Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 27 (2.7.1873)
- Date
- 1873-07-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Indische Bolkszeitung. W ochenschrift fuß t* c־tt tt tlr J5cftcllu11(1cn nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich!?1/a Ngr. In nnit HnnMüM nnit Jbtntt. Inserat« " sind an die Verlagshandlung von —- Joh. Friedr. Hartknoch in Leipzig Herausgegeben von A. iu 'Augelheini, Preis der Zgesp. Zeile 2 Ngr. bisher Herausgeber des ״Jsr. Lehrer" und des ״Synodalblatt". No. 27. Leipzig, den 2. Juli. 1873. I n k a k t : Die Schnorrer und ihre ״frommen" Beschützer. — Allerlei Veröffentlichungen. — Correspondenzen: Frankfurt a. M., Mainz, Berlin, Prag, Aus dem Herzogthum Meiningen. — Feuilleton: David Einhand (Fortsetzung.) — Briefkasten. — Anzeigen. Die Sdmorrer «ml ihre ״frommen" Oefckmtzer. Süddeutschland, im Juni 1873. I. Wer nur kurze Zeit Armenpfleger einer größeren Gemeinde gewesen ist, der hat gewiß schon die traurige Bekanntschaft mit allen Gattungen und Arten der fürchterlichen Land- und Gemeindeplage gemacht, die man kurzweg ״das Schnorrerthum" nennt. Gegen sie sind die Pharaonischen Plagen wahre Kinderspiele. Die egyptischen Heimsuchungen waren doch wenigstens in Bezug auf Zahl, Zeit und Ort begränzt: es gab ihrer nur zehn, sie dauerten nur kurze Frist und waren auf das Land Mizraim beschränkt. Das Schnorrerthum hingegen hat in hundert verschiedenen Gestalten Tausende von Vertretern männlichen und weiblichen, ja auch sächlichen Geschlechts (sofern wir die mitwirkende Heranwachsende Schnorrergeneration zu demselben zählen dürfen); bindet sich nicht an dre engen Schranken, welche nach dem ewig gültigen Machtspruch ״Alles muß einmal ein Ende haben" menschlichem Streben und Leben, Leiden und Schaffen gesetzt sind; bindet sich nicht an den Wechsel der Jahreszeiten, auch nicht des Herbstes tobende Stürme, nicht die Alles umhüllende Schneedecke des Winters stören den Schnorrer in der Aus- Übung seines Berufes. Und welcher deutsche Staat, welche Stadt könnte sich dessen rühmen, von den Heimsuchungen der Schnorrer verschont zu bleiben? Ja, weit über die Marken eines Landes dehnt der Schnorrer oft seine Streifzüge aus: der Schnorrer ist ein Kosmopolit in des Wortes verwegenster Bedeutung! Die Heimath der Schnorrer ist der Osten, von wo die Sonne ihren Rundlauf nimmt durch die Welt; auch die Provinz Posen, einige kurhessische und bairische Striche liefern Schnorrer. Es gibt ganze Schnorrerfamilien, wie es Maler-, Tonkünstler-, Bildhauerfamilien gibt: Der Vater-Schnorrer lehrt theoretisch und praktisch die Kunst (denn es ist eine Kunst, wie wir unten sehen werden!) des Schnorrens den Sohn, die Mutter die Tochter; der Schwiegervater nimmt den Eidam mit auf seine Schnorrertouren, um ihm die besten Kunden und die ergiebigsten Routen von Angesicht zu Angesicht zu zeigen. Schließt der Alte einmal seine Augen, so tritt der Junge als unbestrittener Prätendent in die Rechte und Pflichten des Verblichenen. — Die Schnorrer bilden eine Kaste, heirathen nur unter sich, damit das Geld und die Kunst des Schnorrens nicht in fremde unberufene Hände fallen; heirathen frühzeitig und oft, damit der edle Stammbäum der Schnorrer nicht aussterbe, die Welt an solchen stets den nöthigen Vorrath habe. — Sie bilden auch gewissermaßen eine Zunft; theilen sich gegenseitig alles Wisiens- und der Lebensalter: es gibt junge Schnorrer und alte Schnor-! Befolgenswerthe mit; sind verschwiegen bis zum Grabe, rer, ja selbst der Säugling an der Schnorrer-Mutterbrust ist! Verräther gibt es unter ihnen nicht, wenn auch, um eine bereits ein Schnorrer, muß mitrathen und mitthaten beim j größere Gabe zu erreichen, einer dem anderen die allerschänd- Schnorrergeschäft. Nicht das sprossende Grün des Lenzes, nichtj lichsten Dinge nachsagt. Sind sie aber zusammen, haben sie die versengende Gluth des sommerlichen Sonnenballs, nicht j ihr Tagewerk, und meistens erfolgreich, vollbracht, dann ruhen