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Jüdische Volkszeitung · 1873-08-13 · 33 (13.8.1873) · p. Seite 261

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
33 (13.8.1873)
Date
1873-08-13
Page
Seite 261 (sequence 5)
Language
German
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261 Gemeindetag constituirte den Gemeindebund, welcher unter Ausschluß aller religiösen Parteifragen die Vereinigung und Organisation der deutsch-israelischen Gemeinden (einschließlich der deutsch-österreichischen) zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen bezweckt. Zum Vorsitzenden des Ausschusses für den Gemeindebund wurde der Vorsteher unserer Gemeinde Herr Moritz Kohner gewählt. Eine für die durch Hungersnoth heimgesuchten Glaubensbrüder in Persien hier veranstaltete Sammlung, zu welcher auch nichtjüdische Mitbürger beisteuerten, ergab die Summe von Thlr. 820, welche durch gütige Vermittelung des Reichskanzleramtes dem Bestimmungsorte zugeführt worden ist. Für Opfer der Religionsverfolgung in Rumänien wurde von einem Comite, bestehend aus den Herren Ludwig Gumpel, Vicevorsteher der Stadtverordneten Gustav Goetz, Gemeindevorsteher Moritz Kohner, Gemeinderath Hermann Oppenheimer, Julius Schunck, DirectorAdvocatWachsmuth eine Sammlung veranstaltet, welche die Summe von 1234 Thlr. 23 Ngr. ergab. Wir können nicht umhin, für diese edle That den geehrten Mitgliedern des Comites und den gütigen Gebern Namens unserer unglücklichen Glaubensbrüder unfern wärmsten Dank hiermit nochmals auszudrücken. Die Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde für das Rechnungsjahr 1872 stellen sich auf Thr. 10213 23 Ngr. 8 Pfg., wovon 827 Thlr. als Uebertrag auf Capitalconto und Zuschuß zum Gemeinde-Beamten-Pensionsfonds als au§erordentliche Ausgabe, resp. Kassenvorrath anzusehen sind. Durch den Armenunterstützungsverein werden unterstützt direct durch den Gemeindevorstand die hiesigen jüdischen Armen, durch freiwillige Armenverpfleger fremde bedürftige Glaubensgenossen und zwar täglich (mit Ausnahme des Sonnabend und der Feiertage) von 10—11 Uhr Vormittags im Synagogengebäude. Dieser Expedirung haben sich mit dankenswerthester Bereitwilligkeit bisher Herr Samuel Finkelstein und der jüngst verstorbene Herr Matthieu Heß unterzogen. Ausschußmitglieder sind: die Herren Vorsteher Moritz Kohner, Selig Heß, Heinrich Lilienfeld, Hermann Oppenheimer, Bernhard Sandbank, Eisemann Weck. Nach einem von Herrn Samuel Finkelstein zusammengestellten Ausweis sind in der Zeit vom 23. September 1872 bis 31. December 1872 unterstützt worden: 233 durchreisende Arme mit 350 Thlr. 4 hiesige Arme mit 12 Thlr. Es waren durunter 211 Männer, 26 Frauen; hiervon aus Rußland 117, aus Oesterreich 58, aus Preußen 42, aus Rumänien 8, die übrigen aus verschiedenen anderen Staaten. Der Verein zählt gegenwärtig 141 Mitglieder mit einem Gelammt-Jahresbeitrage vou 2385 Thlr. Segensreich wirkt auch die neu ins Leben gerufene Darlehnscasse, welche würdigen Hilfsbedürftigen zum Geschäftsbetriebe Darlehne gegen Bürgschaft gewährt. Der Bericht schließt mit den Worten: Mit freudiger Genugthuung können wir constatiren, daß im verflossenen Jahre die Theilnahme für all' die Wohlthätigkeits-Vereine in unserer Gemeinde eine sehr rege gewesen, und daß denselben vielfache Geschenke zu Theil geworden sind. Möge, da auch die Ansprüche an diese Vereine beständig zunehmen, dieser Wohlthätigkeitssinn immer der gleiche bleiben, mögen namentlich alle neu eintretenden Mitglieder der Gemeinde und sonstige Steuerpflichtige als Mitglieder ihnen beitreten! 127. Oesterreich. In einemBrünnerJournale macht ein Federkampf zwischen dem Lehrer P. in Gaya und dem Rabbiner in Donboutz viel von sich reden. Hr. Rabbiner verlangt von dem Lehrer in D., daß er an den Tagen der Andacht auch in die Synagoge komme, um die zarte Jugend von Skandalen abzuhalten. Der Hr. Rabbiner, dem nicht Folge geleistet wurde, schritt deswegen beim Bezirksschulrathe in Gaya ein. Hr. Lehrer P. machte seinem gepreßten Herzen durch Jnvective in einem Journale gegen Hrn. Rabbiner Luft, dieser blieb die Antwort nicht schuldig. Es ist zu bedauern, daß dieser Skandal an die große Glocke gehängt wurde; daß der Hr. Lehrer eine solche Aversion gegen den jüdischen Gottesdienst manifestirt, und daß der Hr. Rabbiner sich auf ein Zeugniß vom geistlichen Schuldistriktsaufseher beruft, wie der ehemalige Seminar-Lehrer und Direktor in Eisenstadt sich über seine angefochtene Orthodoxie mit einem Zeugnisse von einer christ-katholischeu Behörde berief. 128. Warschau, 16. Juli. Der ״Ostsee-Ztg." wird geschrieben: Die Vertreibung der Juden aus Kiew durch die russischen Behörden ist nunmehr eine vollendete Thatsache. In der ״heiligen" Stadt waren außerhalb des Judenviertels im Ganzen etwa 2950 Juden ansässig, darunter 79 Kaufleute erster Gilde und 80 Studenten; die übrigen waren Händler und Handwerker. Die Purification wurde mit äußerster Strenge durchgeftihrt. Nur 150 Juden erhielten die Erlaubniß, in bestimmten Stadttheilen ihren Wohnsitz zu nehmen; 130 wurden per Transport weggeschafft; 300 erhielten den Befehl die Stadt und ihr Weichbild zu verlassen, und 2370 warteten den Befehl nicht erst ab, sondern entfernten sich freiwillig. 129. (Toleranz in Frankreich.) Eigentlich ist es eine Schmach, gegen das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts noch von Duldung, von religiöser Duldung sprechen zu müssen. Sollte sich denn nicht endlich einmal die Gleichberechtigung der ganzen Menschheit, abgesehen von abweichenden Meinungen und Ansichten, seien sie religiöser oder anderer Natur, ganz von selbst verstehen? So lange jedoch eine

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