und haben den Haß im Herzen gegen Alle, die sich ihnen nicht blindlings fügen. Sie suchen die Einheit des Judenthums zu untergraben, speculiren — wehe, daß wir das sagen müssen — auf Spaltung und Trennung, suchen überall Sondergemeinschasten zu gründen, bei welchen Machinationen ein großer Theil der Führer nur eigennützige und jedenfalls verwerfliche Absichten im Schilde führt. Wir erachten die Erhaltung der Einheit des Judenthums als eine heilige Pflicht, der wir die größten Opfer zu bringen bereit find. Wir suchen alle unsere Brüder zu erleuchten, aufzuklären, die wahrhaft religiösen Grundlagen unserer Ueberzeugung und Bestrebungen zu documentiren. Sie nennen sich die ״Gesetzestreuen". Wir können uns mit größerem Rechte die ״Gesinnungs- und Ueberzeugungstreuen" nennen. Ihnen ist die Religion blos ״Gesetz". Uns ist sie das Leben, das ganze sittliche Leben, die geistige Erkenntniß, die Verehrung im Herren und die sittliche That. Sie beten, was vormals gebetet worden, die alten Worte; obwohl diese Worte in dem Munde der Meisten unwahr und widersinnig sind. Wir suchen im Gebete den Ausdruck unserer religiösen Gefühle und Ueberzeugungen kund zu thun und wollen unsere Herzen aus unseren Händen zu unserem Vater im Himmel erheben. Sie erkennen nur das hebräische Gebet als ein solches an. Wir beten ״in jeder Sprache, welche wir verstehen": Das hebräische Gebet hat zur Erhaltung der Einheit im Gotteshause seinen unbedingten Werth; allein insbesondere die Muttersprache erwärmt das Herz und führt zu Gott; sie hat daher ihre unleugbare Berufung als Gebetsprache. Mit dieser erfüllen wir die Pflicht des Gebets, mit jenem verrichten wir das Pflichtgebet. Sie handhaben die Verleumdung, den Haß, den Bannstrahl, das Anathema als ihre Waffen und erklären sich als unfehlbar. , Wir erkennen die Gewissensfreiheit als unverletzliches und angeborenes Menschenrecht an, das in der Religion des Judenthums überzeugenden Ausdruck gefunden hat." In der Reinheit unserer Bestrebungen liegt unsere Hoffnung. Und darum fordern wir mit Recht die Mitwirkung und Theilnahme aller denkenden Israeliten, welchen die Religion noch nicht ein leerer Schall geworden. Wir müssen uns, wollen wir das vor Zerfall retten, was uns das Heiligste ist, zusammensinden, wie sich die Gegner schaaren; vereint im Kampfe für unsere Hoffnungen und Bestrebungen. Unsere Zeitschrift vollendet mit dieser Nummer ihren ersten Jahrgang. Sie wird auch in der Zukunft auf ihrem Platze sein — treu und beharrlich. So begrüßen wir denn nach alter guter Sitte unsere geschätzten Leser zum Neujahrstage, zu den hehren Festen, die wir zu feiern uns vorbereiten! Allen strebenden Genossen, allen Freunden des Lichts, Allen, welche dem Fortschritt im Bunde mit der Religion treu und ergeben sind, Allen, die im Dienste Gottes und der Menschen Gutes wirken und das Gute unterstützen mit Kraft und mit Muth und mit hingebender Begeisterung, allen guten Menschen wünschen wir herzlichst 12לשנה טובח ה2ה ein frohes und glückliches Jahr! Ober-Ingelheim. Klingenstein. Uns dem Monatsöericüt der israet Uffianj. 1) Unter den Gaben an die Gesellschaft bemerken wir 1000 Fr. von B. H. Goldschmidt in Stuttgart (?) und 1200 Fr. anonym aus Paris. 2) Hr. Astruc, Oberrabbiner von Belgien, schlägt vor, mit den Schulen im Orient ״Kindergärten nach dem Fröbel'schen System" zu verbinden und will, da in Belgien zahlreiche Anstalten dieser Art bestehen, zur Ausführung hilfreiche Hand leisten. Doch verschiebt der Ausschuß die Prüfung des Vorschlags auf die nächste Sitzung. 3) Die Schule zu Schumla wurde der Cholera wegen momentan geschlossen. (In zwei Tagen starben dort 180 Personen.) — Zöglinge aus Bukarest, Bagdad, Schumla, Volo (je 1) und Constantinopel (2) werden ins Pariser Seminar ausgenommen. — Die Gemeinde Rustschuck dankt für die Er-