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Jüdische Volkszeitung · 1873-09-17 · 38 (17.9.1873) · p. Seite 299

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
38 (17.9.1873)
Date
1873-09-17
Page
Seite 299 (sequence 3)
Language
German
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299 Eorrejponäenz. Jöarfcfiatt, 24. Aug. In Ihrer so sehr geschätzten und hier viel gelesenen ״Jüdischen Volkszeitung" bringen Sie selten eine Nachricht aus der hiesigen Jsraeliten-Gemeinde! Und doch wäre diese, 80,000 Seelen zählend, ein geeignetes Object und wohl der ganz besonderen Beachtung einer Zeitschrift werth, welche sich die Fortbildung und Veredlung des jüdischen Volks zum Ziele gesetzt hat und dies Ziel auch für Deutschland besonders in so würdiger und entschiedener Weise verfolgt. Ich werde Ihnen daher von Zeit zu Zeit Nachrichten aus der hiesigen Gemeinde zukommen lassen*) und beginne heute mit einigen Notizen. — Dieser Tage hat dahier ein junger israelitischer Advocat, Hr. Simon Rodzyn, die höchste Stufe der Advocatur erreicht: er wurde zum Vertheidiger (Mecenas) beim Senat ernannt — eine Würde, zu der bisher noch kein Jsraelite gelangte und auch die christlichen Candidaten müssen zumeist viel älter sein. Hr. R. ist erst 27 oder 28 Jahre alt und überhaupt erst 5 Jahr in der Advocatur und 1 Jahr bei der Appellation Advocat (Jüd. Volksztg. Nr. 1). Hr. Rodzyn ist auch Magister der Warschauer polnischen Universität, an der er studierte und Doctor einer deutschen Universität. Er ist ein vorzüglicher Redner und seine Vorträge werden stets von vielen Zuhörern besucht. Dabei ist er ein sehr tüchtiger Hebräist und Talmudist, was — Sie werden sich darüber wundern — hier in Warschau bei den sogenannten gebildeten und gelehrten Jsraeliten sonst durchaus nicht der Fall ist. In dieser Beziehung täuscht man sich in Deutschland sehr. Auch bei uns findet man das talmudische Wissen nicht mehr auf der Straße. Die Gebildeten sind so indifferent — bei Hr. Rodzyn ist dies wohl nicht der Fall; er ist ein guter Jude — sein Hauswesen ist ein jüdisches (כשר) — und ein tüchtiger Charakter, ein edler und wohlthätiger Mensch. — Der seitherige, von der Regierung bestellte hiesige Rabbiner Jacob Gesundheit hat dieser Tage seine Demission bekommen. Dieser Herr hatte vor einem Jahre ohne oder gegen den Willen der Gemeinde die seither verwaiste Stelle des seligen und unvergeßlichen Baer Meisels bekommen. Er suchte sich in seinem Amte nicht zu befestigen durch die Einigkeit mit der Gemeinde; vielmehr glaubte er sich dies Ziel! durch Trotz, durch imponirendes Austreten, durch Kriegführen mit allen Schichten der Gemeinde erreichen zu können. So wurde er auch von Allen gehaßt, bei den Orthodoxen und Chassidim ebensosehr wie bei den Gebildeten. Er stützte sich *) Wir bitten sehr darum! Doch knüpfen wir daran den Wunsch, daß diese Mittheilungen nicht nur auf Persönlichkeiten und seien! diese auch hervorragende, sondern mehr auf allgemeine Zustände! und Bildungsverhältnisse sich beziehen mögen. Redactton. I auf hohe Protection und [lebte in ewigem Hader mit den Vorständen. Sein Schicksal hat ihn nun erreicht! Welchen Segen könnte ein charakterfester und humaner Rabbiner in dieser aus so vielen heterogenen Elementen zusammengesetzten Gemeinde stiften! Hr. Gesundheit ist zwar ein guter Talmudist, aber es geht ihm wissenschaftliche und sprachliche Bildüng ganz ab. Seine Stelle trug 2500 Silber-Rubel und eben so große Nebenrevenuen. — Die Vorsteher gehen mit dem Plane um, eine Synagoge für 200,000 Silber-Rubel zu bauen und soll der Fond blos bei Juden binnen zwei Jahren angesammelt werden. Mit dieser Geldsammlung geht es aber nicht so gut — trotz der 80,000 Israeliten, die wir hier haben und des enormen Reichthums, den man bei Vielen derselben findet. Die Hälfte sind jedoch Fremde und aus den polnischen und russischen Provinzen neuerdings Zugezogene. Diese Leute wollen der Stadt nicht zu Hülfe kommen. Sie sind durch Abschaffen des Tagezettels hierher gekommen, nur zu dem Zwecke, ״Geld zu machen", aber nicht herzugeben. Und wenn Manche auch schon Geld mitgebracht, so verwenden sie es lieber auf Theater, Verweilungen rc. als auf Synagogen. Die ״Chassidim" und ״Frommen" geben auch nichts — und so sind, trotzdem schon seit 3/4 Jahren gesammelt wird, blos von den alten Warschauer Familien Gaben, etwa 6000 Rubel zusammen gesammelt. Die Wohlthätigkeit der Israeliten läßt sich jedoch nirgends und nimmermehr verleugnen. In Warschau herrscht jetzt sehr stark die Cholera. Viele Israeliten haben mit Erlaubniß der Regierung sogenannte Cholerazimmer eingerichtet, wo auf verschiedenen Punkten der Stadt mit Unterstützung der Glaubensgenossen die Cholerakranken ausgenommen, ärztlich behandelt und vortrefflich gepflegt werden. Sobald in solchen Choleraasylen von einem Kranken ohne Unterschied der Confession Kunde eintrifft, so nehmen sie ihn auf und leisten ihm alle Hülfe unentgeltlich. Indem ich Sie ersuche, weitere Schreiben fteundlich aufzunehmen, erlaube ich mir schließlich an die Expedition die Frage, warum wir Ihre Zeitschrift hier in Warschau so spät bekommen — immer erst drei Wochen nach deren Erscheinen? Wir haben heute den 24. August und sind erst im Besitze von Nr. 31 vom 30. Juli?*) Von äer Werra. Wenn ich auch kein Prophet und keines Propheten Sohn bin, so habe ich doch einen richtigen Blick in die Zukunft gethan, wenn ich in meiner Correspondenz in Nr. 21 d. Bl. der Befürchtung Ausdruck gab, daß durch das orthodoxe Vorgehen des Hrn.vr.Kroner unsere sociale Stellung *) Wahrscheinlich beziehen Sie durch Buchhandlung, die nach Warschau keine schnelle Beförderung zulassen wird? Redaction.

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