Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 36 (3.9.1873)
- Date
- 1873-09-03
- Page
- Seite 282 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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282 christlichem Gebiete, Presbyterial- und Synodalverfassung mit Laienvertretung einzuführen, sind demnach den jüdischen gleichartig und verwandt, aber im Judenthum nicht neu. Der Schwerpunkt des jüdischen Gemeinwesens liegt nicht im Rabbiner, sondern in der Gemeinde selbst; diese bildet sich und existirt ohne den Rabbiner durch sich allein. Der Rabbiner ist wohl ein nothwendiges, aber kein integrirendes Element der Gemeinde; er ist wohl von maßgebendem, aber nicht von entscheidendem Einflüsse; er ist der geistige Rathgeber und Führer, den man aufsuchen und dem man folgen soll, aber nicht muß. Eine Furcht vor priesterlicher Hierarchie ist also eigentlich dem Judenthum ganz fremd, ein leeres Gespenst,! auf jüdischem Boden nicht heimisch und aus fremd-religiösem j Gebiete übertragen. Aber das Fundament, auf welchem dieses 1 demokratische System ruht, ist außer allgemeiner Bildung und j Sittlichkeit, außer Bürgertugend und Gemeinsinn fachgemäße, theologische Bildung, Kenntniß von der zu vertretenden religiösen Sache und Interesse dafür. So viel davon in stützerer Zeit vorhanden war, so sehr fehlt dies Alles in unserer Zeit, die sich durch Egoismus, Materialismus und Jndifferentismus auszeichnet; der ganze Mensch wird jetzt im großen Ganzen von weltlichen und selbstsüchtigen Bestrebungen eingenommen und beseelt. Selbst die geistige Aus- und Fortbildung ist fast nur auf Besitz und Genuß gerichtet; die Religion, ihre Pflege und Lehrer erscheinen demnach als über-! flüssig und entbehrlich. Unter solchen Umständen fehlt dem j demokratischen System der Boden, aus dem es wachsen und! gedeihen kann; es ist wie ein Bau ohne Fundament, der! nicht aufgerichtet werden kann und, wenn aufgerichtet, ohne j Halt in sich zusammenstürzen muß. In: Judenthum ist der; Boden für dieses demokratische System verloren gegangen, im Christenthum hatte man ihn noch nie gewonnen. Bevor dies geschehen, wird darum aller Kampf gegen die Macht der christlichen Geistlichkeit vergeblich sein. Im Judenthum aber ist wenigstens immer noch so viel Fonds religiösen Wissens und religiöser Gesinnung beim Volke vorhanden, daß eine hierarchische Macht der Rabbinen nicht aufkommen könnte, selbst wenn das Streben darnach vorhanden wäre. Aber eine hierarchische Macht der Rabbinen ist so sehr eine Unmöglich-! teil, daß nirgends weder das Streben darnach, noch die Bedingungen dafür vorhanden sind. Der religiöse Jndifferentismus läßt die Rabbinen nicht einmal zu einem geistigen Uebergewichte gelangen, obwohl sie sich nach und nach allein im Besitz des jüdischen Wissens und als Pfleger und Vertreter jüdischer Interessen erkennen. Aber so viel ist klar, daß bei solcher Sachlage zur Forcirung des demokratischen Systems eine synodale Berathung und Entscheidung religiöser Fragen ein wahres Zerrbild erzeugen muß. Wie in der Politik das! demokratische, constitutionelle System politische Bildung und j Vaterlandsliebe, Sachkenntnis; und Jnteresie für die öffentlichen Angelegenheiten beim Volke voraussetzt, und wo diese Bedingungen nicht erfüllt werden, das constitutionelle System zur Unmöglichkeit, die Reaction von selbst gefördert und das Staatsschiff in das absolutistische Fahrwasser zurückgelenkt wird: so muß auch auf jüdisch-religiösem Gebiete ohne eignes Hinzuthun und ganz von selbst Thätigkeit und Einfluß der Rabbinen um so mehr in den Vordergrund treten und wachsen, als fachmäßige Bildung und sachgemäßes Interesse beim Volke in den Hintergrund treten und sich mindern. Dies ist aber nichts weniger als hierarchisches Gelüste, oder ist es nur zum Scheine und jedenfalls vom Volke selbst verschuldet und veranlaßt, vom Volke in solcher Weise möglich, ja nothwendig gemacht. Auf diesem wider Willen steigenden Einflüsse der Rabbiner scheint auch die in unserer Zeit sich breit machende Machtentfaltung der jüdischen Vorstände zu beruhen, die aber in sich keine Berechtigung hat. Wie kann man solchen Personen die Wahrung religiöser Angelegenheiten anvertrauen, welche dafür weder Verständniß noch Interesse an den Tag legen, sondern eher noch das Gegentheil davon bekunden! In diesen Umständen finden auch die Synoden ihre Schwierigkeiten und Hindernisse. Wie können solche zu Stande kommen, wo das Interesse dazu fehlt? Wie kann eine thätige Mit- Wirkung bei den Berathungen und Beschlüssen gedacht werden, wo die erforderliche Sachkenntniß nicht vorhanden ist? Nichts vermag in unserer Zeit das öffentliche Interesse wachzurufen, als die Angelegenheiten des politischen Bestandes, allgemeiner Bildung und Gleichberechtigung, oder äußerer Verwaltung. Die Angelegenheiten des inneren Judenthums lassen gleichgültig; nicht einmal für die Hochschule jüdischer Wissenschaft ist ein allgemeines, sondern höchstens ein sehr vereinzeltes Interesse im Volke wahr zu nehmen. Und natürlich — was man nicht kennt, dafür vermag man auch nicht sich zu interessiren, oder gar zu begeistern. Daher muß man erst wieder Kenntniß des Judenthums verbreiten, um das Interesse dafür wachzurufen. Sonst befürchte ich, schreiben wir vergeblich Synoden aus und kommen umsonst auf ihnen zusammen. Aber dennoch rede ich auch heute noch den Synoden und nicht den Rabbiner-Versammlungen das Wort; nur daß voraussichtlich das Wort und der Einfluß der Rabbiner auf den Synoden immer mehr an Einfluß gewinnen wird, nicht blos trotz der Zeichen der Zeit, sondern wegen derselben. Alzey, 8. Juli. Dr. R. Corresponäenz. Wir erhalten soeben die Trauerkunde von dem am Abend des 19. August, nach zurückgelegtem 76. Lebensjahre, nach