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Jüdische Volkszeitung · 1873-08-27 · 35 (27.8.1873) · p. Seite 276

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
35 (27.8.1873)
Date
1873-08-27
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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Halts, sowie durch ein von Treu's ältestem Freunde verfaßtes Festlied. Zum Dessert wurden die mittlerweile aus allen Himmelsgegenden eingelaufenen telegraphischen Depeschen und Briefe, Poesie und Prosa, vorgelesen. Auch der Präses des Curatoriums, Hr. Lob in Hamm, hatte mit schönen Worten seine Theilnahme versichert. Die noch übrigen Nachmittagsstunden wurden in dem herrlichen Schloßgarten zugebracht, und hörten die Festgenossen hier mit Vergnügen die Vorlesung eines eben eingelaufenen anonymen dramatischen Gedichtes an, dessen Verfasser von Hrn. Treu in einem Seminaristen (L. aus G.) aber schnell errathen und schalkhafter Weise um die Vortragung gebeten worden war. Der Inhalt besteht aus einer Unterhaltung zwischen Pestalozzi, Diesterweg, Jean Paul, Börne und dem verewigten Freund des Jubilars E. Hecht im Paradiese über die heutige Feier, und zeugte das Producirte der jugendlichen Phantasie, obgleich nichts weniger als frei von Mängeln und Uebertreibungen, von recht schönen Anlagen, welche sich hoffentlich fruchtbringend entwickeln werden. Vor Allem aber registriren wir es als einen neuen Beweis der Liebe und Verehrung, welche unser Jubilar sich in allen Kreisen, bei Jung und Alt, zu erwerben weiß. Der Abend sah die Versammlung in dem hübschen Local auf der ״Insel" beim Gerstensafte. Noch einmal strömte der Redefluß in höchster Begeisterung, ertönte fröhlicher Gesang, wechselte Ernst und Scherz, bis endlich um die mitternächtliche Stunde das Lager ausgesucht wurde, wo ohne Zweifel Mancher noch im Traume die heutige Festfeier weitergesponnen haben wird. Schließen wir mit dem Wunsche, der heute so oft laut wurde, daß der Gefeierte nach abermals 25 Jahren gleichen Wirkens und Strebens in ungeschwächter Körper- und Geisteskraft, in voller Jugendfrische des Gemüths sein goldenes Jubelfest begehen möge in noch unendlich erweitertem Kreise von Freunden und Verehrern! Akzcg im Juli. ״Hamaggid" theilt mit, daß der Mekize Nirdamim-Verein die Herausgabe des von Dr. Frankel (Breslau) zu erwartenden Jeruschalmi-Commentars (Ahawath Zion), wieJeruschalmi-Textes nach derVenetianischen Ausgabe übernommen hat und in diesem Jahre beginnen wird. Wir regen daraus hin zur neuen und vermehrten Unterstützung des Vereins an. Die Reform ist mit der Wissenschaft verwachsen und der Talmud selbst ist das Wort der Reform. Wir erklären dies, obwohl die talmudische Orthodoxie unserer Tage Reform und — Wissenschaft perhorrescirt. Ahmen wir auch darin die alte, wahre Orthodoxie nach, daß diejenigen die jüdische Literatur und Wissenschaft wenigstens materiell fördern, wo deren geistige Förderung und Pflege nicht in ihrer Kraft liegt. Jlfjejj, 1. August. Die Agitation gegen das jüdische Bettlerwesen (Schnorrerthum) ist diesen Blättern ebenso charakteristisch, wie dem Mainzer Blatt das blinde Eifern dafür. Die Orthodoxie geht blind und lichtscheu der Belehrung und Aufklärung aus dem Wege, hängt blind und conservativ am Ueberlieferten und Herkommen. Die Verbesserung unseres Armenwesens gehört auch zur Reform, zur social-religiösen; wofür die Grundprincipien aber schon bei Moses zu finden sind. Die Sache wird leicht, wenn wir das System der Association, wie es der Neuzeit eigen ist, auch hierauf anwenden; sie wird schwierig, wenn wir die Anregung dazu vom Gemeindebunde erwarten. Es bilden sich doch auch auf dem großen Meeresspiegel die Wellenkreise von einem kleinen Punkte aus und erweitern sich von selbst zu immer größeren. Möchten sich daher die Nächstliegenden Gemeinden und Armenkassen zur gemeinsamen Feststellung der Principien vereinigen, wonach die in ihrem Kreise wohnenden Armen gegenseitig zu unterstützen und vor Hausbettel in und außerhalb des Orts zu schützen sind, wonach ferner die vagabondirenden Bettler zu behandeln sind, um alten und unverbesserlichen Schnorrern in zulässiger Weise eine für den Augenblick ausreichende Gabe zu verabreichen, junge und arbeitsfähige aber entweder ganz zurückzuweisen oder höchstens mit einem vor Hunger und Verbrechen schützenden Gabe Ein Mal zu versehen und so zur eignen Arbeit und Ernährung in zwingender Weise hinzuführen. Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen auch hierbei die mit Weib und Kindern umherziehenden Familien, um hier nicht Bettelei, Unmoralität und Müssiggang gleichsam groß zu ziehen. Wenn nicht in solcher Weise grundsätzlich und systematisch vorgegangen wird, erfüllen die Armenkassen ihren Zweck nicht; sie erleichtern vielmehr das Schnorrerthum, indem die Bettler leichter und bequemer Weise abgesertigt werden, um schnell abreisen und ihr lohnendes Handwerk anderswo fortsetzen zu können. Denn ״Zeit ist Geld". Die Erfahrung lehrt auch, daß systemlos manipulirende Kassen die Schnorrer in größerer Anzahl herbeiziehen, als der frühere Hausbettel. Die Kassen erfreuen sich im Publikum bis jetzt nur des Beifalls, weil die Einzelnen vor dem lästigen Hausbettel geschützt sind, aber das Schnorrerthum wird nicht damit beseitigt, nicht einmal Wohlthätigkeit wird immer damit geübt. Wenn sich auf diese Art die benachbarten Orte zu Armenverbänden an einander geschlossen haben, dürften sich mit Leichtigkeit daraus größere Provinzial-Verbände bilden, und aus diesen würde alsdann der eigentliche Universal-Armenverband entstehen können, für welchen die Thätigkeit und Mitwirkung des Gemeindebundes anzurufen wäre. Wir legen es den Gemeindevorständen und Vertretern der Armenkassen dringend ans Herz, nach diesen Principien vorzugehen. Dr. R.

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