Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1873-06-18 · 25 (18.6.1873) · p. Seite 198

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
25 (18.6.1873)
Date
1873-06-18
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9588641-9578452-9578669--224-9578675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

198 Feuilleton. Teplitz. Die Badesaison ist wiederum da, und auch j ״unsere Leut", vom polnischen Juden bis zum modernen Stutzer herab, sind in bemerkenswerther Anzahl vertreten. Ich bin zwar kein Curgast, habe über Nichts außer über ein Bischen Weltschmerz Zu klagen, und ich suche auch nur deshalb den Curgarten auf, um unter den Klängen einer kunst- und genußreichen Musikaufführung meinen Morgenkaffee zu trinken und dabei — das günstig gewählte Plätzchen gestattet es mir — einen prüfenden Blick auf die an mir vorüber Promenirenden zu werfen. Mein gastronomischer Nachbar rühmt mir fortwährend die Güte des böhmischen Kaffees und der ״Schmetten", und glaubt einen aufmerksamen Zuhörer und gleichen Bewunderer der böhmischen Kochkunst an mir zu haben, während mich tiefes Mitleid und innerliche Entrüstung, die heterogensten Gefühle zugleich durchkreuzen. Wer vermag bei dem Anblick so vielen Elends, so unsäglichen Jammers theilnahmslos zu bleiben? Wer aber auch fühlt keine innerliche Entrüstung, wenn er sieht, daß die Stätte der Heilung, zur Entfaltung der Prunk- und Putzsucht; der ״Becher des Heils", in den der sinnlichen Freude und des Vergnügungstaumels verwandelt und entweiht und vorzugsweise von Jüdinnen entweiht wird? ■— Mir wollte der gerühmte Kaffee nicht schmecken, und ich hätte im Interesse meines Nachbars gewünscht, daß Alexander Dumas, der die Gastronomie zur höchsten Kunst erhob, meinen Platz eingenommen hätte. Ich dachte an Salomo Jbn Lachmis' ״Zuchtbries", lange vor dem verhängnißvollen Jahre 1492 verfaßt, in welchem er seinen spanischen Glaubensgenossen den Vorwurf macht, daß sie: ״Paläste bauen, auf Prachtwagen fahren, ihre Töchter und Frauen wie Fürstinnen kleiden in Gold, Perlen und Edelsteinen, daß sie gleichgültig gegen die Religion sind und die Bescheidenheit verachten". — Ich dachte an das alte, jüdische ״biedere Weib", dessen ״Thaten man in den Thoren rühmte", das der Dichter besang und weit höhere Tugenden an ihm zu rühmen wußte, als daß es nur Nosen und Cyanen ins irdische Leben flicht. — Ich dachte an einen durch die Zeit uns näher gerückten Dichter und an seine Klage: ״Unsere Mütter einst erkannten. Sinnig wie die Unschuld pflegt. Daß den schönsten der Demanten, Nur der Mensch im Busen trägt. Ganz nicht aus der Art geschlagen Sind die klugen Töchterlein,׳ Denn die Frauen in unfern Tagen Lieben auch die — Edelstein." Meinem Freunde riß endlich der Faden der Geduld. 0116, jam satis 68t! rief er mir ungeduldig zu, und rüttelte mich so aus meiner Versunkenheit heraus. Ich theilte ihm mit, was mich bisher bewegte, כי מרוב שיהי וכעם, החשחי עד הנה*) jimk ich war seiner Versöhnung um so sicherer, als ich jetzt in die Lobeserhebungen des böhmischen Kaffees einstimmen konnte. Aber woher wissen Sie denn, frug er verwundert, daß die Damen, über die Sie so entrüstet sind, Jüdinnen sind? Nun man braucht gerade kein Physiognomiker zu sein, um die ungebildete, und vorzugsweise die böhmische Jüdin an ihrem Exterieur und Auftreten zu erkennen. Hier promenirt eine junge, schlanke Gestalt, in ein rothes Morgenkleid mit riesiger Schleppe gehüllt; ihr Blick schweift nach allen Richtungen hin; ein fortwährendes Lächeln umspielt den lautgeschwätzigen Mund; an ihrem Schritt bemerkt man ein piano, moäerato und fortissimo, je nach dem Tempo der Musik — das kann doch nur eine Jüdin sein. Hinter ihr wandelt eine eben solche Gestalt in einfacher, schwarzer Kleidung, bescheiden, ja, ich möchte sagen demuthsvoll einhergehend, eine lautlose Unterhaltung mit ihrer Begleiterin führend — es ist eine Baronesse. — Dort wandelt eine vor Fülle wackelnde Gestalt, weithin sichtbar durch eine hochrothe Schärpe, die sie um die beneidenswerthe Taille geschlungen; aber noch bei weitem auffallender durch eine collossale, vielfach geschlungene goldene Kette, die jeder Schiffer unbedenklich als Ankerkette benutzen könnte, und die sicher einen höheren Werth repräsentirt, als der des inneren Gehaltes, der Intelligenz und des Seelenadels ihrer Trägerin. Wer kann dies sein? Es ist die Gattin eines böhmischen, jüdischen Doctors. — Ihre Begleiterin, mit dem Charakter des ״ewig Weiblichen" geziert, maß- und würdevoll, das schwarze Auge mild umflossen, ein Wellenspiel von Anmuth und Grazie, ein Herz fähig des erhebendstenSchwunges, der edelsten Begeisterung — das war auch eine Jüdin, deren Bild durch jenen Constrast das lebendigste Colorit erhielt, und das mich einigermaßen wiederum mit meinen betrübenden Erfahrungen versöhnen konnte. Nur wunderte und wundere ich mich über eine solche unnatürliche Association, und so oft dieses Paar an mir vorüber promenirte, dachte ich an Gretchen und sagte mit ihm: ״Es thut mir gar so weh'. Daß ich dich in der Gesellschaft seh'." Die Consequenzen, die die Welt aus solchen Erscheinungen zieht, sind leicht zu ermessen, und wir müssen sie uns gefallen lassen, wenn wir anders wahrheitsvoll und gerecht gegen uns selber sein wollen. So lange die Jüdin ihren Leib, die Wohnstätte des Geistes, als das Aushängeschild ihres Mammons zur Schau trägt, und es nicht versteht, um ihren Hals die Perlen zu legen, die die edelsten Geister aus *) Wegen meiner schweren Gedanken und tiefen Kummers schwieg ich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.