Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 36 (3.9.1873)
- Date
- 1873-09-03
- Page
- Seite 285 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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285 Freilich deuten die drei Herren darauf hin, daß in Betreff der Pilgerhäuser die Spaniolen bereits abgefunden worden seien, indem man ihnen den dritten Theil derselben überwiesen, gleichwie man ihnen von den eingehenden Gaben den dritten Theil zukommen lasse. Aber ist es denn den drei Herren unbekannt, daß die Spaniolen etwa vier Fünftel der gesammten jüdischen Bevölkerung Jerusalems bilden? Daß die Spaniolen die eigentlichen Eingeborenen des Landes sind, während die deutsch-polnischen Gemeinden sich zumeist aus den neuerdings Eingewanderten bilden? Und haben denn die Herren nicht gefühlt, daß die Klagen über ungerechte und partheiische Vertheilung der Gaben, die in neuester Zeit wiederum erhoben und von jener Seite aus mit solcher Entrüstung abgewiesen worden, durch derartige Maßnahmen, wie der gedachte Protest, neue Nahrung und Bestätigung erlangen? Wir beschränken uns heute darauf, es auszusprechen, daß man es keinem Theile der jüdischen Bevölkerung Palästinas verwehren sollte, Bitten auszusprechen, und daß unser religiöses Bewußtsein keinen Unterschied zwischen Glaubensbrüdern spanischer, deutscher, polnischer, arabischer Abkunft zu machen vermag. Die weit wichtigeren Fragen, ob mit dieser Art von Gaben überhaupt gründlich und nachhaltig geholfen werde, und ob die Einrichtung der Sammelboten nicht überhaupt besser abzuschaffen sei, und Vieles, was damit zusammenhängt, alle diese Dinge bleiben besser einer ausführlicheren Darstellung Vorbehalten. Lökn, 20. August. Auch hier regt es sich und Fragen der Reform des Cultus stehen auf der Tagesordnung. In der Gemeinde wurde der Gedanke rege, eine Orgel in der Synagoge aufzustellen. Die Gemeinde legte die Frage in die Hände des Vorstands. In diesem Collegium sind die Stimmen getheilt, zwei für, zwei gegen die Orgel und die Entscheidung liegt nun in den Händen des sehr verehrten und überall hochgeachteten Präses der Gemeinde, des Hrn. S. M. Frank. Möchte seine Entscheidung, wie sie auch ausfalle, nur den Frieden, die Einheit und Einigkeit unserer aufstrebenden Gemeinde nicht stören. Wir sind entschieden für die Orgel; wir erkennen in ihr ein sehr bedeutsames Mittel zur Hebung des Cultus; und es ist selbstverständlich, daß wir nicht im Geringsten an dem Geschrei der Zeloten Anstoß nehmen. Und dennoch — wenn uns die Frage so gestellt werden sollte: Erhaltung des Gemeindeftiedens oder Orgel? so würde sich bei uns die Wage tief neigen auf Seite des Gemeindeftiedens. Die Orgel ist ebensowenig eine Principienfrage als ein unerläßliches, unersetzliches Mittel für die Herstellung eines allen Forderungen entsprechenden synagogalen Cultus. Sie ist ein herrliches Förderungsmittel, sonst nichts. Wenn es sich darum handelte, anstößige Gebete auszuscheiden oder zu belaffen, wenn die Frage sich um Principien drehen würde, die den Ernst und die Wahrhaftigkeit beim Gottesdienste betreffen — Rachegebete, Wiederkehr nach Palästina —, so würden wir einen ernsten Kampf für berechtigt, ja für geboten halten. Wenn die Wahrheit im Gottesdienste gefährdet ist, kann der Frieden nicht dauerhaft sein — ist faul! Selbst der dreijährige Cyclus steht uns höher, denn er betrifft das Wesen und fördert die Weihe mehr, als die Orgel.(?) So sehr wir also für die Orgel schwärmen, so sagen wir doch: weil sie zumeist den Zankapfel bildet, ohne daß Principien im Spiele sind, würden wir es für gefrevelt erachten, wenn man um ihretwillen den Frieden der Gemeinde ernstlich gefährdete. Ein paar Heuler achten wir nicht; aber eine beträchtliche Minorität kann schon Berücksichtigung verlangen. Wir glauben uns nicht zu täuschen, wenn wir annehmen, Hr. S. M. Frank, der der Vertrauensmann fast der ganzen Gemeinde ist, wird seine Entscheidung erst dann geben, wenn er überzeugt ist, das durch dieselbe das Heil nnd der Frieden der Gemeinde nicht gestört wird. Wir acceptiren ein Wort eines Halborthodoxen in dieser Frage: Wenn die Orgel die Harmonie wirklich fördert, dann wohl, stehen wir zu ihr! Wenn sie aber diese gefährdet, wenn sie Disharmonie bringt, dann — lassen wir sie aus der Synagoge. (Es liegt viel Wahres in dieser Auffassung; es ist eigenthümlich, daß die Orgel, die doch zum Reformgottesdienst nicht unbedingt nöthig ist und andererseits von der Orthodoxie nicht mit direkten Gründen bekämpft werden kann, doch weit mehr überall ins Gewicht fällt, als andere, wichtigere und einschneidendere Cultusfragen. Redaction.) Frankfurt a. O., im Juli 1873. Auf der ״Dritten ordentlichen General-Versammlung der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung", welche am 5., 6. und 7. d. M. zu Leipzig abgehalten wurde, hatte ich beantragt, daß die Versammlung aussprechen möge: 1) Die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung erachtet es als nothwendig und dringend geboten, daß dem deutschen Reichstage ein die möglichste Einheit des gesammten deutschen Schulwesens bezweckendes Gesetz so bald wie möglich vorgelegt werde, und beauftragt ihre Organe, diese Ueberzeugung an geeigneter Stelle zum Ausdruck zu bringen. 2) Ein solches Reichsschulgesetz hat auch die obligatorische Fortbildungsschule in seinen Plan aufzunehmen. 3) Zuvörderst ist dahin zu wirken, daß in das in Aussicht stehende preußische Unterrichtsgesetz die Fortbildungsschule als obligatorisches Institut mit ausgenommen werde.' Die Punkte 1 und 2 vorstehenden Antrags wurden — womit ich mich schließlich auch selber einverstanden erklärte —