Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 26 (25.6.1873)
- Date
- 1873-06-25
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-H — 205 Hier dürfen Meinungsverschiedenheiten in Glaubenssachen zurücktreten; Judenthum und dessen Wissenschaft soll uns allen gleich heilig, wie die Erziehung zu nützlichen Staatsbürgern, soll unserer aller Devise sein. Ein solches Ziel kann aber nicht durch fromme Wünsche am häuslichen Herde realisirt werden, es muß in einer lebensfähigen Action seinen prägnanten Ausdruck finden. Daher glauben wir ihn darin gesunden zu haben, wenn wir nach dem Muster unserer Brüder in Deutschland einen Gemeindetag aller galizischen Gemeinden zu Lemberg in Vorschlag bringen. Jede Gemeinde soll ihre Vertreter beider Richtungen an einem vom Vereine ״Schomer Israel" festzusetzenden Tage senden, wo sodann ein gemeinschaftliches Vorgehen in allen wichtigen Fragen erzielt werden könnte. Einer solchen Vereinigung wird es leicht gelingen, den jüdischen Landesmassefond in die Hände einer vom Gemeindetage gewählten Landesrepräsentanz zu legen, welche das Geld zurFörderung jüdischer Lehrzwecke zu verwenden hätte. Welche hohe Bedeutung eine derartige Vereinigung aller jüdischen Gemeinden Galiziens zur Hebung ihrer gemeinsamen Interessen in socialer und politischer Beziehung haben wird, bedarf keiner Auseinandersetzung. Möge diese hier gegebene Anregung von unseren Glaubensgenossen ihrer vollen Bedeutung nach gewürdigt werden und ein lebhaftes Echo in Herz und Ohr aller competenten Kreise finden, damit das Bestgemeinte nicht blos im Princip anerkannt, in der Praxis aber ein bloßes pium Desiderrum (ein frommer Wunsch) bleibe. In Folge dessen ist die Idee der Berufung eines galizischen, israelitischen Gemeindetages in Nr. 12 desselben Blattes schon concreter aufgetreten und bei dem Umstande, daß die politischen Verhältnisse einem thätigen Auftreten geneigt sind, dürfen wir erwarten, daß das Vorhaben zum Heile der galizischen Judenschaft sich bald realisiren wird. ®ayn> 28. Mai. Der ״Daily Telegraph" bringt unterm 27. Mai einige Einzelnheiten über die gemachten Funde des Hrn. Georg Smith, der auf Veranlassung der Direction jenes Blattes eine wissenschaftliche Reise nach Assyrien untemommen hat. Der wichtigste Fund ist ein etwa 3 Schuh hoher, 1 Schuh 9 Zoll breiter und 1 Schuh 2 Zoll dicker Gedenkstein. Die eine Seite desselben stellt dar eine Anzahl wunderbarer mythologischer Figuren nebst Emblemen von Göttern und Dämonen und dazu das Bild eines im Bau begriffenen" Thurmes, der an die Birs Nimrod erinnert. Auf der anderen Seite befinden sich drei Schriftcolumnen von zusammen 115 Zeilen, welche eine Landschenkungsurkunde an einen Priester von dem babylonischen König enthalten. Der Priester verpflichtet sich dafür zur Verrichtung gewisser Ceremonien, und eine Sammlung von Flüchen wird über die Nichterfüllung dieser Verpflichtungen ausgesprochen. Dieser Stein ist darum von großer Wichtigkeit, weil er zwei Könige nennt, die bisher noch gar nicht bekannt waren. Bis jetzt kannte man nur fünf assyrische Könige und ihre annähernde Regierungszeit, nämlich: Kara- Gedas 1420 a., Burna Buriyar II. 1400, Kara Kaedar, Sohn des Vorigen, 1380, Nazibuzas, ein Usurpator, 1370, Kuri-Galzu, Sohn des Burna - Burniyas 1300. Nun kommen noch hinzu: Mili-Schu II., Sohn des Kuri-Galzu, 1340 und Merodach Baladan I., Sohn des Vorigen, 1320. Abgesehen von seiner historischen Bedeutung ist der Stein noch wichtig durch den Ausschluß, den er uns über die religiösen Anschauungen des Volkes gewährt. Das in der Inschrift erwähnte Grundstück wird von dem König Merodach Baladan dem Nabu-Nadin-Ahu geschenkt für einige Lobgesänge zu Ehren des Königreiches und der es unterstützenden Götter. Diese Hymnen wurden wahrscheinlich, wie andere uns bekannte, auf Tafeln geschrieben und recitirt, oder von den Priestern bei verschiedenen Gelegenheiten gesungen. Wir haben demnach hier einige der ältesten Beispiele von der Dichtkunst gewährtem königlichem Schutze, und Nabu-Nadin-Ahu ist demnach der älteste und bekannte Bosta lanrsatus. Der zweite von Hrn. Smith angekaufte Monolith ist 20 Zoll lang und 9 Zoll breit und enthält 80 Zeilen in Keilschrift. Neben einer Anzahl höchst ausdrucksvoller Flüche enthält die Inschrift einige Aufschlüsse über die dunkelste Periode in der assyrischen Geschichte. Hr. Georg Smith fährt dann fort, eine ganze Reihe seiner aufgesundenen Schätze aufzuzählen. Eine Inschrift enthält Gebete des babylonischen Königs Amil-urgal an die Götter Babylons, Bel oder Merodak und Lirat-banit, Babylon und dessen Tempel, König und Volk zu segnan. In einem Gebete sagt Amil-urgal: ״O Bel! Deine Sitze sind Babylon und Bersippa, Deine Krone ist der weite Himmel." Ein Fragment gibt eine Anzahl kurzer Sprüche, wie die des hebräischen Königs Salomo, wenn sie auch nicht so viel Weisheit enthalten. Eine Anzahl von Steinen aus den Zeiten des Arsaces, Darms, Kambyses, viele namentlich aus der Zeit des Nabonidus, werden ferner aufgezählt. Weitere Nachrichten werden demnächst in Aussicht gestellt. Br. Dusch ak. Kunäsekiau. 103. Aus Bukarest verlautet, daß Fürst Karl das Land verlassen will. Selbstverständlich! Wie könnte es einem europäischen Fürsten auf einem Throne behagen, dessen einzige solide und unverrückbare Basis — die Gerechtigkeit im Lande unterwühlt ist? Europas Fürsten der Gegenwart können absolutistisch gesinnt sein — zur offenbaren Verletzung der Gerechtigkeit wollen sie das ihnen verliehene Scepter nicht mißbraucht wissen. Sie fühlen selbst, daß das despotische ״der ffl #1