Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 29 (16.7.1873)
- Date
- 1873-07-16
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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229 der Provinz zur allseitigen Betheiligung und Spendung von Beiträgen auf. Münster, den 7. Juni 1873. Der Oberpräsident von Westfalen. Aus üem Weimariscsten, Mitte Juni. In Nr. 21 Ihres geschätzten Blattes wird in einer Correspondenz ״Von der Werra" unseres Landrabbiners gedacht, resp. dessen Wirksamkeit einer kritischen Beleuchtung unterzogen. Es kann jedoch jene Darstellung nicht ganz frei von einer einseitigen Beurtheilung unserer Verhältnisse gesprochen werden. Gestatten Sie mir eine ganz objectiv gehaltene Entgegnung! — Es wird in gedachter Correspondenz zunächst dem Eingreifen unseres Landrabbiners auf das Gebiet der Schule in etwas satirischer Weise entgegengetreten und dessen neu entworfener Unterrichtsplan als ein dem Geiste unserer Zeit nicht entsprechender bezeichnet. Diese Auffassung Ihres geehrten Correspondenten ist weder ganz zutreffend noch begründet. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß fraglicher Lehrplan, namentlich für einclassige Landschulen, wegen der Fülle des Unterrichtsstoffes eine anstrengende Thätigkeit des Lehrers und Schülers erfordert, auch die Anlage desselben manche Mängel an sich trägt, so steht der Landrabbiner mit Ausnahme der speciell jüdischen Lehrgegenstände dabei doch ganz auf gesetzlichem Boden, was bei einer Vergleichung mit dem in unserem Lande bis jetzt maßgebenden schulgesetzlichen Bestimmungen erhellt. Wenn in dem Lehrplan dem hebräischen Wissen etwas mehr Raum, als dem Lehrer erwünscht, angewiesen ist, so kann den Rabbiner wegen dieses Umstandes kein so großer Vorwurf treffen, da bisher der ganze hebräische Unterricht aus nur einer Stunde Pentateuch und einer Stunde Gebetübersetzen bestand und von einer Classenabtheilung keine Rede war und deshalb der Rabbiner bei dieser Frage mehr dem Drängen der Landgemeinde als seiner eigenen Anschauung gefolgt ist. Kann es doch als Thatsache festgestellt werden, daß auch der sel. freisinnige Dr. Heß noch in den letzten Jahren seines Wirkens auf vermehrten hebräischen Unterricht Ln den Schulen gedrungen hat!! Uebrigens geht Hr. vr. Kroner bei Einführung seines Schulplanes ganz gemessen und rücksichtsvoll zu Werke. Er nimmt von den Lehrern recht gerne sachgemäße Einwände und Wünsche hierüber entgegen, so wie er überhaupt denselben in ganz humaner Weise entgegenkömmt und Niemanden seiner religiösen Anschauung halber verketzert, wodurch sich doch sonst gerade wirklich Orthodoxe kennzeichnen! Was den in beregter Correspondenz hervorgehobenen סיום am ע פסח betrifft, welchen der Landrabbiner veranstaltete, um die בכורים des gewohnten Fastens zu entlasten, so ist die Thatsache richtig; wir können aber auch hierin die Auffassung Ihres Referenten nicht ganz adoptiren. In unseren Landgemeinden wurde bis jetzt auch unter der Aegide des aufgeklärten Hrn. vr. Heß s. A. die hergebrachte Sitte oder Unsitte des 'חבב vielfach festgehalten, ohne daß es weiland Heß in den Sinn gekommen wäre, gegen diesen allerdings abergläubischen Brauch zu eifem oder solchen zu bekämpfen. Wenn nun Hr. vr. Kroner durch ein harmloses Ceremoniell (?) den bisher üblichen מנהג des Fastens zu beseitigen(?) sucht, so ist dies unseres Bedünkens gerade ein Mittel, mit der Zeit die unzeitgemäße mystische Vorschrift des שע succellve ganz abzustellen, und kann dann hieraus für den Rabbiner kein Vorwurf erwachsen, im Gegentheil vielleicht dem בכור שור das £ הדר angesügt werden. (Meint der geehrte Correspondent das im Ernste? Nach unserer Anschauung ist es weit verzeihlicher und entschuldbarer, einen anstößigen Gebrauch, einen Aberglauben unberücksichtigt und so in sich zerfallen zu lassen, als durch eine derartige Bemäntelung ihn innerlich gleichsam zu sanctioniren, während man ihn ״umgeht". Leider haben sich derartige Umgehungen durch verschiedene Bestimmungen des שע eingebürgert; wir rechnen hierzu z. B. den Chamezverkauf, die Einlösung der Bechorim, die Erufei Thechumin und Aehnliches. Nach unseren Begriffen sind derartige Vertuschungen geradezu unsittlich. Redaction.) Provinz Posen, im Juni (Schluß aus Nr. 22). Bevor ich in meinen Schilderungen hiesiger Zustände fortfahre, habe ich mich gegen das Mißverständniß zu verwahren, als ob ich durch meine strenge Beurtheilung alle jüdischen Gemeinden und alle unsere Glaubensgenossen in Bausch und Bogen verurtheilen wollte. Dies wäre ebenso sinnlos wie ungerecht, und lag mir in Wirklichkeit auch vollständig fern. In jeder Stadt fast gibt es ebenso tüchtige, mit allen Bildungselementen ausgestattete wie einer hohen bürgerlichen Stellung sich erfreuende Persönlichkeiten unseres Glaubens. Auch darf sich ja unsere Provinz rühmen, der Welt, dem Judenthum Männer wie Holdheim, Bernstein, Lasker, Kosch, Fürst, Grätz rc. geliefert zu haben, auf die wir Alle gewiß mit gerechtestem Stolze blicken. Mein Vorwurf war nur gegen das jüdisch-gemeindliche Leben unserer Synagogengemeinden und auch nur gegen den, freilich überwiegenden Theil derselben gerichtet. Und da muß ich allerdings auf meinem Urtheil verharren, so hart dasselbe auch Fernstehenden klingen mag. Als Beweis möge mir die Gemeinde Posen dienen, auf die ich ohnedies in meiner diesmaligen Correspondenz zu kommen versprach. Die Gemeinde Posen gewährt das unerfreulichste Bild einer musterhaften Zerrissenheit unter unseren Glaubensgenossen. Hier stehen sich nicht etwa, wie vielleicht anderswo, Parteien, Principien gegenüber; das würde man sich noch gefallen lassen, da man jeder Ueberzeugung Achtung und Gerechtigkeit widerfahren lassen muß. Nein! Jedes Dutzend Juden hat seine eigene ״Schul", seinen eigenen Verein, seinen