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Jüdische Volkszeitung · 1873-07-09 · 28 (9.7.1873) · p. Seite 220

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
28 (9.7.1873)
Date
1873-07-09
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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220 Daß sich aber Hr. Laster aus dem jüdischen Gemeindeleben bereits vollständig herausgelebt hat, bewies schon seine Beleuchtung des Judenthums bei den Debatten über die Excommunication. Hoffen wir, daß der Herr Cultusminister, was nach dessen Erklärungen im Abgeordnetenhause auch zu erwarten steht, durch die von ihm zu gewärtigende Gesetzesvorlage ein besseres Verständniß und ein größeres Interesse für die Lebensbedingungen der jüdischen Gemeinden an den Tag lege, als Laster, der Jude, durch seine Resolution und seine Rede im preußischen Abgeordnetenhause. Dem Monatsberichte äer ״israek. AÜianz" entnehmen wir diesmal 1) einige beiläufig darin enthaltene statistische Mittheilungen, die nicht ohne Interesse sein dürften und die zeigen, in welcher großen Anzahl unsere Glaubensgenossen im türkischen Reiche verbreitet sind. Während nach einer Mittheilung des Di־. A. A. Wolf in Kopenhagen in ganz Dänemark nur 3000, in Norwegen gar nur etwa 50 Juden leben, sind die Schulen in Bukarest von 500 Knaben und 390 Mädchen besucht, die aber, wie auch anderwärts, noch bei weitem nicht die Gesammtzahl der schulpflichtigen Kinder repräsentiren. — In Schumla, wo die jüdische Gemeinde als immer mehr in Armuth und Dürftigkeit versinkend dargestellt wird, besuchen immer noch 150 Kinder die Schule. — Philippopel dagegen, Eisenbahnstation und Mittelpunkt des Handels mit dem Abendland, ist im raschen Aufblühen und zählt 2000 Juden. — In der Schule zu Smyrna, dessen Israeliten als in der Civilisation zurückgeblieben geschildert werden, sind 150 zahlende Schüler eingeschrieben; das neue bald vollendete Schulgebäude wird über 300, zwei Nebensäle derselben außerdem etwa 120 Schüler aufnehmen können; die Gemeinde zählt aber noch bedeutend mehr schulpflichtige Kinder. — In Candia, Stadt, sind 200, in Canea (ebenfalls auf der Insel Candia) 560 Juden, meistens arm, der Schulen entkehrend, in großer Unwissenheit. 2) In der zuletzt genannten Stadt sollte am 25. Mai wieder einmal eine Art Judenverfolgung in Scene gesetzt werden, weil die Juden — die alte Geschichte! — ein Christenkind gestohlen hätten. Dem ernsten Dazwischentreten des türkischen Gouverneurs, der mit dem französischen Consul sich selbst sofort an Ort und Stelle begab, gelang es, durch energische Maßregeln jeder Gewaltthat vorzubeugen. Das Kind wurde von der Polizei in einem nahegelegenen Dorfe entdeckt, wohin seine Mutter selbst es geschickt hatte, während sie dei den Consuln und Behörden herumlief, um über den schrecklichen Raub zu jammern, dessen Opfer sie geworden sei. 3) Zugleich berichten die Juden von Canea über eine groteske und lächerliche Ceremonie, welche die griechischen Christen der Stadt jedesmal zu Ostern begingen und die immer Aufregung Hervorrufe: Eine Strohpuppe, ״der Judas" genannt, wird seltsamlich aufgeputzt, durch die Straßen der Stadt getragen und dann öffentlich verbrannt. (Ein Freund, der längere Zeit in Südamerika, als Jude unerkannt, verweilte, erzählte uns von einem ganz gleichen Gebrauch in Brasilien.) — Die Allianz theilt die Thatsachen den jüdischen Zweigvereinen in London und Wien zu geeigneten Maßnahmen mit und votirt den Dank der Gesellschaft an Hrn. Patrimonio, ftanzösischen Consul in Canea. 4) Der Bericht verbreitet sich über mehrere Prüfungen, die in den orientalischen Schulen des Vereins, überall unter großem Gepränge, stattgesunden haben. Letzteres mag in den orientalischen Zuständen seine Rechtfertigung finden. Was wir mit unserem pädagogischen Gewissen aber nicht ganz vereinigen können, ist, zu finden, daß die Zöglinge dieser Schulen in nicht weniger als fünf Sprachen: Türkisch, Arabisch, Hebräisch, Französisch und Englisch (auch Spanisch?) unterrichtet werden, aus dem Türkischen ins Arabische, aus dem Französischen ins Englische übersetzen; so wird mindestens ausdrücklich von Bagdad berichtet; dabei wurden die Schüler der verschiedenen Klassen noch examinirt: ״über die physische und politische Geographie, die Erzeugnisse und die Fauna (sic!) j Asiens, Theorie des Regens, Geschichte Egyptens, Thermometer und Barometer, Elemente der Wissenschaften(!)" — Was würde eine deutsche Schulinspection zu einem solchen pädagogischen Programm sagen?! — Ländlich sittlich! 5) Aus Carlsruhe hören wir, daß dort alle Bemühungen (noch dazu einer Dame, Frl. Emma Sobernheim aus Bingen) fehlschlugen, Theilnahme und Mitglieder für die Allianz zu erwecken. — Wie kommt das in der wohlhabenden Stadt bei einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung? 6) Aus Serbien kommen neue Klagen über Bedrückung der Juden — sie wurden aus Semendria und zwei anderen Städten vertrieben — trotz der beruhigenden Zusicherungen des Fürsten. — Die Allianz wendet sich in diesem Betreff an ihre Zweigvereine: die Vereine zu London und Wien. 7) Der Plan, einen Theil der westrussischen Juden nach Amerika auswandern zu lassen, stößt auf bedeutenoe Hindernisse. Der für die Auswanderer in Aussicht genommene Bezirk Pine-Bluff sei, bemerkt der betreffende Ausschuß in New-Iork, für die Polen zu heiß und gestatte nur die An- Pflanzung von Baumwolle. Derselbe schlägt vor: irgend einen Bezirk im Westen dafür zu wählen; nur junge, kräftige, unverheirathete Männer, die sich das nordamerikanische Ackerbausystem aneignen wollen und können, auswandern zu lasten; einen sicheren und treuen Agenten zu ihrer Begleitung auf

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