Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 34 (20.8.1873)
- Date
- 1873-08-20
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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269 scheiden; eine solche Fähigkeit hat kein Mensch, wie Gott! selbst es ausgesprochen: ״der Mensch urtheilt nach dem äußern! Anschein; Gott aber sieht in's Herz" (I.B. Sam. 16, V. 7;; es wird nur den Gabäim zur Pflicht gemacht, daß sie nicht unterschiedslos die Almosen vertheilen, sondern daß sie auf die Armen achten, damit sie (— sie, Wer? Die Armen? Redaction der ״Jüdischen Volkszeitung") nicht von Betrügern hintergangen werden. Wenn das nicht zweideutig sein soll — wo ist da die berühmte Correctheit? Oder — soll diese — Uebersetzung (?) oder Deutung (!) wirklich das sie auf die Armen beziehen? Sollen dadurch gewisse Uebersetzer vor der Verlegenheit bewahrt werden, das schwierige Amt eines Armenpflegers übersetzen zu müssen?' (— והמשכיל יבין) Das ist wohl möglich; möglicher ist, daß es ״übersehen" und am möglichsten, daß es nicht besser — hebräisch und deutsch, — verstanden worden. Aus Meftpllaken kam uns jüngst der 26״. Bericht über die Marks-Haindorf'sche Stiftung zur Bildung von Elementarlehrern und Beförderung von Handwerken und Künsten unter den Juden" zu. Demselben geht eine sehr beachtenswerthe Einleitung vorher. Nachdem das Curatorium von der Erkenntniß des Werthes der Bildung gesprochen, fährt es fort: ״Ganz besondere Rücksichten erheischt aber in dieser Hinsicht die jüdische Volksschule. Es hat sich als eine fast allenthalben gemachte Erfahrung bewährt, daß unter den jetzigen Zeit- Verhältnissen die jüdische Volksschule, welche den Unterricht in den Realien und den Landessprachen organisch mit dem Religionsunterrichte verbindet und diesen von allseitig vorgebildeten Lehrern leitet, aus manchen Gründen der Religionsschule, welche selbstständig neben einer andern christlichen Confessions- oder Simultanschule besteht, vorzuziehen ist. Der jüdische Lehrer, der nur Religionslehrer ist, hat gewöhnlich eine überaus kämpfereiche Stellung, und häufig nicht den Einfluß auf seine Schüler, noch die Autorität, die er schon als Lehrer beanspruchen könnte. Die Kinder find beengt durch die in die sonst schulfreie oder privatim zu verwendende Zeit fallenden Religionsstunden, der Besuch derselben wird ein unregelmäßiger, gestörter, die Lernlust leidet darunter und der alsdann nothwendige Zwang oder die erforderliche Strenge schädigen die Ziele des Unterrichts in hohem Maße. Außerdem leidet aber durch die Scheidung der ganze Elementarunterricht, der nur in organischer Verbindung mit dem Religionsunterrichte allseitig harmonisch wirken kann. Wir müssen es darum als eine ganz besonders wichtige Aufgabe für uns betrachten, die jüdischen Volksschulen, wo sie bestehen, zu erhalten, und da, wo solche fehlen, neue zu errichten; nicht confessionelle Parteisucht, sondern die Sorge für eine allseitig harmonische Bildung israelitischer Kinder legt uns diese Aufgabe auf. Unsere Kinder sollen ob des Glaubens die allgemeine Bildung nicht vernachlässigen, aber ob der letztern auch nicht den erstern ungepflegt lassen, damit sie erkennen und üben, was des Israeliten Pflicht ist, sowohl als Staatsbürger, wie auch als Israelit. Um aber die jüdische Volksschule zu erhalten und die genannten Ziele zu erreichen, bedarf es solcher Lehrer, welche die allgemeinen mit specifisch jüdischen Kenntnissen in ausreichendem Maße vereinigen. Sollen nicht Unordnung und die Fehler früherer Zustände in unsere Schulen, und somit in die geisüge Entwickelung der Israeliten eindringen, dann müssen wir dafür sorgen, jüdische Lehrerseminare zu erlangen, und die bereits vorhandenen Anstalten reichlich zu unterstützen. Groß genug ist das Bedürfniß an jüdischen Lehrern, um die betreffenden Seminare genügend beschäftigen zu können. Sie zu erhalten ist also gewiß eine Sache der Oeffentlichkeit, aber noch mehr eine Ehrensache der Israeliten selbst, eine heilige Pflicht derselben. Ganz besonders aber werden wohl die Provinzen Westfalen und Rheinland eine Pflicht der Dankbarkeit, der Pietät erfüllen, wenn sie das Münster'sche Lehrerseminar so reichlich unterstützen, daß das Kuratorium im Stande ist, Alles das für dasselbe zu thun, was die Zeitverhältnisse und die Aufgabe der Anstalt erfordern. Ein halbes Jahrhundert wird bald verflossen sein, seit der Zeit, da ein Mann ausgerüstet mit großer Menschenliebe, unter schwierigen Umständen, den hochherzigen Gedanken faßte, seinen Glaubensgenossen Beistand in Erwerbung deutscher Bildung und geachteter Erwerbsfähigkeit zu geben. Unter großen Mühen und Sorgen brachte er den Gedanken zur schönen Ausführung; das Werk erhob sich und wuchs herrlich heran. Hunderte von Lehrern sind inzwischen aus jener Bildungsstätte hervorgegangen und haben in verschiedener Weise Nutzbringendes geschaffen. Die Anstalt war eine Zierde der Stadt Münster, geachtet selbst in den höchsten christlichen Kreisen, und ihre Musterschule war stark besucht. Auf die Zeiten der Blüthe sind aber auch Zeiten winterlicher Art gefolgt, viele Wirrnisse hemmten ihre Entwickelung und die traurigste Ungunst der Umstände erschwerte selbst die Existenz. Trotzdem hat das Kuratorium, getragen von der Hoffnung, daß die Dankbarkeit gegen die Mutteranstalt zu neuen Liebesthaten anregen werde, und voll der Ueberzeugung, daß die Erhaltung der Anstalt eine heilige Sache sei, muthvoll Alles gethan, was in seinen Kräften stand, und die Verhältnisse zu thun nur irgend wie gestatteten, um eine neue Blüthezeit herbeizuführen. Es hat bessere Räume hergestellt, die Lehrkräfte gemehrt, die Anschaffung wichtiger Lehrmittel begünsttgt, die Seminaristen, zum größten Theile mittellos, durch eine gute Kost und gesunde Schlafräume körperlich gut gepflegt. Noch vieles aber wäre zu schaffen, Lehrergehälter zu bessern, Lehrmittel in reicherer Zahl anzuschaffen, aber dazu bedarf es der regen Betheiligung der beiden Provinzen. Wohl haben wir wieder in diesem Verwaltungsbericht vieler Gönner der Anstalt dankend Erwähnung zu thun, und könnten mit Freude viele