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Jüdische Volkszeitung · 1873-09-24 · 39 (24.9.1873) · p. Seite 306

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
39 (24.9.1873)
Date
1873-09-24
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 niedrigungen verscheucht waren vom frischen Bome des öffentlichen Lebens, da erbauten sie sich ihr eigenes ״Heim"; ihr ganzes Dasein und ihre Lust beschränkte sich aus ihre Wohnungcn und Synagogen; und sie formten und bildeten länger als ein Jahrtausend, um es sich wohnlich zu machen in ihrem Sinne, um׳ sich hier einzuweben und einzunisten in einem künstlichen Geflechte von Gebräuchen und Gesetzen, von Lebensanschauungen und Gewohnheiten. In diesem so ausgeschmückten Heim, das sie gewoben aus dünnen ״haargespaltenen" Fäden, die sie anhefteten an die ewige Quelle vorn Sinai, das aber längst seinen hehren Ursprung nicht mehr erkennen ließ, lebten sie fort und — fühlten sich glücklich. Längst war es Heller geworden — sie aber nisteten immer noch in ihren dunkeln Wohnungen und Staub aus Staub häufte sich bei ihnen an, daß es fast schien, als könnte das Licht nimmermehr durchdringen. Als aber die Sonne der neuen Zeit immer mächtiger ihre Strahlen ausgoß und alle Berge und Thäler ringsumher erleuchtete, da drang ein Strahl des neuen Lichtes auch in die hohen, aber düsteren und traurigen Wohnungen Juda's und ein Wonneschauer ergriff die, so darin weilten und ein Faden nach dem andern zerriß und zerbarst von dem alten Spinnengewebe; da wollten sie hinaus — aber noch hemmte und behinderte das alte Geflechte ihre Schritte. Und jetzt suchten sie den Ursprung der Fäden — und siehe, er war j nicht am Sinai, wo sie ihn geglaubt, sondern weit, weit hinweg von dieser ewigen Lebensquelle. Und sie konnten und mochten doch das ״Heim" selbst nicht verlassen; aber sie räumten das verworrene Geflechte hinweg, schüttelten den Staub von ihren Füßen und — standen frei im Leben, wandelten ungeblendet im Sonnenlicht der neuen Zeit, der Wissenschaft, der Weltbildung. Sie eroberten sich neu das alte Heim. Aber nun verfolgte diese ״Männer der Reform" der j Vorwurf zurückgebliebener und wahnbethörter Brüder Und immer lauter und immer häßlicher und wuthschnaubender tönte der Ruf der Lichtfeinde: Ihr habt den Bund gebrochen; Ihr habt die Bande zerrissen, die Euch verbinden mit Eurem Gotte und mit Euren Vätern. Das Gespinnst, wovon Ihr so wegwerfend sprecht, war für die Ewigkeit gewoben und der Staub durch die Zahl der Jahre geheiliget. Wir kennen die, die so sprechen, und ihre Bestrebungen und Hoffnungen! Sollen wir ihre nicht wahnbethörten Führer in ihrer ganzen Verworfenheit schildern, sollen wir sie schildern, die Menschen, die die bewußte Heuchelei, die jedes edle Streben im Keime erstickende Werkheiligkeit und Formenvergötterung im Judenthume herrschend machen wollen? Es ist nur ein geringzähliges, an Wissen armes Häuflein, aber sie sind mächtig geworden durch ihren Fanatismus, durch ihren zelotischen Eifer, durch ihre Wühlerei, durch die Abhängigkeit, in welcher sie die an und für sich geringzählige Schaar ihrer unbedingt Ergebenen, die ״Armen an Geist" zu erhalten wissen; sie sind mächtiger in ihrer Art, als wir glauben. Wir haben es nie verleugnet, daß unsere Bestrebungen und Hoffnungen anderer, durchaus entgegengesetzter Art sind. Mit voller Kraft, mit fteiem Bewußtsein, mit entschiedener Hingebung treten wir ein für die Erhaltung der Einheit des Judenthums, welche jene untergraben; für den Fortschritt des religiösen Lebens, den jene bekämpfen. Unsere Bestrebungen sind die Grundlage unserer Hoffnungen: Wir kämpfen für Licht in der Religion des Lichts und — das Licht wird Sieger bleiben! Mehr Licht! Was wollen sie, die Gegner des Lichts? Was wollen wir? ״Sie wollen die Gegenwart bannen an die religiösen Uebungen und Formen, welche nur der Ausdruck des religiösen Lebens einzelner Epochen in der Vergangenheit waren. Wir wollen, daß den Anschauungen der Gegenwart ihr Recht werde; und daß Formen, die unserem der Bildung unserer Zeit zugewandten Sinne widersprechen, für unser religiöses Denken und Fühlen abgestorben sind, abrogirt werden, gleichgültig, wie alt oder wie jung sie sein mögen, j Sie fordern blos die äußerliche Uebung; die ״Herzensandacht" ist ihnen Nebensache. Uns ist jeder blos äußerliche Dienst ein Greuel. Wir wollen nur, was unser Herz erhebt, läutert, zu Gott führt: Innerlichkeit. Sie wollen unsere Kinder erziehen und bilden durch Einführung in ein Schriftthum, das nur wissenschaftlichen, geschichtlichen Werth hat, nur die historische Entwickelung des Judenthums darstellt und darum auch die verschiedensten Anj sichten vieler würdiger Lehrer aus mehreren Jahrhunderten friedlich nebeneinander stellt, obgleich sie sich widersprechen. Wir wollen unsere Kinder erheben durch die Elemente der Erziehung, die der ganzen cultivirten Menschheit in der Gegenwart angehören, und da sie den Geist bilden und unser Herz erheben, Religion sind. t״Den Geist bilden ist Religion." Bettina.) Sie nennen den Unterricht im Hebräischen, in Mischna, Talmud, Schulchan-Aruch an und für sich Religionsunterricht. Uns ist ReligionsuMerricht die Blüthe alles Unterrichts, die Belehrung in der Erkenntniß Gottes, der jüdischen Geschichte und der Ermöglichung einer andachtsvollen Theilnähme am öffentlichen Gottesdienst. Sie fördern den Rückschritt, jeder Fortschritt ist ihnen schon an und für sich ein Greuel. Sie wissen nichts von einer Fortbildung des geistigen Lebens, der Religion.

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