Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 27 (2.7.1873)
- Date
- 1873-07-02
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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m'■ .. •i — 211 — krank, so ist die Krankheit der Geschäftsartikel, auf den er reist; die Heilung würde sein Geschäft ruiniren. Dagegen ist das ״Bad" das Ziel seiner glühendsten Sehnsucht, wo Goldquellen für ihn fließen. Er weiß sich auch von allen möglichen Unglücksfällen betroffen darzustellcn; bald ist sein Städtchen und sein Haus niedergebrannt; bald ist er bestohlen worden; bald war eine Judenhetze, bei der sein Hab und Gut zu Grunde gegangen. In der Gegenwart spielen die rumänischen Niederträchtigkeiten eine hervorragende Rolle im Leben und Leiden der Schnorrer; die Furcht vor dem russischen Militair muß für jugendlichere Schnorrer herhalten. Er versteht es auch — und dies ist das Bemerkenswertheste! — sich in den Besitz von einem Dutzend Atteste zu setzen; für jede Krankheit, für jeden Unglücksfall hat er ein besonderes Certificat vorzulegen. Denn die Schnorrer haben sehr geschickte, kunstfertige Hände, oder Freunde, sdie solche besitzen; sie wissen, mitleidige Rabbiner- oder ärztliche Seelen für ihre Schnorrerzwecke mürbe und gefügig zu machen. Natürlich ist jeder Schnorrer ein wahrer Cagliostro; er erscheint Dir zu verschiedenen Zeiten in zehn verschiedenen Gestalten, und Du erkennst ihn nicht. Er verändert seine Stimme, seinen Gang, seine Kleidung, seinen Gefühlsausdruck nach Belieben und Reisezwecken: er ist Meister der Metamorphose. Es gibt anständige*) Schnorrer, und solche, deren ganze Erscheinung abschreckend wirkt. Diese sind die häufigeren; sie kommen aus den wenig civilisirten Ländern der Slaven und verwandter Nationalitäten. Jene haben mit diesen das gemein, daß sie die ehrliche Arbeit scheuen und es vorziehen, sich füttern zu lassen. Es gibt perennirende Schnorrer und Sommerschnorrer. Jene haben ihre Winter- und ihre Sommerquartiere; sind im Winter zumeist im wärmeren Süden: in Frankfurt, Fürth, Würzburg, Wien, während sie im Sommer der erftischenden Kühle des Nordens, in Hamburg, Berlin rc. den Vorzug geben. Die eigentliche Schnorrersaison ist von Peßach bis Sukkoth. Da blüht der Weizen der Schnorrer, da ist ihre Ernte. Im Winter schlafen sie den Schlaf des Bären, der von seinem angesammelten Fette lebt. Kommt aber der holde Lenz, verjüngt sich die Mutter Erde und schmückt sich mit frischem Grün, dann läßt es die Schnorrerfamilien zu Hause nicht mehr ruhen. Heiße Sehnsucht nach ihren Kunden, ein unstill¬ *) Natürlich meinen wir hierunter die wirklich Armen, Unterstützungswürdigen, die unsere vollste Theilnahme und Förderung verdienen, nicht! barer Schnorrertrieb bemächtigt sich ihrer Seelen, und neugerüstet und gestärkt durchziehen sie mit Weib und Kind oder in getheilten Colonnen, die ״Khilles", besuchen die Messen, lassen sich häuslich nieder in den Bädern, um überall ihre Schnorrertribute abzufordern und einzuheimsen. Da wissen sie jeden bemittelten Glaubensgenossen in aller Oeffentlichkeit, am Brunnen, auf der Promenade, beim Concert rc. so geschickt, so widerlich, so Aufsehen erregend, so Mitleid einslößend, so Chillul Haschem verursachend anzuschnorren, daß Jeder, um sie nur so rasch wie möglich los zu werden, ihnen eine anständige Gabe reicht. Ja, diese Schnorrer sind die fürchterlichste Judenplage, die wir kennen, ein Schandmal fürs Judenthum, die Steine des Anstoßes, des Spottes und der Verachtung für die Juden. Ist es endlich Zeit, daß man mit vereinten Kräften, mit unbeugsamer Strenge gegen das arbeitsscheue, lüderliche und widerliche Gesindel zu Felde zieht? Daß in jeder Gemeinde Männer von Einsicht und Energie zu der Aufgabe sich aufraffen, das Schnorrerhandwerk weniger lucrativ zu machen und dadurch die Faullenzer und Vagabonden zu einer besseren Gesinnungs- und Lebensweise zu zwingen? Was thun nun aber die ״Frommen" in Israel? Der ״Heilige" in Mainz und seine ״heiligen" Collegen anderswo? Sie sprechen die Schnorrer heilig! Daß sich ja keine Hand gegen sie rühre! Daß sie ja Jeder mit rührender Pietät und hinschmelzender Liebe aufnehme! Daß man ihnen ja gebe, was sie verlangen! Hört ihrs, ihr Schnorrer in Nord und in Süd und in Ost und in West unseres Planeten? Ihr seid von unseren Frommen in Deutschland heilig gesprochen! Kommt deshalb herbei in noch größeren Zügen als seither zu uns! Bringt mit, was nur im Entferntesten Schnorrertrieb und Schnorrertalent besitzt! Ueberschwemmt unsere Gemeinden, belästigt unsere Familien, schändet den ehrlichen jüdischen Namen, schändet das Judenthum, saugt uns aus bis aufs Mark, — ihr seid heilig gesprochen! Wer wird euch ferner etwas thun? Euch schroff begegnen, euch nicht gerührt umarmen? Darum macht euch einen vergnügten Tag, und streichet das Datum eurer Heiligerklärung roth an in eurem Schnorrerkalender! Allerlei Nerö^entkicliungen. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Thorn veröffentlichte den ״Jahresbericht für das Jahr 1872". Das ist schon an und für sich ein rühmliches Zeugniß von der Strebsamkeit einer jüdischen Gemeinde von nur 212 bei-