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Jüdische Volkszeitung · 1873-07-23 · 30 (23.7.1873) · p. Seite 234

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
30 (23.7.1873)
Date
1873-07-23
Page
Seite 234 (sequence 2)
Language
German
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234 Hauptaufgabe des Unterstützungsvereins ist weitmöglichste*) Fürsorge für die zeitweilig oder dauernd erwerbsunfähigen Unterstützungsbedürftigen. Gemeinden, die aus eigenen Mitteln nicht hinreichend für ihre Armen sorgen können, sollen unter entsprechenden Beiträgen mit ihren Nachbar- oder Provinzial-Hauptgemeinden Armenverbände bilden! Zur Verhütung der Verarmung sind Darlehns- oder Vorschußcassen einzurichten. Arbeitsfähigen Unterstützungsbegehrenden ist Gelegenheit zur Arbeit re. nachzuweisen. Die Armencassen der jüdischen Curhospitäler werden jeder jüdischen Gemeinde und jedem bemittelten jüdischen Curgaste zu weitthunlichster Unterstützung dringend empfohlen rc. rc. Diese Sätze, die noch durch andere zu ergänzen sind, beweisen wohl zur Genüge, daß die vom Gemeindebund vorgeschlagene Organisation der Armenpflege nicht auf draconischer Härte und Grausamkeit beruhen, sondern von echt jüdischem humanem Geiste erfüllt sein soll. Ein Einblick beispielsweise in den ganz kurz gefaßten rabbinischen Codex חכמת אדם erweist sogar eine ganz merkwürdige Uebereinstimmung der Grundsätze der Armenpflege, wie sie vom Gemeindebund in Vorschlag gebracht worden sind, mit denen der echten Rabbiner. Dieselben sprechen nur von centralisirten Armencassen, zu denen ein Jeder seinen Beitrag zu leisten hat, über die ein vertrauenswürdiger, einsichtsvoller und energischer Armenpfleger zu setzen ist, der die wirklich Armen von den Betrügern zu unterscheiden und jedem Unterstützungsbedürftigen nach Bedürfniß zu geben weiß. Die echten Rabbinen sprechen mit offenbarer Verachtung von den Haus- und Wanderbettlern, die in den Zeiten des Druckes und der sittlichen Verwahrlosung aufgekommen sind und keineswegs als ״berechtigte Eigentümlichkeiten" des Judenthums gelten können. Die echten Rabbinen verlangen eine *) Es ist — nebenbei bemerkt — bei dem fürchterlichen Kämpen der Neuorthodoxie in Mainz zur Manie geworden, nicht allein Ketzer-, sondern auch Sprachfehler-Riecher zu sein. Sowie irgend ein ״neologes" Schriftstück, eine Predigt, ein Gesang- oder Gebetbuch, ein Rundschreiben erscheint, weist er seine Leser, die natürlich aus gleicher Höhe der Bildung stehen, bei denen er sich also nicht blaniften kann, aus (selbstverständlich nur falsche!) Sprachschnitzer^ hin. So behauptet dieser Neu-Germane mit hochgelahrter Miene, der Gebrauch des Superlativ von möglich sei undeutsch! Was nicht Alles so ein orthodoxer Redacteur und Doctor (!) seinen orthodoxen Lesern bieten kann! Er, der sammt seinen Correspondenten im Style der ״Zenne Renne" schreibt, der vor jedem Quintaner erröthen müßte, macht sich zum Richter über deutsche Grammatik und Stilistik! Stehen Neu- Germanismus und Neu-Orthodoxie in sittlich-religiösem Connex mit einander? strenge Controls der zur Unterstützung sich Meldenden, eine genaue Prüfung des Bedürfnisses zur Unterstützung, sobald der Arme mehr verlangt, als nöthig ist, um den äugenblicklichen Hunger zu stillen. Die echten Rabbinen verlangen, daß der Geber den Empfänger und der Empfänger den Geber nicht kenne, daß man die Gabe dem Armen mit freundlichem Gesichte reiche, — lauter Vorschriften, die bei der Hausbettelei gar nicht durchführbar sind. Besäßen also unsere Neuorthodoxen nur einen Funken von Ehrlichkeitsgefühl, so würden sie, gerade so wie wir, die Vorschläge des Gemeindebundes mit aufrichtiger Freude begrüßt haben, und zwar als solche, die mit denen des Schulchan-Aruch in bewunderungswürdigem Einklang stehen. Jndeß, Neuorthodoxie und Ehrlichkeit sind entgegenstehende Begriffe! Auch haben wir nicht den Beruf, die Sache des Ausschusses contra Mainz zu verfechten; es gilt uns nur, dessen Vorschläge zu kritisiren. Die Vorschläge des Gemeindebundes stellen mit Recht in den Vordergrund, daß die Beseitigung der Hausbettelei der Anfang einer gut geordneten Armenpflege sein müsse! Das vereinzelte directe Almosenspenden schadet dem Armen wie der Gesammtheit; in jenen wird das Scham- und Ehrgefühl nach und nach abgestumpft, der Hang zum Müssiggang und zu einem lüderlichen Leben geweckt und genährt, und diejenigen, die nicht dreist und zudringlich sein können, kommen zu kurz, müssen oft darben und verderben. Für die Gesammtheit erwächst daraus ein unverbesserliches Proletariat, das einem jeden Bemittelten bei jedem Anlaffe und auf jedem Schritte lästig fällt, das der Gesellschaft, der Gemeinde die besten pecuniären und sittlichen Kräfte entzieht. Wie viele Tausende werden alljährlich auf dem Wege der Hausbettelei nutzlos vergeudet; wie viele tüchtige edle Menschenkräfte gehen dabei physisch und moralisch zu Grunde! Eine wirklich humane und vernünftige Armenpflege muß darauf bedacht sein, die Quellen der Armuth zu verstopfen, die Bedürftigen erwersfähig zu machen! Das sogenannte Mitleid, das sich ohne jede Prüfung, ohne Controls durch Spenden eines Almosen äußert, ist nichts weiter als Schwäche, sie ist ein Verbrechen. Das sogenannte gefühlvolle Herz, das gleich in schmerzliche Zuckungen geräth, wenn ein ״Armer" so erbarmenerregend heranschleicht und die Hand zu einer Gabe entgegenstreckt, das ist ein weibisches Herz, das Strolchen und Tagedieben die Mittel zu einer lasterhaften, gottlosen Lebensweise darbietet. Hast Du wirklich Gefühl für die Armen, so prüfe genau die Ursache der Bedürftigkeit, überlege sorgfältig, wie am besten derselben abzuhelfen sei und dann hilf rasch und ausreichend, überzeuge Dich aber auch, ob Deine Hilfe angeschlagen, richtig verwendet und verwerthet worden ist. Bist Du ein Freund der Armen, so suche dieselben sittlich,

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