Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 25 (18.6.1873)
- Date
- 1873-06-18
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578452-9578669--222-9578673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 von hilfesuchenden Deputationen verschiedener Städte und Geldinstitute haranguirt zu sehen. Bald dürste aber die Reihe auch an Hrn. v. Trefort kommen, und der von dem Herrn Cultusminister zu lösende Knoten verdient schon jetzt der öffentlichen Beachtung empfohlen zu werden. Die Angelegenheit ist in Kürze folgende: Als im Jahre 1866 die confiscirten Güter und Gelder den ״Rebellen" von ehemals sammt den Erträgnissen und Zinsen zurückgestellt wurdenwaren die ungarischen Juden noch nicht emancipirt. Die Männer des Ausgleiches hatten viele brennende Fragen zu erledigen, so daß es leicht erklärlich ist, daß sie die von den Juden eiygezahlte Million Gulden gar nicht in Betracht gezogen haben. Die Zahlung der Million war den ungarischen Juden in einer ״Eröffnung" des pester Districts-Commandanten vom 3. Januar 1850 als Strafcontribution auserlegt worden. Am 29. März 1850 erschien ein Ministerial-Erlaß, welcher die Eintreibung der Strafcontribution zeitweilig suspendirte. Drei Monate später, am 30. Juni, eröffnete der Statthalter Geringer, die Strafcontribution wäre den Juden erlassen, die Million müßte aber nichtsdestoweniger eingetrieben werden, um einen jüdischen Schulfond zu bilden. Diese Maßregel wurde auch wirklich ausgeführt. An eine Rückerstattung der Judensteuer dachten die Vermittler des Ausgleiches nicht, wiewohl dieselbe die Signatur haynauischer Willkür an der Stirne trug, und es münniglich bekannt war, daß die Regierung den ungarischen Juden 1846, als sie sich mit zwölfmalhunderttausend Gulden die Aufhebung der Toleranztaxe erkauften, hoch und heilig versprach, sie niemals mehr mit einer besonderen Abgabe zu belasten. Die Juden selbst ertrugen 1866 das Unrecht, das ihnen widerfuhr, mit Stillschweigen. Die Führer der Fortschrittspartei erkannten das Unrecht; sie erhoben aber ihre Stimme nicht dagegen, weil ihnen der Schulfond zur Ausführung ihrer organisatorischen Pläne unentbehrlich schien. Den Orthodoxen wäre die Auflösung des Fondes sehr willkommen gewesen; die Führer derselben sind aber so unwissend und bornirt, daß die Rückerstattung des Fondes an die Gemeinden außerhalb ihres Gesichtskreises lag. Der jüdische Congreß (14. Decbr. 1868 bis 23. Febr. 1869) faßte zwar den Beschluß, daß das Erträgniß des Fondes ausschließlich zu Zwecken der ungarischen jüdischen Volkserziehung verwendet werde. Allein abgesehen davon, daß die Mitglieder des Congresses von den Gemeinden nicht ermächtigt wurden, über den Fond zu verfügen, sind die allerwenigsten Beschlüsse des Congresses zur Ausführung gelangt, so daß kein Hinderniß obwaltet, die Rückerstattung des Schulfondes an die Gemeinden als eine offene Frage zu behandeln. Und diese Frage ist es, welche einige Gemeinden beim Cultusminister zur Sprache zu bringen beabsichtigen. Die Möglichkeit der Restituirung unterliegt in Bezug auf das Capital nicht dem geringsten Zweifel. Eingeweihte behaupten, daß selbst ein Theil der Zinsen zurückerstattet werden könnte, was bei der gegenwärtigen finanziellen Krise für die meisten jüdischen Gemeinden in Ungarn eine nicht genug zu schätzende Wohlthat wäre. Dem Vernehmen nach ist der Cultusminister von diesem Vorhaben bereits unterrichtet, und er soll die Absicht haben, die jüdischen Gemeinden direct zu befragen, ob sie die Rückerstattung der von ihnen eingezahlten Gelder verlangen, wobei sich jedoch die Regierung vorbehält, die Erfüllung der von dem Schulsonde übernommenen Verpflichtungen durch Zurück- Haltung einer entsprechenden Summe zu sichern. i j Sollte diese Verhandlung ernstlich in Angriff genommen! werden, was allerdings noch zweifelhaft ist, so wird ihr Erj folg jedenfalls ein heilsamer und segensreicher sein. Denn!welcher Beschluß immer über die Zukunft des Schulfondes! gefaßt werden möge, die empörenden Mißbräuche werden i jedenfalls am längsten gedauert haben. Die Summen, welche bisher auf die Erhaltung der fortschrittlichen Landescanzlei und der orthodoxen Durchführungscommission verwendet wurden, waren rein verschwendet. Dasselbe gilt von der willkürlich errichteten neuen Musterschule, welche an die hiesige Gemeinde über 3000 Gulden jährlich Miethe zahlt, während für die Präparandie eine Classe hinreicht, die man von Jahr zu Jahr aufsteigen läßt. Ueberhaupt wäre es an der Zeit, den Schleier des Geheimnisses zu lüften, welcher die Vergangenheit und Gegenwart der Schulfond-Administration verhüllt. Ich will von den vielen On-äit8, die hierüber im Umlaufe sind, nur j eines erwähnen. Der sel. Eötvös hat zur Abhaltung des ו Congresses 200,000 Gulden vorgeschossen. Davon soll bisher 1 nicht einmal die Hälfte bezahlt worden sein. Selbst die hiesige! Gemeinde ist, wie man sagt, im Rückstände. Wer wird den : Ausfall ersetzen? Aus Przemgsk schreibt uns Hr. Moses Dornbusch, daß; die in Nr. 20 d. Bl. von Hrn. Osias Atlas gebrachte Schreckensbotschaft sehr übertrieben sei; daß allerdings ein! heftiger Regenguß dort war, welcher aber nicht die ganze! Stadt, sondern nur die Dobromiler Straße am heftigsten!verletzte(!); daß der Wolkenbruch keine Häuser niedergerissen! hätte, sondern nur — in den kleinen Hütten jener Straße! unmerklichen Schaden verursachte; daß der ertrunkene Fuhrmann j nur in der Phantasie des Hrn. Atlas existirte u. s. f. Wir nehmen von dieser Berichtigung Notiz, ohne jedoch über diesen - Gegenstand eine Polemik zu gestatten, zu der derselbe selbstverständlich nicht geeignet ist.