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Jüdische Volkszeitung · 1873-07-16 · 29 (16.7.1873) · p. Seite 230

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
29 (16.7.1873)
Date
1873-07-16
Page
Seite 230 (sequence 6)
Language
German
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230 eigenen Schameß, seinen eigenen Parneß, seinen eigenen Zweck, seine eigenen Statuten rc. Die orthodoxe Gemeinde spaltet sich in zehn verschiedene Nuancen und Gruppen, von denen jede unbekümmert um die anderen ihre traurigen Wege geht. Ich bitte dies wohl zu beachten, denn darin liegt das Hauptübel für unsere Gemeinde: es fehlt der Gemeinsinn, die Fähigkeit, sich an einander anzuschließen und unterzuordnen; die Einsicht, daß dies unbedingt nothwendig sei, um zu einem wirklich gedeihlichen Gemeindeleben zu gelangen. Aus dem Grunde fehlt es auch Posen, so alt diese Gemeinde auch ist und obgleich es ihr an reichen Mitgliedem gar nicht mangelt, an den nothwendigsten Humanitätsanstalten. Die Waisenanstalt, die sie besitzt, verdankt ihre Existenz — mirabile dicta! — der Munificenz eines Christen, des Hrn. v. Kottwitz. Alle Achtung vor dem Brüderverein in Posen, der sich durch seinen fortschrittlichen Geist auszeichnet. Er besitzt einen geregelten Gottesdienst, Chorgesang, auch Orgelmusik (gegen welche sich der jetzige Prediger, im Gegensatz zu seinem Amts- Vorgänger, der aus derselben Schule stammt! entschieden aussprach). Aber auch ihm ist seine Existenz, seine Wirksamkeit nur Selbstzweck; von einem civilisatorischen Einfluß nach Außen kann keine Rede sein; er steht zu abgeschlossen da, wie eine Oase in der Wüste, ohne jede nutzbringende energische Verbindung mit den anderen Elementen der Gemeinde, der Gemeinden; thut weiter nichts, als — geregelt beten. Daß aber damit die Aufgabe einer Gemeinde nicht erschöpft ist, bedarf keiner weiteren Ausführung. Es schmerzt mich tief, nur Schattenseiten hervorkehren zu müssen; aber was wäre mit der Schönfärberei, mit dem Jgnoriren gedient? Auch würde es mich herzlich freuen, von anderer Seite an der Hand thatsächlicher Nachweise derUebertreibung, ja geradezu unwahrer Berichterstattung beschuldigt zu werden. Aber leider wird dies nicht gut möglich sein: denn der Mangel an Gemeinsinn, der Mangel an echt wohlthätigem Sinn ist nirgends so groß wie in Posen, in der ganzen Provinz Posen. Das sprüchwörtliche jüdische Herz wird nirgends so Lügen gestraft, wie hier. Haben Sie schon aus unserer Provinz von hochherzigen Thaten, von großartigen Stiftungen, von besonders segensreichen, gemeinnützigen Anstatten gehört? Ich noch nicht! Man glaubt, Wunder was gethan zu haben, wenn man einem armen Seminaristen oder Gymnasiasten einen Freitisch gewährt, oder allmonatlich ein paar Groschen in die Hand steckt, die er sich gleichsam erbetteln muß. Für die Heranbildung unbemittelter Kinder zu tüchtigen Handwerkern und für die Gelehrtencarriere, für Beförderung der Künste und Wissenschaften, für Gründung von Rabbiner- und Lehrer-Pensionscassen rc. geschieht nichts, zeigt sich kein Opfersinn. Dagegen gibt es ״Chewres" in Masie. Ueberall die lächerliche Wahrung einer Krähwinkel- Souverainität, Abgeschlosienheit, Beschränktheit, Mangel an dem Bedürfniß, sich Anderen anzuschließen, behufs kräftigen und wirksamen Strebens und Schaffens für gleiche Zwecke. Es ist, als ob der Geist der Zeit des Zusammenthuns und Zusammenwirkens, der lebendigen Theilnahme an allen höheren geistigen Interessen des Judenthums an der posenschen Grenze Halt machte! Dies führt mich zum Schluffe noch auf einen anderen Gegenstand. Seit einem Jahre besteht in Deutschland ein israelitischer Gemeindebund, dessen Bestrebungen und Zielpunkte unsere Gemeinden ebenso sehr, vielleicht noch mehr als alle anderen Gemeinden des deutschen Vaterlandes interessiren. Wie viel Gemeinden haben sich aber aus der Provinz Posen bis jetzt dem Gemeindebunde angeschlossen? Zwei, sage zwei: Osttowo und Pleschen. Wir erinnern uns, vor längerer Zeit in unseren politischen Provinzialblättern Auslassungen begegnet zu sein, die über die geringe Theilnahme der posenschen Gemeinden an jenem Erstaunen und Schmerz ausdrückten. Es geschah dies, als seitens des Gemeindebundes die Broschüre ״Die Einordnung des jüdischen Religionsunterrichts in die Volksschule" veröffentlicht wurde, welche Broschüre, nach Allem, was darüber verlautete, sich ja des wirksamsten Erfolges erfteute. Der Schreiber jener Auslassungen, obgleich von den besten Absichten erfüllt, kannte unsere Gemeinden nicht. Unsere Gemeinden sind gewohnt, Andere für sich arbeiten zu lassen, ohne selbst mitzuarbeiten; Erfolge zu accepttren, ohne zu denselben das Ihrige beizutragen. Die Abgeschlossenheit, die Beschränktheit und Engherzigkeit documentirt sich bei ihnen auf jedem Gebiete und nach allen Richtungen hin. Möchten doch die jüdischen Gemeinden der Provinz Posen das Dichterwort beherzigen: ״Immer strebe zum Ganzen, und kannst Du selbst kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes Dich an!" «f{und|c(1au. 109. Breslau. Am 11. Juni starb im Badeort Landeck die Frau eines hiesigen jüdischen Arztes, welche Christin war und der Secte der Unitarier angehörte. Der Gatte, welcher in Civilehe mit der Verstorbenen vier Kinder zeugte, die im Judenthume erzogen werden, wandte sich nach erfolgtem Tode an den Landecker katholischen Geistlichen mit der Bitte, die Beerdigung der Entschlafenen auf dem dortigen katholischen Friedhofe vorzunehmen. Dieses Gesuch wurde jedoch zurückge- > wiesen, angeblich, weil die Unitarier keine Christen seien. (!) ^Jn Folge dieses abschläglichen Bescheides wandte sich der

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