Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 27 (2.7.1873)
- Date
- 1873-07-02
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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210 « sie aus von des Tages Mühen und Lasten bei Speis' und Trank, bei Kartenspiel und Liebeslust. In diesem letzteren Punkte gehören die Schnorrer zumeist zur Partei der Com- umnisten; Eigenthum der Frau ist nach ihrer Meimmg Diebstahl; sie huldigen aus Ueberzeugung und Neigung der freien Lehre von der freien Liebe. Im Leben und Weben der Schnorrer spielt der Schnorrer- Herbergsvater, der einige elende dunkle, schwer zugängliche Spelunken auf irgend einein schmutzigen Hofe besitzt, eine sehr bedeutende, wem: nicht die bedeutendste Rolle: von feiner Routine und Erfahrung, seiner genauen Kenntniß der Einrichtungen, der Reichen, der Familienereignisse in einer Gemeinde hängt es ab, ob der Besuch, den der Schnorrer derselben abstattet, goldene Früchte trügt oder nicht. Natürlich geht der Schnorrer-Herbergsvater seinen Gästen mit allen möglichen Anregungen und Anweisungen gern zur Hand. Je lohnender für diese das Geschäft, um so lohnender auch für jenen; um so mehr Branntwein, Gebratenes, Zwiebel und Rettig und ״Pasch" Karten gehen darauf. Früher war der Schnorrer-Herbergsvater zumeist selbst activer Schnorrer; jetzt schnorrt er nur noch die Schnorrer an, d. h. er berechnet die Zeche und die drtheilten Informationen nach Gebühr. Welchem religiösen Bekenntniß huldigt der Schnorrer? Er gerirt sich als Jude, beruft sich auf die jüdische Confession des Angeschnorrten, auf die jüdische Wohlthätigkeit, auf die jüdische Solidarität. In Wahrheit ist aber der Schnorrer kein Jude, sondern eben — Schnorrer; das Schnorrerthum ist seine Religion; mit ihr lebt er, und mit ihr stirbt er! Darum sind auch Schnorrerthum und religiöse Toleranz fast identisch, ist der Schnorrer vom Geiste wahrhafter Duldung erfüllt: er schnorrt bei einem Jeden, welcher Partei derselbe auch angehören möge; nimmt von einem Jeden, von welchen Grundsätzen auch dieser sich leiten ließe; selbst für den radicalsten Neologen hat er die exquisitisten Segenssprüche, und umgekehrt, der schwärzeste Orthodoxe ist vor den Tausend Flüche gebärenden Ausbrüchen seiner Entrüstung nicht geschützt, je nachdem die Gabe eine fette oder magere. Glaube ja nicht, lieber Leser, daß der Schnorrer nichts versteht, nichts gelernt hat; wer dies behaupten wollte, versündigt sich gegen die edle Zunft der Schnorrer. Nicht Jeder ist zu einem Schnorrer geboren; nicht Jeder kann ein solcher, so mir nichts dir nichts, werden! Die Schnorrerei ist eine Kunst, die erlernt, gepflegt, geübt sein will. Zu ihrer erfolgreichen Ausübung gehören verschiedene Hilfswissenschaften und Fertigkeiten, ganz unentbehrliche Vorkenntnisse und Studien. Er hat sich erstens einige hebräische, resp. rabbinische Brocken eingepaukt, mit denen er seine Kunden, -oder Diejenigen, die es zu werden das Glück haben sollen, schmeichelnd oder erschütternd zu bestimmen sucht; als בני ישראל ח־זמנים (Israeliten sind barmherzig), oder nDv צדקה תציל (die wohlthätige Spende rettet vom Tode) u. s. w. Dieses letztere Citat ist auf zartbesaitete Gemüther von besonders rührendem Effect. Natürlich richten sich die Citate nach den verschiedenen Zwecken, in denen Jemand ״macht". Reist der Schnorrer für eine zu verheirathende Tochter, oder für palästinensische Zwecke, oder für den Bau einer neuen Synagoge in seiner Heiinathsgemeinde, oder ist er sammt seiner Nachbarschaft bei einer Feuersbrunst abgebrannt, oder ist er krank bis zum Tode, so hat er immer die entsprechenden rabbinischen Schlagwörter im Munde, die natürlich alle von den Schnorrer-Fachgenossen mit gleicher Routine benutzt werden. Ist ein Reisezweck kein gangbarer Artikel mehr, ist er bereits zu sehr abgenutzt, so wird er sammt den Citaten gegen einen anderen umgetauscht, um den Geschäftsbetrieb der Schnorrerei nicht ruhen zu lassen. Denn so lange gearbeitet werden kann, wird gearbeitet. Der Schnorrer ist ferner ein Geograph comme il kaut. Er kennt seine oft sehr langgestreckte Schnorrer-Route aus dem ff, kennt jeden Schlagbaum, jeden Stein, jeden Strauch, jede Herberge auf derselben. Da die Schnorrer keineswegs abgesagte Feinde der fortschreitenden Cultur sind, so bedienen sie sich in neuerer Zeit gern, zur rascheren Erledigung ihrer Geschäfte und zur größeren Ausdehnung ihres Geschäftskreises, wo dies nur irgend thunlich, der Hilfe des Dampfrosses. Er kennt jede Stadt und jede Straße in derselben; orientirt sich mit einem fast bewunderungswerthen Talente selbst in einem wildfremden Orte: Hamburg und Frankfurt, Leipzig und Cöln, Dresden, Wien, Würzburg, London, kurzuin, überall ist er zu Hause wie in dem Flecken, wo seine Wiege einst gestanden. Es ist etwas Merkwürdiges um den Schnorrerblick, das Schnorrer-Ortsgedüchtniß- und Orientirungsgenie! Er kennt das menschliche, das jüdische Männer- und Frauenherz aus dem Grunde, versteht die Chancen der Stimmung, eines Familenerlebnisses eines Angeschnorrten meister- Haft auszubeuten; weiß auch den Moment so abzupassen, daß zu vielen Fragen und Antworten keine Zeit ist; kennt die Wirkungen der Tonhöhen des Weinens, Aechzens, Stöhnens im Augenblicke des Schnorrens; ist auch über die Abwesenheit des Hausherrn genau unterrichtet, um dessen zurückgebliebener, weniger widerstandsfähigen Familie eine genuß- und erfolgreiche Schnorrervisite mit dreistester Zudringlichkeit abstatten zu können. . Er versteht es, mit allen möglichen Krankheiten behaftet zu sein; er ist bald lahm, bald blind, bald von einem verzehrenden Leiden heimgesucht, von dem keine Rettung mehr. Ins Krankenhaus will er sich aus Tausend Gründen nicht stecken lassen; in Wahrheit natürlich nur deshalb, weil er alsdann nicht schnorren kann. Ist der Schnorrer wirklich