Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 37 (10.9.1873)
- Date
- 1873-09-10
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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293 Aber der Tod war stärker als der Aerzte Kunst, als der Wärter Sorgfalt; er achtete nicht auf die Sehnsucht der Gattin, die indessen Mutter geworden, nicht auf die zarten, flehend gehobenen Händchen des Säuglings, der noch nicht den Heldenvater geschaut; die Mutter seines Kindes, sie konnte seine Heldenbrust nicht mehr umarmen, aber erhebend für sie und ihr Kind ist das Heldenangedenken, das er hinterläßt. Aber auch er, Isidor Michel, der unter dem feindlichen Heere gegen uns kämpfte, als Gefangener vor Metz eingebracht und hier am Typhus im Militärspital erlegen ist; er hat als Patriot seinem Vaterlands gedient, und selbst im Feinde müssen wir die Liebe zu seinem Volke und zu seiner Heimath ehren; darum hat er es auf seinem Krankenlager nicht fühlen dürfen, daß er kein Eingeborner war, und im Tode sind wir Alle gleich, auf dem Leichenacker und in der Gemeinschaft der Geister hört alle Feindschaft auf. So sind die Beiden, welche diese Grabstätte deckt und von denen dieser Denkstein zeugt, würdige Söhne ihres Volkes. Unsere Jugend darf sie zum Vorbilde nehmen in der Liebe zum Vaterlande, in der Aufopferung für dasselbe und in dem Kampfesmuthe, der den Tod nicht scheuste, um zu kämpfen und zu siegen für Gott, Kaiser und Reich und das angestammte Fürstenhaus. Nun sd sei dieses Denkmal der Obhut der hiesigen israelitischen Gemeinde anvertraut! Sie wird es schützen und wahren als Denkzeichen des Mannesmuthes und der Tapferkeit. Der Herr der Heerschaaren aber wird schirmen Kaiser und Reich, unseren König Karl und Württemberg jetzt und allezeit! Aus äer Drooiaz Hessen, Mitte August. Die Nr. 29 und 30 der ״Hessischen Schulzeitung" bringt folgende, mit ״Ein Zeichen der Zeit" überschriebene Notiz: Vor ungefähr 35 Jahren verließ der Lehrer Philipp Lewald das israelitische Lehrerseminar zu Casiel, um die Lehrerstelle zu Barchfeld, im Kreise Schmalkalden, zu beziehen, in deren Besitz er sich bis heute noch befindet. Mit außergewöhnlichen Kenntnissen, namentlich im Hebräischen, ausgerüstet, war Lewald nicht nur in der eigenen Fortbildung bis auf die jüngste Zeit unablässig thütig, — er studirte oft bis zur Mitternacht hinein — sondern auch in allen seinen Amtspflichten einer der pünktlichsten und treuesten Arbeiter im Weinberge des Herrn, dabei stets liebevoll und äußerst sanft sowohl in der Schule als in der Gemeinde. Sein würdiges, charaktervolles Benehmen hat Einsender noch unter keinem Collegen in so hohem Grade vorgefunden, und war dies auch die Ursache, daß Lewald nicht nur in: Orte, sondern in der ganzen Umgegend stets als hochgeachteter Mann dastand. Ohne seinen Rath eingeholt zu haben, wurde selten etwas von Wichtigkeit in der Gemeinde unternommen, wobei jedoch vielleicht nie ein Wort von Ruhmrednerei rc. über seine Lippen ging. Die gegenwärtige Generation der dortigen israelitischen Gemeinde gehört, bis auf einzelne Ausnahmen, zu seinen gut ausgebildeten Schülern, die fast alle das Streben nach Fortbildung in sich tragen, und dennoch — verläßt Lewald Anfangs August den Ort seiner langjährigen segensreichen Thätigkeit, um bei Söhnen und Verwandten in Amerika das zu finden, was er in Barchfeld seit Jahren nicht mehr erreichen konnte — eine schlichte, höchst einfache Existenz. Mögen sich seine Wünsche realisiren und der Abend seines verdienstvollen Lebens überhaupt recht freudenvoll an ihm vorüberziehen! Dies zum Abschiedsgruße vom Einsender, — das ״Zeichen der Zeit" aber heraus zu finden, wird dem geneigten Leser gewiß nicht schwer werden. Dies ein Spiegelbild aus dem Lehrerleben und wäre Schreiber dieses im Stande, weitere Faktas zu verzeichnen, welche beweisen, wie sehr der immer mehr fühlbar werdende Mangel an Lehrkräften seine tiefere innere Ursache hat! (Nachbemerkung der Redaction. Wir erhielten von Hrn. Lewald ein herzinniges Abschiedsschreiben, ein Lebewohl an die deutsch-jüdischen Lehrer und insbesondere an die Mitglieder der Achawa, welcher derselbe angehört hatte von ihrer Entstehung an. Wir unsererseits wünschen dem verehrten Collegen herzlichst glückliche Reise und Glück in der ״neuen Welt"! Möge der Boden dort ihm gesegnetere Früchte bringen, als der hiesige für den jüdischen Lehrer trägt! Sollen wir hinzufügen: Wehe den Zurückbleibenden? Es scheint fast so! Daß der Lehrerstand so viele seiner besten und tüchtigsten Kräfte verliert, ist ein sicherer Beweis, daß Vieles faul ist —, Gott bessere es!) staät-Lengsfekä, 18. August. Die Ihnen von hier aus zugegangene Nachricht von demBeitritt unserer Gemeinde zum Gemeindebund in Nr. 33 d. Bl. ist mit folgender Bemerkung ausgestattet: ״Hoffentlich wird es den eiftigen Bemühungen unseres Herrn Landesrabbiners Dr. Kroner gelingen, auch die anderen jüdischen Gemeinden des Großherzogthums zum Beitritt zu veranlassen." Diese Darstellung läßt voraussetzen, daß Hr. Kroner den Anschluß hiesiger Gemeinde an den Gemeindebund veranlaßt oder gefördert habe. Das ist aber ganz entschieden dem wahren Sachverhalt entgegen; Hr. Kroner ist dabei sehr unschuldig; es steht sogar sehr zu bezweifeln, daß ihm der Beitritt überhaupt erwünscht war, es kann deshalb von einem ״Gelingen seiner eifrigen Bemühungen" keine Rede sein. Auch was über ״viele kleinere ärmere Gemeinden, trotz der natürlich sehr mäßigen Zuschüsse seitens der Regierung", gesagt ist, hat nicht den Anspruch auf Richtigkeit. Es ist im Großherzogthum überhaupt keine Gemeinde ohne einen Lehrer, und die Zuschüsse der Regierung für die armen Gemeinden sind nicht ״sehr mäßig".