Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 30 (23.7.1873)
- Date
- 1873-07-23
- Page
- Seite 238 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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23S völkerung wohlthätig einwirkt, weil die Mädchen in den gut bezahlten feinen weiblichen Handarbeiten unterrichtet werden, ganz das Werk des Directors Perl und seiner nunmehr verstorbenen Gattin. Wir wünschen aufrichtig, daß der um die deutsche Bildung und Aufklärung der hiesigen Judengemeinde so hoch verdiente Mann, dessen deutsche und streng verfassungstreue Gesinnung sich auch während der vorherrschenden polnischen Strömung der letzten Jahre gleichgeblieben ist, und die nun immer mehr zu Ehren kommt, noch lange in der bisherigen Weise und mit dem bisherigen Erfolge fortwirke. Die Wiener Orthodoxie ist ausgezahlt, denn sie muß zahlen. Zwischen der Wiener Cultusgemeinde und den orthodoxen Gemeindemitgliedern ist bekanntlich ein Streit wegen Erhebung der Cultussteuer ausgebrochen. Gegen letztere, da sie die Zahlung stets und entschieden verweigerten, wurden die gesetzlichen Zwangsmaßregeln angewendet. Gegen die zu Gunsten der israelitischen Gemeinde gefällte Magistrats-Entscheidung recurrirten die Steuerverweigerer an die Statthalterei, und als hier das erste Erkenntniß bestätigt wurde, brachten dieselben den Gegenstand zur Austragung an das Ministerium für Cultus und Unterricht, um eine principielle Entscheidung herbeizuführen. Das Ministerium hat nun die von der Statt- Halterei ausgesprochene Entscheidung der Verfügung des Wiener Magistrats als legal erklärt, weil die Zahlungspflicht der Betreffenden nach den §§ 3, 5, 7 des zu Recht bestehenden Statutes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien außer Zweifel steht. So lange dieselben Israeliten bleiben und in Wien wohnen, gehören sie gesetzmäßig zur israelitischen Cultusgemeinde; nur mit dem Austritt aus dem Judenthume hört die Gemeindeangehörigkeit auf. — In Braumüller's Verlag erscheint: ״Die biblisch-talmudische Glaubenslehre historisch dargestellt" von Dr. Duschack in Gaya, die Frucht mehrjähriger ernster Forschung und ausdauernden Fleißes. Kunä^cüau. 110. Wien, 1. Juli. Sonntag wurde eine Deputation des Vereins ״Schomer Israel" in Lemberg, bestehend aus dem Vereinsvorsteher, Advocaten I)r. Joseph Kohn aus Lemberg, dann aus den hiesigen Advocaten und Vereinsmitgliedern Herren Dr. Hönigsmann und Dr. Landesberger, von dem Fürsten Karl von Rumänien empfangen. Die Deputation übergab dem Minister des Auswärtigen, Hrn. Boeresco, ein von Dr. Hönigsmann verfaßtes Memorandum zu Gunsten der rumänischen Juden, und erhielt von diesem Minister die beruhigendsten Zusicherungen bezüglich des ferneren Vorgehens der gegenwärtigen rumänischen Regierung in der betreffenden Frage. Hierauf wurde die Deputation von dem Fürsten Karl in mehr als halbstündiger Audienz empfangen, während welcher sie die Stellung ihrer Glaubensgenossen in Rumänien erörterte und deren Schicksal dem Fürsten ans Herz legte. Auch hier fand die Deputation das freundlichste und huldvollste Entgegenkommen und begegnete einer durchaus liberalen Auffassung, selbst in Sachen des berüchtigten Spirituosengesetzes, allerdings aber auch dem Wunsche, die rumänischen orthodoxen Juden selbst möchten das Entgegenkommen durch Aufgeben so mancher abstoßenden Eigenthümlichkeiten in Tracht, Sitte rc. erleichtern. Eine ähnliche Aufnahme hatte auch die am 27. v. M. bei Sr. Hoheit erschienene Deputation der Wiener Israelitischen Allianz, bestehend aus den Herren Ritter v. Wertheimer und Dr. Kuranda, gefunden. (N. f. Pr.) 111. (Kriecherei.) Die Väter der Stadt Roman haben auch ihrerseits der verwittweten Fürstin Cusa ein Condolenzschreiben übersandt, aber um alle anderen derartigen Adressen zu übertreffen, haben die lieben Väter der Fürstin den Titel: Ihre Majestät, beigelegt. Und so lautet die Ueberschrist: ״Condolenz-Adresse an Ihre Majestät die Prinzessin Helene Cusa, Fürstin der Rumänen." Findet sich denn kein Gotha'scher Kalender in der Primarie der Stadt Roman? (Rum. Post.) 112. (Die braven rumänischen Studenten!) Wir erinnern uns, daß vor einigen Jahren, als der Judenhaß die ersten Blüthen zu treiben anfing, der Director eines hiesigen Gymnasiums einigen israelitischen Schülern Zeugnisse ausstellte, worin von ״mosaischer Nationalität" gesprochen wird. Umsonst war die Widerrede, die Beschwerde bei dem Ministerium sogar, es blieb bei der ״mosaischen Nationalität" und der ״mosaischen Religion". — Nun scheint eine Sinnesänderung in dieser Beziehung eingetreten zu sein, denn in den Diplomen der fünf israelitischen Schüler, die Heuer ihre Maturitätsprüfung mit großem Erfolge abgelegt haben, heißt es: Nationalität: Rumäne; Religion: mosaisch. Die rumänischen Studenten (sagt ״Viitorul") haben gegen diesen von den Juden usurpirten Titel ״Rumäne" Protest eingelegt. Aber, fügt er in kläglichem Tone hinzu, ״ihre Stimme wurde nicht erhört." — Der wackere ״Viitorul" wird von einem ehemaligen Gymnasialprofessor redigirt. Die armen rumänischen Studenten! (Rum. Post.) 113. Die ״Arch. isr." tadelte letzthin, daß in den ״Landes" (Haidegegenden südlich von Bordeaux) jüdische Gemeinden, Rabbinat Bayonne, (wenn auch nur kleine von acht Gliedern) nie den Betuch und die Belehrung eines Rabbiners erhielten. Jetzt theilt im selben Blatte ein Hr. Levy aus Fontainebleau (mit: seine Gemeinde, 30 und mehr Glieder stark, im Rabbinatsbezirke Paris gelegen, habe seit 10 Jahren zwei geistliche Besuche erhalten: vom Oberrabbiner Isidor,