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Jüdische Volkszeitung · 1873-06-18 · 25 (18.6.1873) · p. Seite 199

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
25 (18.6.1873)
Date
1873-06-18
Page
Seite 199 (sequence 7)
Language
German
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199 dem tiefsten Grunde ihres Herzens losgerissen, und in den Cabinetten der Literatur niedergelegt haben; so lange sie nicht ihre Stirne zu schmücken weiß mit dem glänzenden Diadem unserer, des Menschenleben weihenden und erklärenden Lehre, die ״glückselige Jahre und Frieden, Liebe und Treue, Gunst und Wohlgefallen in Gottes und der Menschen Augen gewährt" — so lange haben wir kein Recht, uns über Vorurtheile zu beklagen. Der jüdischen Presse erwächst aber dadurch, heute mehr als je, die ebenso ernste wie heilige Pflicht, gegen solche Auswüchse mit aller Kraft anzukümpfen, damit nicht, wie dies bei der Beurtheilung jüdischer Verhältnisse nur zu oft geschieht, der Unschuldige mit dem Schuldigen leide, und nur dieser von der wohlverdienten Verachtung getroffen werde. _ K. Amitti. David Einhand. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Zweites Tapitek. ״Warum? Was meinst Du? Man wird sich schämen vor Dir? fragte Chajim Krempelsetzer, ״meinst Du, man wird Dir Dein Benak (Sohn) daheim lassen?" ״Hinaustragen soll man Dich auf den guten Ort, wenn es Dir daheim nicht gefallen thut. Mein Kalme hat etwas Anderes zu thun, als zu den Soldaten zu kommen." ״Man wird ihm ein Krehn zum Fleisch machen", sagte Chajim Krempelsetzer. ״So ein schöner Jung! Ein paar Augen macht er, wie — — —" ״Dir sollen die Augen herausspringen, wenn Du an einem Anderen nichts Schönes sehen kannst." ״Und auftreten thut er, wie wenn — —״ ״Werd Du krumm und lahm, wirst Du ersparen aufzutreten!" ״Ich bitt Dich, Bräundel-Leben", sagte Deborah, die dabei stand, ״was thust Du Dich da mit Chajim Krempelsetzer herumstreiten? Was liegt Dir auf, was er reden thut? Gilt er denn etwas? Er gilt das fünfte Rad am Wagen! Ist er denn etwa da ein Vorsteher bei der Gemeinde? Laß ihn bellen, wie einen anderen Hund. Alan wird Dir, soll ich gesund sein. Dein Kalme nicht abstellen. Ich will so sicher in das lichtige Ganeden (Paradies) hineinkommen, wie man Dir Dein Kalme duheim lassen wird! Ich mein, so weit ist es Gott Lob noch nicht gekommen! Alan hat derweil noch andere Jungen, die man abstellen kann!" ״Das heißt sich herausgelassen", nahm jetzt Zipperl das Wort. ״Warum? Was für andere Jungen? Ist denn Ihr Kalme etwas mehr, als ein anderer Jung? Warum soll man ihn verschonen? Etwa thut er den ganzen Tag daheim sitzen und Thora lernen? Was thut er denn? Was er thut, thun die anderen Jungen auch!" ״Thu Dich nur nicht gleich so erbosen, Zipperl", erwiederte Deborah, ״was brauchst Du Dich aller Jungen anzunehmen? Man weiß doch gut, Du redst nur von wegen Dein Mandel! Nun von wegen Dein Mandel brauchst Du Dich nicht zu sorgen! Der Vorsteher ist ja sein Vetter! Wenn man den Vetter bei der Schüssel sitzen hat, kommt man nicht zu kurz." Zipperl schien das Wahre dieser Auseinandersetzung einzusehen und gab sich zufrieden. Chajim Krempelsetzer aber griff den Gegenstand wieder auf: ״Nun siehst Du Zipperl, was hast Du Dich gebraucht zu ״sachten" (ärgern)! An Dein Mandel hat Deborah gar nicht gedacht! Wenn sie von anderen Jungen geredt hat, weiß man sehr gut, wen sie damit meint!" ״Schad ist nur, daß man Dich nicht mehr nehmen kann", fiel ihm Deborah in die Rede. ״Dir thät das weiße Frackel schön passen, bei mein Leben!" ״Mach nur nicht etwas Anderes drein", sagte Chajim Krempelsetzer, ״Du brauchst nicht zu thun, als wenn Du mich nicht gehört hätt'st. Man weiß, was Du für Gedanken hast; aber das werdet Ihr Alle nicht erleben, auf was ihr zielt!" ״Seht mir da den großen Mann!" sagte Deborah mit stolzem Kopfschütteln, ״wie er da her reden thut! Das Maul macht er auf, wie wenn er möcht die Gemeinde führen!" Und Bräundel fügte hinzu: ״Man wird abstellen einen Jungen, der —" ״Der kein Geld hat, sich loszukaufen", fiel ihr Chajim Krempelsetzer ins Wort, ״sag' es nur heraus, Bräundel-Leben! Nicht wahr, das hast Du doch sagen gewollt? Nun, mach nur Deine Briestasch auf, Du wirst diesmal die Hand stark hineinstecken müssen." ״Mit Geld und Schläg' richtet man Alles", sagte Bräundel. ״Das glaub' ich", gab Chajim Krempelsetzer zurück, ״wenn ich Vorsteher wär, möcht es anders sein. Grad möcht ich kein arm Kind abstellen, grad ein Kind von reichen Eltern müßt es mir sein!" ״Nun", sagte Zipperl ironisch, ״bis Du Vorsteher sein wirst in der Gemeinde, dann wirst Du machen, wie Du willst; für heut bist Du mit Gotts Hilf noch alleweil der Niemand." Diese Gespräche im ״Rädel", die in der geschilderten Weise fortgeführt wurden, bis der Gnneindediener durch die Gasse schreitend, die Bewohner derselben mit seinem Rufe zum Mussaphgebete in die Synagoge rief, waren nur das Vorspiel zu den Scenen, die sich Tags darauf, am Sonntag nämlich, bei der Sitzung im Gemeindehause abspielten. (Fortsetzung folgt.)

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