Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 35 (27.8.1873)
- Date
- 1873-08-27
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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275 dessen Schlußstein der —Ausschuß des Gemeindebunds Z. B-, als bereits bestehendes Organ, dann wäre es selbstverständlich unmöglich, daß ein Jude — was ja so sehr befürchtet wird — aus seiner Gemeinde — Parochie — austreten könnte, ohne zugleich aus dem Gesammtverbande, aus dem Judenthume, der Judenheit auszutreten! — Dann würden die kleinen Gemeinden Schutz und Stütze finden müssen in der Gesammtheit, sie würden, wenn sie nur lebensfähig sind, dem Zerfalle entgehen können, der ihnen jetzt in der verschiedensten Gestalt — durch Wegzug u. f. w. — droht. Dann könnten die gemeinsamen Institutionen, die jetzt nicht leben und nicht sterben können, die Anstalten für Heranbildung tüchtiger Lehrer, Cantoren und selbst Rabbiner (Hochschule) gehalten und gekräftigt werden und ihre Aufgabe erfüllen; nicht lebensfähige und unnöthige Anstalten aber, die die besten Kräfte aufzehren, könnten durch das Verdict der Gesammtheit, die in ihren Organen sich ausspricht, hinweggeräumt werden, um dem Besseren Raum zu verschaffen. Wir wissen, daß wir mit unseren Ansichten in diesem Augenblicke nicht durchdringen, vielleicht ganz allein stehen. Aber wir wissen auch, daß das Rechte und Wahre endlich doch siegt und daß die Zeit nicht mehr ferne ist, wo man zu unseren Ansichten, freie Organisationen zu schaffen für die deutsche Judenheit, sich bekehren muß, weil man in ihnen das einzige und naturgemäße Mittel finden wird gegen den drohenden Zerfall. Wir bangen darum nicht und zagen nicht! Mag die Geschichte ihren Weg gehen und das Werk der Entwickelung sich vollziehen in der einen oder der anderen Weise, wie dies in der Natur des allgemeinen Fortschritts der Menschheit begründet ist, an welchen wir nicht einen Augenblick zu zweifeln wagen. Der Hüter Israels schläft nicht und so lange Israel seine Mission nicht erfüllt hat, wird es nach einem äugenblicklichen, anscheinenden Niedergange um so lebenskräftiger sich entfalten und vorwärts schreiten zu seinem Ziele. Correlponäenz. Münster, 4. August. Ein schönes, erhebendes Fest wurde heute hier gefeiert; noch lange wird es in der Erinnerung der Theilnehmer haften. Schon seit einigen Wochen war unter den zahlreichen Freunden und ehemaligen Schülern des an der Marx-Haindorfschen Anstalt wirkenden, in weiten Kreisen rühmlichst bekannten Seminarlehrers A. Treu eine emsige Regsamkeit zu bemerken gewesen, die der würdigen Begehung des Tages galt, an welchem vor 25 Jahren der Genannte sein Lehrerexamen absolvirt hatte. Am 3. und bis zum Mittag des 4. brachte jeder Bahnzug neue Festgenossen aus der Ferne; der Gefeierte aber wußte von alledem nichts. Er war des Morgens wie gewöhnlich zum Unterrichten gegangen; denn merkwürdiger Weise war weder in dem Seminar, noch in der Elementarschule der Anstatt irgend eine Festlichkeit veranstaltet worden. Diese Unterlassung bildet die einzige Schattenseite der schönen Feier, und wir gehen, ohne zu unterjuchen, wer die Schuld trägt, um so lieber darüber hinweg, als sie dem, was folgte, nur zur hervorhebenden Folie diente. Um 11 Uhr wurde der Jubilar in seiner Wohnung überrascht durch eine große Versammlung. Hr. Lehrer Kaufmann aus Ahlen überreichte eine Adresse nebst passenden Geschenken und hielt die feierliche Anrede im Namen aller Anwesenden, besonders aber im Namen der alten Schüler. Es würde auch für den ganz unbetheiligten, entfernt stehenden Zuschauer etwas rührend Erhebendes dargeboten haben, zu sehen, wie diese Schüler (selbst jetzt in Schule und Gemeinde segensreich wirkende Männer) in inniger Liebe um ihren Lehrer und Freund sich drängten, zu hören, wie sie durch den beredten Mund ihres Collegen bekannten, von ihm unablässig zu eifrigem Vorwärtsstreben angeregt, auf den Weg der wahren Menschenliebe hingeleitet, mit Begeisterung für ihr so hochwichtiges wie schwieriges Amt erfüllt worden zu sein, wie sie es rühmten, stets in seinem Hause eine Heimath, Trost bei Widerwärtigkeiten, Schutz bei Gefahren, offene Herzen bei fteudigen Ereignissen gefunden zu haben. Das war keine gemachte Rede — sie kam aus der Tiefe des Herzens, nichb des Redners allein, nein, aller Anwesenden, wie die Gesichter bezeugten, auf denen freudige, gerührte Zustimmung zu lesen war, und die glänzenden Augen, in denen Manchem eine schöne Perle glänzte. Und nun die Antwort des Jubilars! Leise sprach er, seine Stimme zitterte. Er sprach von der wahren Liebe, die jeden Menschen, besonders aber den Lehrer auf seinen Wegen leiten müsse, von der hohen Meinung, welche er selbst von Kindesbeinen an bis aus den heutigen Tag von dem Lehrer und seinem Berufe gehabt habe, und — ja, es sei doch so einfach gewesen, was er gethan, es verstand sich ja so von selbst und trug seinen Lohn so reichlich in sich — — — da wurde er unterbrochen. Es erschien der Director des Seminars nebst zwei Lehrern und ersterer hielt eine Ansprache, in welcher die Verdienste des Gefeierten als praktischer Pädagoge und als Schriftsteller, namentlich aber seine segensreiche Wirksamkeit an der Anstalt hervorgehoben wurde. Die dankende Erwiderung des Jubilars schloß den feierlichen Actus, dem eine ungezwungene Unter- Haltung im Freien beim Rebensäfte folgte. Um 12/נ Uhr begann das Diner, gewürzt, wie sich von selbst versteht, durch manche Rede ernsten und launigen In- /