Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1873-07-09 · 28 (9.7.1873) · p. Seite 223

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
28 (9.7.1873)
Date
1873-07-09
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9588641-9578452-9578696--252-9578703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

223 , ״Was brauchst Du Dich zu fürchten, Kele!" sagte Reb Joine Glück, der neben ihr stand, ״Du kannst Dein Moschele keck auf Brünn hineinsühren lasten, sie werden Dir ihn schon wieder zurückbringen. Ich steh Dir gut dafür, sie behalten Dir ihn nicht!" ״Nein, Reb Joine-Leben", sagte Kele, ״wenn ich es auch da geschrieben und gesiegelt hätt, daß er mir von Brünn wieder zurückkommt, nicht einmal hineinstellen will ich ihn lasten zu der Commission." ״Nun alsvenn", sagte Reb Perez, die Furcht und den Schrecken des bekümmerten Weibes benützend, ״wenn Du haben. willst, daß wir ihn nicht hineinführen sollen, dann zahl her, was ich Dir gesagt Hab. Leg da her einen Hunderter auf den Tisch und Du kannst Dich ruhig schlafen legen." ״Reb Perez-Leben", sagte Kele, ״wenn ich's in mein Vermögen hütt, möcht ich es gewiß sehr gern thun; meinetwegen noch mehr. Aber von wannen soll ich so viel Geld hernehmen? Bin ich denn etwa geworden Lob Frank oder Kreßele Kezinetin? Ich bin ein gemein Mensch und bin froh, ich bring das Leben heraus." ״Hör zu Kele", sagte der Vorsteher, den die Härte des Beisitzers verdroß,' ״wir wissen es, daß Du keine hundert Gulden zahlen kannst; leg zwanzig Gulden Münz nieder und weiter aus! ״poter!" (Punktum!)" * ״Zwanzig Gulden Münz!" sagte Kele. ״Das ist eine Red! Haben thu ich das Geld nicht, aber ich werd sehen, daß ich mir's schaff." ״Nun", sagte der Vorsteher, ״ein Bissele weh thun muß sich' ein Jeder in einer solchen Zeit." ״Ich werd mir weh thun", sagte Kele, ״was thut eine Mutter nicht für ein Kind?" — und mit diesen Worten entfernte sie sich. ״Du bist ein Narr", sagte Reb Perez zum Vorsteher, ״daß Du sie hast so leicht davon kommen lasten. Hast Du denn nicht gesehen, was für eine Furcht sie hat? Aus der war schon mehr heraus zu schneiden gewesen als wie schäbige zwanzig Gulden. Ich steh Dir gut dafür, sie hätt einen Hunderter gegeben." Ein Gemurmel des Mißfallens ließ sich in der dicht gedrängten Gemeindestube vernehmen. ״Nein!" sagte der Vorsteher, ״ich reiß von einer armen Wittwe keine Stücke herunter. Ich sag Dir, die zwanzig Gulden, die sie hergibt, gibt sie eigentlich auch umsonst. Wenn sie ein Bissel mehr Verstand und ein Bissel mehr ״Krasche" hätt, so hätt sie sich von Deinen Reden nicht in Schrecken setzen lasten, denn ihr Moschele ist uütauglich, das sieht ein Jeder auf den ersten Blick und den nimmt kein Regimentsarzt an. Wenn sie reich wär, sag ich, gut, Du hast Recht, jag ihr Schrecken ein, soll sie zahlen; aber eine arme Wittwe, was willst Du von ihr herausbringen? Zwanzig Gulden sind auch zu viel." ״Nun meinetwegen", sagte Reb Perez, ich bin nur neugierig, wie viel Geld wir auf die Art zusammenbringen werden, wenn Du es bei Jedem so machen willst." ״Man muß wissen einen Unterschied zu machen", sagte der Vorsteher, ״gehen wir weiter, sonst werden wir nicht fertig. Ist Reb Henoch Rosenberger da?" ״Da bin ich", antwortete Reb Henoch Rosenberger und drängte sich durch die Menge vor bis an den Tisch. ״Also, Reb Henoch", sagte der Vorsteher, ״wie halten wir mit einander?" ״Wie sollen wir mit einander halten?" fragte Reb Henoch. ״Du weißt doch! Du hast doch gehört, was man Dir vergangene Woch in meiner Gegenwart im Oberamt für eine Auskunft gegeben hat." ״Was ist das für eine Auskunft?" fragte Reb Perez. ״Der Amtsschreiber hat mir erklärt", sagte der Vorsteher, ״daß sein Ignaz zeitlich befreit ist, weil — —" ״Weil er bei der Prüfung ein gut Zeugniß bekommen hat, verstehst Du, mit lauter guten Elasten", fügte der Vat^r des Stildeuten hinzu. ״Was heißt zeitlich befreit?" fragte Reb Perez. ״Zeitlich befreit, hat der Amtsschreiber gesagt, heißt: befreit für dieses Jahr", erklärte der Vorsteher. ״Nun Hollah", sagte Reb Perez zu Reb Henoch gewendet, ״dann haben wir Dich ja schon in der Hand." ״Wie heißt, Ihr habt mich in der Hand?" fragte Reb Henoch. ״Wenn er nur für dieses Jahr befreit ist", sagte Reb Perez, ״dann werden wir ihn auf's Jahr nehmen! Es wird ja über's Jahr zu Gesund wieder eine Rekrutirung sein." ״Was bist Du für ein Narr", sagte Reb Henoch lächelnd, ״es wird ja über's Jahr zu Gesund und zu Leben auch wieder eine Prüfung sein in der Schul, in der mein Ignaz studiren thut." ״Nun, und was ist noch da mehr?" fragte Reb Perez. (Fortsetzung folgt.) Ariesliasten. 1 Dem geehrten Herrn Einsender <f>0.0v xUvov aus Berlin zur! gefälligen Beachtung, daß wir erst erkennen müssen, was aus dem j Artikel wird, bevor wir ihn ausnchmen können. Vorläufig ist dies! nicht erkennbar. Sachliche und motivirte Entgegnungen sind wir, j soweit der sehr beschränkte Raum es zuläßt, gerne bereit, aufzuj nehmen. i Herrn B. Bitte zu entschuldigen: Aus Mangel an Raum kommt! Ihr Artikel erst in nächster Nummer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.