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Jüdische Volkszeitung · 1873-09-10 · 37 (10.9.1873) · p. Seite 290

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
37 (10.9.1873)
Date
1873-09-10
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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290 drückung und Verfolgung zu Muthe ist. Leider hat dies Israel auch in anderen Zeiten und anderen Ländern erfahren. Von Feindesliebe heißt es ferner in Sprüche 25, 20: ״So deinen Feind hungert, gib ihm Brod zu essen, so ihn durstet, gib ihm Wasser m trinken, denn feurige Kohlen sammelst du dadurch auf sein Haupt, und Gott wird es dir lohnm." Das auf diese Grundsätze von Jesus gegründete Urchristenthum hat selbstredend dieselben Lehren, steht auf jüdischem Boden. Aber dieses sogenannte Judenchristenthum hat man perhorrescirt und dafür das Paulinische Heidenchristenthum beliebt. Dieses ist den Heiden ׳zu Liebe von heidnischen Elementen reichlich durchsetzt und seiner jüdischen Färbung vielfach entkleidet. Daher schreibt sich der monotheistischen Erkenntniß Jesu entgegen die Dreigötter-Lehre, die Sohneslehre, welche im Alexandrinismus wurzelt, die Teufelslehre als Anerkennung des zweiten, bösen Princips, woran die christliche Orthodoxie heute noch festhält, das blutige Versöhnungsopfer mit der heidnischen Theorie vom realen Opfer, während das mosaische Opfer nur symbolische Bedeutung hat. Diesem Versöhnungsopfer liegt die wahre Nachetheorie zu Grunde, indem ganz wie im Heidenthum der Zorn Gottes nicht anders als durch ein blutiges Opfer gesühnt werden kann, und dazu noch, recht nach Moloch's Art, durch ein Kindesopfer, das Opfer des eigenen Sohnes. Auch die dabei zu Grunde liegende Idee der Stellvertretung und der Uebernahme fremder Sünde ist echt heidnisch (Deuter. 24, 16; Ezech. 18); dem Judenthum ist die Jmputationstheorie völlig fremd, im Heidenthum aber erlitten Sclaven für die Herren, Kinder für Eltern, Freunde für den Freund, Thiere für Menschen, stellvertretend die verwirkte Todesstrafe. Wie an der Teufels-, so hängt auch an der Rachetheorie das orthodoxe Christenthum heute noch krampf- Haft fest und kann auch eigentlich nicht davon lasten. In Hannover hat darum neuerdings das Landesconsistorium dem von Altenburg an die Aegidikirche berufenen Pfarrer Portig die Bestätigung verweigert, weil er in der Predigt und auf Befragen den Glauben an einen zürnenden Rachegott verneint hat. Mit der christlichen Theorie von Rache und Feindesliebe dem Judenthum gegenüber hat es also nicht viel auf sich. Zwar erklärt das ״Ausland" selbst, daß diese christliche Lehre auf die staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse des Lebens noch wenig Einfluß geübt habe; es bestehe vielmehr das System der Blutrache noch fast überall, selbst unter uns noch in dem Duell. Aber obwohl man die civilisatorische Kraft des Christenthums nicht zu hoch schätzt, wähnt man doch, daß es mit seinen civilisatorischen Anschauungen das Judenthum überrage. Das Völkerleben ist einmal nicht auf Theorien gebaut, die Völkerbildung entwickelt sich nicht mit Riesenschritten, sondern schreitet nur langsam fort. Da die geistig-sittliche Entwickelung göttlicher Natur ist, so ist auch hierauf der Bibelspruch anwendbar: ״Tausend Jahre sind bei Gott wie Ein Tag." Hiernach sind Judenwie Christenthum in ihrer civilisatorischen Einwirkung auf Völkerbildung zu beurtheilen. Wir nehmen Act von dieser Erfahrung und erklären, daß auch im jüdischen Volksleben trotz mosaischer Theorien und Institutionen doch noch Jahrhunderte und Jahrtausende lang an den alten Volksgewohnheiten festgehalten wurde. Die Auslastungen des ״Ausland" über die mosaischen Anschauungen von Blutrache sind deshalb gmndfalsch. Wir bestreiten von vornherein die Ansicht, daß in der Blutrache der Keim der Gerechtigkeit und Versöhnung liege. In der Rache liegt eben nichts als menschliche Leidenschaft, und wenn, in Ermangelung einer näher stehenden Persönlichkeit, zur Rächung des Gemordeten auch selbst noch entferntere Verwandten und Familien als Bluträcher auftraten: so entbehrten auch diese Fernstehenden des leidenschaftlichen Rachegeistes nicht, weil ehemals der mangelnden staatlichen Einigung und größeren politischen Verbände wegen die Familien sich enger an einander schlossen und fester zusammenhielten. Auch wenn man annehmen wollte, daß in solchen Fällen ohne menschliche Leidenschaft Rache geübt und lediglich zur Befriedigung des göttlichen Rachegeistes Sühne gesucht wurde: so liegt auch hierin wohl eine strafende, aber nicht erziehliche und bessernde Gerechtigkeit. Vielmehr dachte man sich die Götter mit gleicher Leidenschaft wie die Menschen, denn ״in seinen Göttern malt sich der Mensch"; sie sind Personificationen menschlicher Ideen. Anders ist es bei Moses. Hier folgt aus dem Begriffe der Einheit Gottes und der damit verbundenen Leugnung des bösen Princips, daß Gott ein Gott der Liebe ist, welcher nicht Rachsucht, sondern Gerechtigkeit üben will zur Entfernung und Verhütung des Bösen, wie zur Bewirkung und Stärkung des Guten auf Erden, also zur Besserung und Erziehung des Menschen. Dem reumüthigen Sünder wird vergeben; denn da ist Strafe nicht mehr nöthig, weil die Umkehr und Besterung schon eingetreten ist. Wäre Gott rachsüchtig und verfolgte seine Gerechtigkeit nicht blos erziehliche und bessernde Zwecke, so würde zum Entgelt und zur Sühne doch von Peinigung und Strafe nicht abgesehen werden können. Von dieser Barmherzigkeit Gottes, als liebenden Vaters, nicht zürnenden Rächers seiner Menschenkinder, ist an unzähligen Stellen der Bibel die Rede. Ezechiel (33) läßt Gott ausdrücklich sagen: ״Wenn der Sünder umkehrt und sich bessert, wird seiner früheren Sünden nicht mehr gedacht; Gott hat kein Gefallen an dem Tode des Sünders." Charakteristisch für die biblische Ansicht über Todesstrafe ist auch, daß Gott den Brudermörder Kain nicht zum Tode, sondern zur Unstätigkeit und Flüchtigkeit verurtheilt, damit er, der aus Habsucht zum Mörder an seinem Bruder wurde, um dessen Habe zu der seinigen zu fügen, auch noch verlieren

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