Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 30 (23.7.1873)
- Date
- 1873-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Vollszcitung Wochenschrift fuß ßenndc Aeftekkungea nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich!!1k Ngr. m feiimttte und Irhulr, Inn3goge und Hrdrn. sind an die Verlagshandlung von Joh. Friede. Hartlnoch in Leipzig Herausgegeben von I. HImgMslsm in Ingelheim, Preis der 3g!,׳p. Zeile 2 Ngr. bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt". No. 30. Leipzig, den 23. Juli. 1873. I n K ll k t : Die Schnorrer und ihre ״frommen" Beschützer. — Correspondenzen: Cöln, Pest, Gaya. — Rundschau. —Feuilleton: David Ein- Hand (Fortsetzung). — Anzeigen. Die Schnorrer und ihre ״frommen" Aefchüher. Süddeutschland, im Juni 1873. II. Die Heiligsprechung der Schnorrer durch den ״Heiligen" in Mainz erfolgte, als der Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindebundes sein jüngstes, Vorschläge für eine Organisation der jüdischen Localarmenpflege mit Beseitigung der Wanderbettelei betreffendes Rundschreiben vom 3. April d. I. erließ. Der Gemeindebund ist bekanntlich den schwarzen Herren schon längst ein Dorn im Auge. Als grundsätzliche Feinde der Ordnung, der Klarheit, der Vernunft in Verwaltung und Cultus treten sie jedem Versuche zur Verbesserung und Kräftigung des Gemeindelebens selbst auf ganz neutralem Gebiete mit brutaler Leidenschaftlichkeit und lächerlicher Ungeschicklichkeit entgegen. Außerdem haben sie selbst ja mit Gründung eines neu-orthodoxen Gemeindebundes glänzend Fiasco gemacht. Die Wuth, daß jener nicht demuthsvoll im Hauptlager der Pietisten zur Aufwartung erscheint, und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb immer mehr Vertrauen und größere Ausdehnung selbst in streng orthodoxen Kreisen gewinnt, ist darum keine geringe. Wie aber dem Gemeindebunde beikommen, da derselbe sich ja so geflissentlich von jedem religiösen Parteigetriebe fern hält, um keines Haares Breite den Boden verläßt, der ihm bei seiner Gründung vorgeschrieben ist? Das ist ärgerlich, höchst fatal I zehrt an der Jesuiten-Leber. Wie darf etwas Gutes und Segensreiches entstehen, bestehen wollen und können, das dem Schmutze der Neuorthodoxie keinerlei Zielscheibe darbietet? Wie dürfen die Urheber und Förderer des Gemeindebundes sich so kalt und gleichgültig zeigen wollen und können gegen Beifall und Mißfallen, gegen Liebe und Haß ״unserer lieben Herren vom Herzen des Schulchan-Aruch"? ״Hallelujah, der Messias ist gekommen!" so ruft plötzlich der Vorreiter der jüdische Mucker- Armee! ״Seht ihr das neueste Circular des Ausschusses? Haben wir es nicht immer gesagt, daß von dieser Seite nichts Jüdisches, nichts wahrhaft Schulchan-Aruchisches kommen kann? Welch' unjüdische draconische Härte und Grausamkeit gegen die unglücklichen Armen, die, wenn sie Hunger leiden und einen Bissen Brot verlangen, der Gemeindebund ins Gefängniß zu schleppen verordnet." So referirt wörtlich, mit augenverdreherischer Scheinheiligkeit, der Redacteur des ״Israelit" den Lesern desselben. Die erbärmliche Verlogenheit, sittliche Verkommenheit der neuorthodoxen Partei kann wohl nicht schlagender illustrirt werden als durch dieses Referat und diesen Commentar, geliefert durch Rabbiner Dr. Lehmann in Mainz. Dabei citirt er, mit gepfefferten Randglossen, wohlweislich nur die vorgeschlagenen Maßregeln der Strenge, während er sich klüglich hütet (der Zweck heiligt die Mittel!) von folgendem Inhalt des Rundschreibens Kenntniß zu nehmen und zu geben:! Die Beseitigung der Hausbettelei kann nur dadurch herbeigeführt werden, daß vor Allem in jeder jüdischen Gemeinde eine allgemeine Armencasse gegründet wird, aus welcher jeder jüdische Arme nach Bedürfniß und Möglichfeit unterstützt wird, ohne die Privatwohlthätigkeit in Anspruch nehmen zu müssen. Es ist (natürlich nur durch hinreichende Versorgung) zu verhüten, daß aus den Gemeinden selbst Arme nach auswärts gehen, um Unterstützungen nachzusuchen.