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Jüdische Volkszeitung · 1873-06-18 · 25 (18.6.1873) · p. Seite 197

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
25 (18.6.1873)
Date
1873-06-18
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 Jlunclfdiau. 100. Berlin. Professor Dr. M. Lazarus, bisher an der Kriegsakademie, ist zum Professor der Philosophie an der Universität ernannt, weil in der Kriegsakademie — Philosophie aus dem Lehrplan gestrichen wurde. 101. Berlin, 4. Juni. Heute wurden dem Schah von Persien im königl. Schlosse durch den Minister des Auswär- Ligen Malkolm-Khan die Vorstandsmitglieder des Localcomites der ״Alliance israelite universelle", Neumann, Platho und Theodor Heimann (Bankzeitung) vorgestellt. Der Schah nahm eine Adresse an, in welcher ihm das Schicksal der persischen Juden ans Herz gelegt wird. Malkolm-Khan versicherte, daß der Schah das wärmste Interesse an der Angelegenheit nehme. 102. (Skizzen aus Amerika.) In Aurora, einem Städtchen des Staates Indiana, lebte ein Mann, Namens Marcus Levy, ein Böhme von Geburt, ein Mann von großem Verstände und großer Rechtlichkeit, der lange Jahre Steuer- Einnehmer und dann Mayor oder Bürgermeister der Stadt war. Er starb vor Kurzem, ohne Vermögen, ohne Familie, aber viele warme Freunde hinterlassend. Die Bürger der Stadt bestanden darauf, daß man die Leiche nicht aus den jüdischen Begräbnißplatz nach Cincinnati bringe und so wurde er in dem schönen bürgerlichen — keiner besonderen Secte gehörigen — Kirchhof dieser Stadt begraben. Die Juden von Aurora und dem nahen Lawrenceburg, obgleich nur wenige an der Zahl, kauften zu dem Platze, wo ihr Glaubensgenosse begraben lag, noch drei Grundflächen (lots) dazu, um einen jüdischen Begräbnißplatz daraus zu machen, auf welchem dem verstorbenen Levi ein Denkmal errichtet werden soll. Um die nöthigen Gelder zu ergänzen, luden sie den jüdischen Geistlichen Dr. Wise von Cincinnati zu religiösen Vorträgen ein. Er kam. Hr. Freemann, der presbyteranische (protestantische) Geistliche räumte ihm, mit Zustimmung seiner Gemeinde, die Kirche ein, des Pfarrers Tochter svielte die Orgel, Dr. Wise sprach vor einem zahlreichen christlichen und jüdischen Auditorium über ״Episoden der Geschichte der Juden in Verbindung mit den Fortschritten der Menschheit". Nach dem Vortrag erhob sich der Pfarrer und schlug — ländlich, sittlich! — der andächtigen Versammlung vor, dem Redner ihren Dank auszusprechen, ein Vorschlag, der natürlich einstimmig angenommen wurde. Solche kirchliche Vorträge werden fortgesetzt und man hofft, in Verbindung mit den in Amerika so beliebten Fancy- Fairs, wo die Damen als Verkäuferinnen auftreten, die nöthigen Gelder leicht zusammen zu bringen. (N. d. ״Israelite".) Wissen Sie, was und wo Elvira ist? — Elvira ist eine der hübschesten und blühendsten Städte im Staate New-Aork, an der Erie-Bahn, zwischen jener Stadt und Buffalo. Sie sehen da elegante Kirchen jeder Secte, niedere und höhere Schulen sind in großer Anzahl vorhanden; jede Confession, jede Secte befindet sich in einem blühenden Zustände — ausgenommen leider! unsere Glaubensgenossen. Ungefähr 400 an der Zahl, haben sie ein Gotteshaus, das einem Wagenschuppen gleicht und in einem Winkel der unansehnlichsten Straße Elviras liegt. Es sieht einem jener Schul- Häuser gleich, die man im fernsten Westen, 200 Meilen von der Civilisation entfernt, auf einem Kreuzwege stehen sieht, oder einem Miniaturbild jener Häusergestelle, die in Cincinnati verfertigt und dann fix und fertig als Wohnstätte in den entlegensten Theil von Texas oder der noch nicht zu Staaten erhobenen Gebiete (Territories) verschifft werden. Aber selbst Sabbath und Feiertagen ist das Gotteshaus so schlecht besucht, daß nur mit größter Mühe Minjan zu erhalten ist — und dies nur gegen das Versprechen, daß der Gottesdienst kurz abgemacht werde und die Besucher in 15 oder 20 Minuten wieder ihres Weges gehen können. So muß der Vorsänger die Gebete in schnellster Hast hermurmeln; der ganze Gottesdienst wird in der altmodischsten, unerbaulichsten Weise abgehalten; das weibliche Geschlecht, besonders Mädchen, nehmen gar keinen Antheil daran, so wie auch für deren Unterricht und Bildung äußerst wenig oder nichts geschieht. Der Hirte dieser gottseligen Gemeinde, der würdige Dr. Stahl, ist Prediger und Todtengräber, Vorsänger und Schammes, Schochet, Mohel und Lehrer — ״ein Mädchen für Alles" und verdient jeden seiner 500 Dollar jährlichen Gehalts wörtlich im Schweiße seines Angesichts. Keine Gesellschaft, kein Club, kein Verein, nicht einmal (welche Seltenheit unter amerikanischen Juden) nicht einmal — eine Freimaurerloge ist vorhanden. — Der Schreiber dieses, mit ״Magic Lantern“ Unterzeichneten Artikels im ״Israelite" beschwört den Herausgeber dieses Blattes bei Allem, was heilig ist, schleunigst nach Elvira zu kommen und dort Vorlesungen über echtes Judenthum zu halten, die Axt an das verrottete altmodische Wesen zu legen, damit mit Elvira geschehe, was mit Cincinnati geschah, wo die Juden auch dereinst in Nacht und Finsterniß vergraben lagen und wo sie 'heute allen anderen in der ganzen Welt voranstünden (so steht da zu lesen: and to־day Cincinnati Jews stand foremost of any Jews in the world). — Freilich überlassen wir der ״Magic Lantern“ die volle Verantwortung für ihre Berichte und Behauptungen — doch möchte in dem Spiegel, den er seiner Gemeinde vorhält, nicht manche Juden-Gemeinde in der alten Welt ihr getreues Ebenbild wiederzufinden vermeinen?

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