Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 38 (17.9.1873)
- Date
- 1873-09-17
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Saat des Staates und der Kirche Heil begründen zu können wähnen oder doch vorgeben! Alle Besonnenen und Wohlmeinenden beider Religionen leben nun freilich der Gewißheit, daß das Gebühren dieser Fanatiker und Fanatisirenden nur zu ihrem und ihrer Trabanten Verderben ausschlagen müsse, und dies um so schneller und schwerer, je mehr sie sich blindlings von ihrer Wuth fortreißen laßen; da man aber auch von den Thoren, und zwar wie man nicht denken und Handeln müsse, lernen soll, so neigen wir lauschend das Ohr und vernehmen aus dem Getöse dieser Störenfriede die Bewahrheitung des grausig-erhabenen Spruches unseres Dichterfürsten: ״Doch das Schrecklichste aller Schrecken das ist der Mensch in seinem Wahn." Und dieser gefährliche Wahn, welcher ist es in unserem Falle? Der, welchen Lessing schon vor einem Jahrhundert in der herrlichen Parabel von den drei Ringen nebst dem gegenübergestellten kurzen Verdict ״Thut nichts, der Jude wird verbrannt", scharf gegeißelt: der Wahn von dem Seligwerden blos durch den Glauben, und das eben durch einen einzigen bestimmten Glauben mit Ausschluß jedes anderen, welcher letztere (in allen seinen hundertfachen Specien) vielmehr als ketzerisch und darob;ur zeitlichen und ewigen Verdammniß führend erklärt wird. Hier ist es nun, wo auch nach uns gerichtet eine ״Mahnung der Zeitgeschichte" ergeht. Zwar gibt es im Judenthum keinen eigentlichen Streit um Dogmen, da diese, so weit sie wesentlich und grundlegend, nicht wie anderwärts auf Treu und Glauben angenommen werden müssen, sondern das Licht der Vernunft keineswegs zu scheuen haben und, je mehr sie von dieser gesichtet und durchforscht werden, nur in desto schönerer Harmonie mit ihrem klarsten Begreifen und Denken stehend sich erweisen; desto härter ist dagegen der Zwiespalt in Betreff des gesetzlich Gebotenen und Verbotenen, des Herkommens und der Tradition, des noch zu Erhoffenden oder Aufgegebenen, und wie sich all dies im privaten und öffentlichen Leben, Ln Werken und Gebeten, sowie endlich unter welcher Form es sich kundgeben solle: ob in der altheiligen oder Landessprache, mit oder ohne Chorgesang und Orgelbegleitung u. dgl. m. Nachdem jedoch Leben und Wissenschaft über die meisten in diesen Beziehungen aufgeworfenen Fragen und Zweifel längst, und in der Regel in liberalem Sinne entschieden, ertönt aus dem Lager der Zionswächter in Süd und Nord (Mainz, Frankfurt, Berlin rc.), wiewohl auch sie von der unwiderstehlich vordringenden Cultur stark beleckt sind und sie ihr schon manche factische Concession gemacht, von Jahr zu Jahr mehr der Ruf nach — ä 1a Stahl-Gerlach — Umkehr zum — Alten, rabbinisch Sanctionirten, mißbräuchlich Eingeschlichenen, wenn es nur im Schulchan-Aruch oder in einem anderen, sei es Codex, sei es Gutachten u. dgl. seine urkundliche Fixirung gefunden. Nun wird ihnen kein Vernünftiger im Mindesten das Recht bestreiten, diesen Standpunkt für sich einzunehmen und streng innezuhalten, wenn nur die beiden Bedingungen von ihnen erfüllt werden, daß sie 1) es mit dieser ihrer ausgesprochenen Ueberzeugung wirklich ehrlich meinen und sie nicht blos scheinbar zur Schau tragen und 2) die ihnen zugestandene Gewissensfreiheit auch in gleichem Maße der gegnerischen Seite vergönnen, nicht aber sich allein zu Sitten- und Ge- Wissensrichtern über alle Andersdenkenden aufwerfen und deren Thun und Lassen verpönen und verdammen. Wie es ad. 1 sich verhalte, wollen wir Dem anheimstellen, der ״Herz und Nieren prüft", daß dort viel Humbug mit dem Artikel ״Frömmigkeit" getrieben wird, ist leider eine längst bekannte Thatsache. Was aber Punkt 2 betrifft, so sollten die ״ftommen" Herren, wenn nicht schon genugsam aus der langen tragischen Geschichte des Judenthums seit dem Beginn des Exils, so doch aus den oben angebenen Ausartungen des Fanatismus in unserer gegenwärtigen Zeit die einfache, aber äußerst wichtige Lehre sich entnehmen: Duldsamkeit, Friedfertigkeit, mit einem Worte: Toleranz muß die Grundnorm, das Hauptdogma bilden, wonach jeder echte, wahrhaft (nicht blos scheinbar) echte und rechte Israelit sein Verhalten sowohl den Glaubensgenossen als den Andersgläubigen gegenüber bemißt, und wer es an diesem Kriterion fehlen läßt, der stellt sich selbst das vollgültigste Zeugniß aus, daß er kein in Wahrheit und Aufrichtigkeit Frommer und Gottessürchtiger, sondern ein (nach Ultramontanen- und Jesuitenart im gegenseitigen Lager sich verhaltender) Scheinheiliger und Hypokrit sei. — ״Du predigst hiermit nur tauben Ohren", dürfte aber mancher Leser mir hiergegen einwenden, ״denn die es am meisten angeht, nehmen entweder von deinen Worten gar keine Notiz oder legen sie mit Lächeln und Achselzucken verächtlich bei Seite." Mag sein! Doch derselbe Einwurf konnte auch ehedem den Propheten des Herrn und kann auch heutigen Tages den meisten Kanzelrednern gemacht werden, und gleichwohl fanden jene und finden sich diese berufen, der Wahrheit und dem Recht immer und immer wieder ihre Stimme zu leihen, gewiß, daß das wohlgemeinte, kräftig betonte Wort in Nah und Fern, ftüher oder später, doch auf fruchtbaren Boden fallen und der Mit- oder Nachwelt zum Heil gereichen werde. Und es gilt fürwahr ein hochheiliges Princip zu wahren! ein Princip höhster Humanität, daher für die gesammte Menschheit von vorzüglichster Bedeutsamkeit, wenn auch — gleich der Lehre des Monotheismus und ihrer Consequenzen — inmitten des Judenthums, das durch seine Verletzung am schwersten unter allen Völkern und Religionsgenossenschaften gelitten, erst klar und offenbar geworden: Das Princip der Gewissens- und Glaubensfteiheit. (Schluß folgt.)