Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1873-07-09 · 28 (9.7.1873) · p. Seite 221

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
28 (9.7.1873)
Date
1873-07-09
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9588641-9578452-9578696--250-9578701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

221 der Reise und Leitung an Ort und Stelle anzustellen. — Da wird es mit dieser Auswanderung eben nicht sehr rasch vorangehen. Und doch soll und muß gerade hierin etwas geschehen! Der New-Aorker Ausschuß verspricht seine thätige Mitwirkung. Eorresponäenz. Aus einer süddeutschen Stadt, im Mai. (Verspätet, aber doch nicht zu spät.) Erew Peßach, der ersehnte Vorabend des lieblichsten Festes, der Tag der Freiheit für die durch Scheuern und Putzen ermüdeten jüdischen Frauen und Mägde war gekommen. Spiegelblank glänzten die Wohnungen und hier und da ließ sich schon ein neuer Besen sehen, der die letzten Chamezreste von den äußeren Treppen fegte — Elihu hanabi konnte kommen, wann er nur wollte. Siehe da, in der Straße, die in nächster Nähe der Synagoge, wo die meisten Juden wohnen, wirds jetzt munter. Es ist neun Uhr vorüber! Von überall aus allen Häusern kommen Knaben, die einem großen Hofe zusteuern, der der jüdischen Gemeinde gehört und auf den mehrere Nachbar- Häuser stoßen. Sie tragen etwas geheimnißvoll unter dem Kittel, ein kleines Vündelchen, weiß umwickelt, mit einem langen Stiel; — was ists? Ich wette, es sind wenige unter unseren Lesern, die's nicht errathen, denen es nicht wie eine längst verschollene Sage aus heiteren Jugendtagen klingt. Jetzt wird mitten im Hofe ein Feuer angezündet, trotz Feuergefährlichkeit! Und hineinwerfen sie, die Knaben all, ihre genannten Bündelchen und hoch wird die Flamme und höher noch schwillt das Freudengeschrei der munteren Jugend — wer sollte es ihnen mißgönnen? Ists ja ein unschuldiges Autodafe, das Verbrennen des Chamez! Und immer Heller wird der Brand und immer stärker wird die Gluth und immer höher steigt die Lust der Knaben, — da, auf einmal eine augenblickliche Stille! Und herein tritt, mit bedächtigem Schritte, der — Lö — we? nein der Doctor, der Rabbiner! Und der große Mann steht unter den Knaben —, ein Freudenschrei, ein Hoch durchdringt die Luft! Und auch er zieht sein Bündelchen hervor, und hoch erhebt er es; es ist — ein hölzerner Kochlöffel, und um den Kochlöffel ein Läppchen, und um das Läppchen ein Faden, und an dem Faden eine Gänsefeder, und bei der Gänsefeder ein Wachskerzchen, und tief innen im Läppchen, eingewickelt, wohlverwahrt, einige Krumen Brodes, ausgesucht in Andacht in den Ecken des Hauses! Und jetzt thut der große Rabbi den großen Wurf. Andächtig und würdevoll verdrehen sich die Augen, sie suchen den Himmel, denn er betet im Herzen: ״So mögen untergehen und verbrennen alle die, die das >Chamez der Reform verbreiten in Israel, all die Männer, Rabbiner und Lehrer, welche gerathet in Leipzig und Augsbürg, um die Säulen des Schulchan-Aruch, des Joredea zu erschüttern, die Zerstörer der Piutim, des Ab Horachamim und Jekumpurkan, die nicht mewaär sind das Chamez und nicht sagen: Kal chamirah!" Und die ganze Versammlung, alle die Knaben, wie sie sehen die Bewegung der Lippen und das Verdrehen der Augen, und wie sie hören das Gemurmel des frommen Rabbi, schweigen eine Weile und dann wie aus einem Herzen — ertönt leise, leise, von den Lippen der Schüler, die die Gedanken des Lehrers errathen, ein einmüthiges und andächtiges: Amen! Und nun zieht der Rabbi hervor ein langes Buch — es ist die Haggadah! Auf das lockige Haupt eines Knaben stützt er die heilige Rechte; schöpft tief Athem und spricht laut und deutlich mit zum Himmel erhobenen Augen die begeisternden, erschütternden Worte, welche beginnen mit Kal chamirah wachmiah deikah birschuti — und schließen: weleheweh keasrah dearah und die zu deutsch bedeuten: ״Alles Ungesäuerte und Gegohrne, das da ist in meinem ״Bereiche, selbst das ich nicht gesehen und das ich nicht ״weggeräumt, soll gleich als zerstört und dem Staube der ״Erde gleichgerechnet sein." ״Amen!" ruft die begeisterte Knabenschaar. Das Feuer verglimmt. Die frommen Knaben zerstreuen sich. Die heilige Handlung ist vorüber. Die Lippen, die das Kal chamirah gesprochen, dürfen nicht mehr berührt werden in 8 Tagen und 11 Stunden von Chamezspeise. Der fromme Rabbi aber geht beglückt nach Hause; — er hat das Fest der Freiheit würdig begonnen und begeistert schreibt er jetzt noch vor dem Feste einen Artikel — über die durch die bösen Reformer gefährdete jüdische Gewissensfreiheit. — Oppeln, Juni 1873. Vor einigen Tagen wurde ich durch Empfang eines Exemplars ״Verhandlungen der zweiten israelitischen Synode" ganz überrascht; ich hatte keine Ahnung, daß dieselben jetzt noch gedruckt worden. Die Arbeit der Redaction mag, nachdem jetzt zwei Jahre seit den Tagen der Synode verflossen, keine geringe gewesen und deshalb nicht so befriedigend ausgefallen sein, wie wenn sie vor zwei Jahren unternommen worden wäre. Ich habe bis heute erst das gelesen, woran ich speciell betheiligt bin, und da finde ich manches irrthümlich, manches ganz unverständlich wiedergegeben. Ich muß in Augsburg nicht deutlich genug gesprochen haben, es konnte nur mit großer Anstrengung geschehen; denn in Folge einer Erkältung aus der Reise litt ich damals an einer heftigen Halsasfection und stand während meines ganzen Aufent- Halts in Augsburg in ältlicher Behandlung. Bei dem so überaus regen Jntereße, welches Sie, sehr geehrter Herr Redacteur, an der Synode nehmen, wird es Ihnen gewiß lieb sein, wenn ich zur Richtigstellung dieser veröffentlichten Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.