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Jüdische Volkszeitung · 1873-08-20 · 34 (20.8.1873) · p. Seite 266

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
34 (20.8.1873)
Date
1873-08-20
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 — f\ ständigst neben der niederträchtigen Handlungsweise jener aus dem Judenthum ausgetretenen Seelenverkäufer, die man Judenmissionäre nennt, neben die Verräther ״Mosrim" der alten Zeit. Vor Jahren schon sagte uns ein denkender und erfahrener Jsraelite: Es gibt unter den sogenannten Orthodoxen eine große Masse von geschworenen Feinden des Judenthums, denen dieser Weg der Verdummung, des planvollen Widerstrebens gegen jedes Eindringen von Licht und zeitgemäßer Cultur, gegen lichtvolle Darstellung der jüdischen Religion, dieser Weg der Erregung von Spaltung und Zerrüttung der kürzeste dünkt zur Auflösung des Judenthums selbst und sie betreten diesen kürzesten Weg, um ihr unheilvolles Ziel zu erreichen. Sie selbst sind keine Juden mehr und wollen auf diesem Wege das Judenthum zu Fall bringen. Wir haben uns damals gegen diese wahrhaft erschreckende j Auffassung gesträubt; wir konnten nicht glauben, daß es solche! Teufel unter den Juden geben könnte; — jetzt — glauben wir daran. Juden, denkt Ihr an Mortara und den Hunderten seiner Schicksalsgenossen? Wir erinnern nicht daran etwa aus Rachegesühl; wir erinnern daran, weil die Jesuiten heute sind, was sie gestern waren; weil uns Niemand den tiefberechtigten Argwohn verübeln kann, weil wir uns schützen müssen! Das neue Schulgesetz Hessens ist wahrhaft musterhaft,! es wird bahnbrechend für Deutschland sein; darin liegt seine > eminente Bedeutung. Es enthält nach seinem gegenwärtigen ( Wortlaute Alles, was zur Hebung und Förderung der Schule! dienen kann. Es enthält für uns als Juden das! Höchste, was wir zu erreichen hoffen durften. Es j muß den denkenden Orthodoxen wie den Freund des Fortschritts, den für den Bestand der Religionsgemeinde zagenden Vorsteher wie den für seine und der Seinigen Zukunft zittern-! den jüdischen Lehrer mit Hoffnung und Befriedigung erfüllen.; In ihm liegt ein noch gar nicht genug berücksichtigtes Heil-! mittel für die Schäden des Judenthums geborgen. Es bringt uns: den obligatorischen Religionsunterricht, die gemeinsame Schule und somit das Recht der jüdischen Lehrer, an allen öffentlichen Lehranstalten angestellt zu werden; die Verpftichtung der an diesen Schulen angestellten jüdischen Lehrer, den jüdischen Kindern unentgeltlich vier Stunden wöchentlich Religionsunterricht zu ertheilen, zu passender Zeit, im öffentlichen Schullocal; in vielen Fällen, wo etwa solche gemeinsame Anstalten nicht vorhanden sind, das Recht der jüdischen Religionsgemeinde auf einen Religionslehrer auf Kosten der Civilgemeinde; gemeinsame,nichtconfessionelle Präparandenanstalten und Seminarien, also auch das Recht jüdischer Lehrer, an solchen Anstalten angestellt zu werden; es gibt die ausdrückliche Gewähr, daß am Seminare jüdischer Religionsunterricht ertheilt werden soll, sobald sich an einem derselben jüdische Zöglinge finden; ja, es verpflichtet gewissermaßen unter bestimmten Voraussetzungen auch die öffentlich angestellten jüdischen Lehrer zur Uebernahme des Cantoramtes und zeigt hierdurch den Weg, Unzukömmlichkeiten vorzubeugen: kurz, wir wüßten nichts, gar nichts was wir als Juden von diesem Gesetze mehr zu verlangen im Stande wären. Es wird die Ausgaben der meisten kleineren Gemeinden auf ein Minimum reduciren und selbst die der größeren Gemeinden sehr beschränken und dadurch ihren Fortbestand ermöglichen. Und was wollen die Ultramontanen? Das sagt uns eine Flugschrift, die gegen dies Gesetz vor einigen Wochen veröffentlicht und verbreitet worden. Sie verlangt, daß man: der Volksschule ihren confessionellen Charakter belasse*); daß der Geistlichkeit die Aufsicht und Leitung des Volksschulwesens verbleibe; daß sie nicht als Vertreter des Staates, sondern ausschließlich in ihrer Eigenschaft als Diener der Kirche Jnspectoren der Volksschulen werden. Insbesondere aber, daß nach wie vor Mitglieder geistlicher Orden und ordensähnlicher Congregationen als Lehrer und Lehrerinnen an öffentlichen Schulen verwendet werden dürfen. Es sind Juden, orthodoxe Juden, welche sich mit anderem ״Schwarzwild" vereinigt haben gegen jenes Schulgesetz, für diese Agitation. Kennen diese Juden die jüdische Geschichte? Wissen sie, was wir, was unsere Kinder von den ״Mitgliedern geistlicher Orden und ordensähnlicher Congregationen" zu erwarten haben? Denken sie an die Hunderte von Mortarafällen alter und neuer Zeit? Wir wissen kaum, was wir zu solchen Manifestationen der jüdischen Herostraten sagen sollen. Aber liegt darin nicht eine ernste Mahnung für alle denkenden Israeliten, mit der Liebe zur reinen Lehre des Judenchums auch den Muth zu verbinden, dem Gebühren dieser verrätherischen Finsterlinge endlich einmal tüchtig und ernst entgegenzutreten? Legt es nicht jedem denkenden Jsraeliten die heilige Verpflichtung auf, die Augen zu öffnen und offen zu behalten für sich und feine Kinder und sich zu sagen: 7!״ על משמרתי 8עמ1רIch will auf meiner Warte stehen?" Wenn wir auch im Leben die Gemeinschaft des Judenthums und der Judenheit erhalten wollen — gegen diese Ungeheuerlichkeiten müssen wir uns wahren mit allem Ernste; müssen wir protestiren im Namen des Judenthums vor Mit- und Nachwelt. *) Da in Hessen nur sehr wenige jüdische Volksschulen bestehen, so wären hierdurch die jüdischen Schüler und Lehrer am übelsten gestellt.

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