Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 33 (13.8.1873)
- Date
- 1873-08-13
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* — 258 — Opferstätte fing man an, den heidnischen Standpuntt zu überwinden, der sich bis jetzt sogar noch auf heidnischen Opferaltären behauptet hatte, und zu dem ideelleren eines Gebetgottesdienstes überzugehen. Man richtete einen Gebetcultus ein, und nicht blos für Einen Tempel, sondern für Bethäuser an jedem beliebigen Orte. Mit der Rückkehr nach Palästina und der Wiedererbauung des Tempels in Jerusalem trat freilich auch das Bestreben der Priester hervor, den traditionellen Opfercultus wieder herzustellen. Für Tempel und Opfer sehen wir deßhalb auch die saducäischen Propheten eintreten, denn der spätere Kampf der Pharisäer und Saducäer nahm in den exilianischen Zeiten bereits seinen Anfang und findet in diesem Streben nach Wiederherstellung des Tempels und seines ehemaligen Cultus den ersten Ausdruck. Man endigte damals den Streit durch ein Compromiß, indem man Bet- Häuser neben dem Tempel und Gebetcultus neben dem Opfercultus gestattete, aber auch den Tempel gleich dem ehemaligen Nationalheiligthum und in seiner srühern Herrlichkeit bewilligen mußte. Ein ähnliches Compromiß kam ja auch wiederum nach der Zerstörung des zweiten Tempels zu Stande, als man in der Idee wenigstens noch die Berechtigung des Opfercultus festhielt, an seine Wiederherstellung glaubte, dafür betete und danach strebte, während die Pharisäer den saducäischen Priestern ihre Stellung und Vorrechte schon längst streitig gemacht und den Schwerpunkt selbst des religiös-ceremoniellen Lebens vom Tempel in das Haus zu verlegen gesucht hatten. Die wenigen Erinnerungen an das ehemalige Priesterthum, welche unsere Kohanim und Leviten heute noch beanspruchen, haben in diesem Compromisse ihren Grund und ihre Entstehung. Daß man in Babel nicht an die Wiederherstellung des Opfercultus dachte, geht aus dem Achtzehn-Gebet hervor, welches, exilianischen Ursprungs, wohl auf nationale' Wiederherstellung hofft, aber nirgends von Opfern redet. Die bezüglichen Stellen in רצה sind später nach Wiedereinführung des Opfercultus eingeschoben. Ursprünglich ist in רצה nur von תפלה die Rede, denn והשב und ואשי ישראל ותפלתם ב'תקבל sind Antecipationeu und innere Widersprüche. Denn das Nebeneinander von Gebeten und Opfern beruht auf einem spätern Compromisse, und so lange keine Opfer dargebracht wurden, und והשב wie ותחוינה beweisen, daß sie nicht dargebracht wurden, kann man nicht um gnädige Annahme derselben beten. Die Hindernisse des Tempelbaues gingen daher auch nicht blos von den Samaritanern aus, sondern es wirkten auch noch andere Faktoren dabei mit, ohne welche vielleicht die Opposition der Samaritaner nicht so mächtig geworden wäre. Der Unterschied und Vorzug des Gebetcultus besteht darin, daß der Opfercultus eine priesterliche Thätigkeit und Mitwirkung fordert, das Volk aber der Mitwirkung entbehrt, während der Betende selbst thätig ist und keines Priesters bedarf, ganz der pharisäischen Bestrebung und dem mosaischen Grundprincipe entsprechend. Auch im Tempel wurde daher gleichzeitig mit dem Gebetcultus die Mitwirkung des Laien, Maamadot (Stellvertretung des Volks), eingeführt. Bezeichnend genug aber für die Macht der Priester der Volkspartei gegenüber, ist, daß man bei der Entstehung der Bethäuser neben dem wieder aufgebauten Tempel jene nur als einfache Versammlungshäuser, בית הכנסת, und mit dem in der griechisch-maccabäischen Periode aufgekommenen Namen ״Synagoge" bezeichnte, als wenn ihnen der Charakter der Heiligkeit gefehlt hätte. Höchstens wagt man die Bezeichnung ״ מקדש מועטuntergeordnetes, geringeres Heiligthum." Die Verkehrtheit, den Opfergottesdienst noch immer dem Principe nach dadurch zu toleriren, daß man die Gebete um Wiederherstellung desselben aufrecht erhält, sie gedankenlos spricht oder in Wirklichkeit an die Möglichkeit von der Realisirung solcher Wünsche glaubt, wenn nicht gar darauf hofft, leuchtet alsbald klar hervor, wenn man daran denkt, daß der Gebetcultus, welcher die thätige und selbstbewußte Mitwirkung des Volks voraussetzt — im Gegensatz zur äußerlich formalen Vertretung durch die Priester —, geistig viel höher steht, und die Rückkehr zum Opfercultus somit einen culturhistorischen Rückschritt in sich schließen würde. Zudem würde ein solcher Vorgang den principiellen Grundsätzen wie der faktischen Gestaltung des Judenthums widersprechen, welches durchweg die Bestimmung und Leitung des Cultus in die Hand des Volks statt der Priester gegeben hat. Priesterliche Thätigkeit und Mitwirkung wird nirgends gefordert, weder bei der Geburt noch beim Tode, nicht bei Trauungen, Scheidungen, Aufnahme in den Bund oder sonst wo, nicht bei dem Vortrag der öffentlichen Gebete, oder der öffentlichen Vorlesung aus der heiligen Schrift; zu allen Funktionen ist jeder befähigt, welcher die Kenntniß und Würdigkeit dazu besitzt. Alle diese Grundsätze und Verhältnisse würden durch Wiederherstellung des Opfercultus wieder auf dem Kops gestellt. Wir erwähnen hier auch noch der שהיטה, weil die rituelle Schlachtweise, als ein Ueberbleibsel des frühern Opfercultus angesehen wird und ursprünglich auch für das zum profanen Hausgebrauch bestimmte Vieh vorgeschrieben war. Als die Bestimmung für das profane Vieh aufgehoben ward, mögen die Priesterleviten, welche im Lande zerstreut wohnten, anfänglich die rituelle Schlachtweise auch außerhalb des Tempels fortgesetzt haben; sicherlich haben aber auch die Pharisäer daran festgehalten, um mit dieser, wie mit anderen priesterlichen Ceremonien eine Nachahmung des priesterlichen Opfercultus und Tempeldienstes für das Volk außerhalb des Tempels zu begründen. Ein Schlacht-Ritual war ohne Zweifel für die Opfer üblich, denn ובה und שהט werden ganz bestimmt unterschieden; nur mag es ursprünglich weniger umständlich gewesen sein, bis die Pharisäer dieses halb-priesterliche Ceremo-