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Jüdische Volkszeitung · 1873-07-23 · 30 (23.7.1873) · p. Seite 235

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
30 (23.7.1873)
Date
1873-07-23
Page
Seite 235 (sequence 3)
Language
German
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285 intellektuell zu heben; mache sie arbeitsfähig, weise ihnen Gelegenheil zu ehrlicher Thätigkeit nach; sorge für Schulen für die Kinder der Armen, für Verbreitung der Handwerke unter denselben; suche strebsamen Jünglingen zum Einschlagen einer höheren Carriöre behilflich zu sein. Errichte Waisenhäuser, Stipendienvereine, Wittwencassen, Alterversorgungsanstalten, Krankeninstitute, Darlehnsvereine, Handwerkerschulen! Mit Deiner armseligen Gabe, die Du dem Bettler in die Hand steckst, schadest Du mehr als Du nützest! Das ist die bequemste, trägste und verderblichste Art der Wohlthätigkeit. Leider dominirt sie noch in den meisten jüdischen Gemeinden; denn mit dem ״jüdischen Herzen" wird viel Unfug und Humbug getrieben! Gegen dieses Unwesen, für die moralische und geistige Hebung der Armen, für deren zweckentsprechende, ausreichende Versorgung spricht das Rundschreiben des Gemeindebundes in klaren, präcisen Worten. (Fortsetzung folgt.) Correjponäenz. Eökn. Der dritte Jahresbericht des Local- und Districtscomites der Alliance isr. universelle dahier ist soeben erschienen. In seiner Einleitung sagt derselbe: ״Den dritten Jahresbericht über unsere Thätigkeit betreffs der russischen Waisenknaben müssen wir mit dem dankbaren Bekenntnisse eröffnen, daß das Wohlwollen für sie und dadurch auch für die Alliance, in deren Namen wir die schwere Arbeit begonnen, in erfreulichem Graoe zugenommen hat. Davon zeugen die zum Theil ansehnlich erhöhten Beiträge der Mitglieder, wie auch deren Zunahme in Cöln und der Rheinprovinz und die reichlichen Gaben, die uns zugeflössen sind. Und hielt man auch anfänglich die betreffende Aufforderung zur Erziehung der erwähnten Knaben und unser bereitwilliges Entgegenkommen für phantastische Gutmüthigkeit, die in der Theorie recht human, in der Praxis aber sich sehr verfehlt zeigen, ja, fürchtete man sogar, daß die Saat fremder ungesunder Elemente nicht nur zu schlechten Früchten zeitigen, sondern für den heimischen wohlgeackerten Boden selbst von üblen Folgen sein würde, so zeigte glücklicher Weise die Erfahrung ein erfreulicheres Bild. Germanisches Wesen hat auf die sittlich verkommenen, meist aber geistig sehr geweckten Jungen einen durchaus veredelnden Einfluß ausgeübt. Aus der nachstehenden Tabelle, welche eine Zahl von zw ei undsechzig aufführt, wird man ersehen, daß kaum der zwölfte Theil als unbrauchbar sich gezeigt hat, und wäre auch dieser früher oder wenigstens rechtzeitig der verderblichen Umgebung eines physischen und sittlichen Elends entrückt worden, so brauchte wohl nicht Einer als unverbesserlich constatirt zu werden. Unsere Versuche haben aber vielleicht nicht nur humanitäres Interesse, sie sind möglicher Weise Fingerzeige für die Zukunft und von culturhistorischem Interesse. Die westrussischen Provinzen beherbergen eine mehr als dreifache Anzahl sämmtlicher in Deutschland wohnenden Glaubensgenossen. Was aus diesen in socialer Beziehung im letzten Jahrhundert geworden, kann bei gleichen civilisatorischen Arbeiten auch aus jenen werden, welche außerdem noch einen schärferen Verstand und größere Empfänglichkeit für das religiöse Element besitzen. (In Parenthese können wir auch die Bemerkung nicht unterlassen, daß wir die günstigsten Resultate gerade da erzielen, wo intelligente Jünglinge für geistige Arbeit herangezogen werden können.) Ist es doch bekannt, daß Capacitäten auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft, welche sich hier und dort auf dem Continent eine rühmliche Stellung erworben haben, in Polen und Rußland das Licht der Welt erblickten. Solche Schätze zu heben, lohnt reichlich alle Opfer, welche für diesen Zweck dargebracht werden. Unter den beifolgend mit Namen ausgeführten Waisen sind 15, und zwar 1 Friseur, 2 Kappenmacher, 2 Cigarrenmacher, 2 Buchbinder, 1 Uhrmacher, 1 Drechsler, 2 Schneider, 1 Anstreicher, 1 Seminarist, 2 Handlungslehrlinge, nach nunmehriger Beendigung ihrer Lehrzeit erwerbsfähig in ihre Heimath zurückgekehrt, einige auch nach ihrer freien Wahl von anderen Meistern als Gesellen ausgenommen worden. Berichte von unseren Proteges versichern uns ihre Zufriedenheit und ihr Wohlergehen. In dem Stadium der Vorbereitung befinden sich noch 42, von welchen 19 adoptirt sind und 23 unser Comite zu versorgen übernommen hat. Die 8ud. Nr. 10, 26 (früher adoptirt von Hrn. Simon Harff in Dülken), 28, 33, 50 Bezeichneten stich als sittlich verkommen entlassen, resp. in ihre Heimath zurückgeschickt worden, nachdem wir die angestrengtesten und dreifachen Versuche zu ihrer Besserung und sie bald dieses, bald jenes Metier ergreifen ließen, mit gleich erfolglosen Resultaten gemacht haben. Einige von ihnen haben uns durch ihre Unredlichkeit große Ausgaben verursacht. Im Laufe der nächsten Monate werden von ihren Lehr- Herren wiederum vier Handwerker, als vollkommen für ihren Beruf ausgerüstet, dem Gesellenstand überwiesen. Wenn uns nicht neues Material zugeführt wird, und wir haben bereits im vorigen Jahre bemerkt, daß wir unsere Fürsorge weihen nicht nur denjenigen russischen Waisen, welche ihre Eltern am Hungertyphus Hinsterben sahen, sondern auch denen, die als verwahrloste herumwandernde Bettler, uns die Gestaltung ihrer Zukunft anvertrauen, dann werden in den nächsten Jahren schon, mit der Hilfe Gottes, fast 60 Waisen ihre dauernde Existenz gegründet haben. Schließlich danken wir den verehrten Gönnem unseres

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