Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 25 (18.6.1873)
- Date
- 1873-06-18
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 alle Pfingstpredigten denkender Theologen dieser Doppel-Bedeutung des Festes den Vorzug? Und dagegen unser Wochenfest! Wir brauchen es nicht erst hineinzutragen; uns ist es von Haus aus und vor allen Dingen ein Freuden- und Dankfest für die verjüngte Natur. Ob wir die 49 Tage buchstäblich zählten oder nicht: im Omarbrauche drückt sich die erwartungsvolle Freudigkeit aus, mit der wir unserem Schewuoth entgegensehen. Und mit diesem Frühjahrsseste feiern wir das Stiftungsfest unserer Religion. Nicht auf den Sinai zurück brauchen wir hierbei zu blicken — die tausendjährige Geschichte unserer Vorfahren, ja die Culturgeschichte der Menschheit bezeugt es ja, wie das Beste, das Höchste, das Wahrste, was die Menschheit kennt und nennt, eingeschrieben ist in jenen Zehn Worten, die, — möge ihr Grundquell sein, welcher immer —, in der Geschichte zuerst als Heiligthum unserer Väter erschienen, und von ihnen dauernd als solches gewahrt, von ihnen aus Gemeingut der gebildeten Menschheit wurden. Der gelegentliche, durch die Abfassungszeit veranlaßte Rückblick mag beweisen, daß, so fern uns Juden Bekehrungssucht und Verfolgungseiser liegt, wir wohl das berechtigte Gefühl haben dürfen, unser Judenthum sei ein Kleinod nicht blos für uns, sondern für alle Menschen. In dem traurigen Wirrwarr, den die Glaubenseiserer, die heuchlerischen Verfolger politischer Zwecke unter religiöser Maske angerichtet, geräth die Menschheit in Gefahr, ihr edelstes Heiligthum, die Religiosität, den Quell alles Edlen und Schönen, zu verlieren, weil Religion mißbraucht wird. Vor der klaren Sonde des Forschers zerstiebt, was Sagenhaftes an der Religion ist; der nüchterne Sinn unserer Zeit huldigt den erfolgreichen Thatsachen mehr als den weitaussehenden Ideen. All Das fördert eine in allen Kreisen wahrnehmbare Geringschätzung der Religion, mit ihr der Religiosität. All Das hat innerhalb aller Bekenntnisse die Wenigen, die religiösen Sinn ehren und fördern wollen, zu unablässiger Reformthätigkeit angespornt. Welche von allen Religionen ist aber geeigneter als die unsere? Sie, die von allem Urbeginn an in so freier, echt menschlicher Weise angelegt war, daß wir noch heute, nach Jahrtausenden, umringt und durchdrungen von dem Culturleben unserer Tage, dem geschichtlichen Ergebnisse so vieler Menschengeschlechter, uns wohl und glücklich fühlen in unserem Judenthum, in einer Religion, die nicht verlangt, daß wir hinausschweifen in die Ferne, die nichts Supranaturalistisches und Wunderbares uns aufdrängt, sondern dem praktischen Leben uns zuführt, die uns denken und nicht glauben, Freiheit und nicht Knechtschaft, Liebe und nicht Haß, Gerechtigkeit und nicht Vorurtheil eindringlich einprägt, in ihren Lehren, wie in ihren gefeiertsten Trägern? In der That: mögen Andere aus ihren Religionen heraus, wir wollen in der unseren Das schaffen und fördern, was uns als Juden, was uns als Menschen höchstes Bildungsbedürfniß ist. Umsonst kann man behaupten wollen, daß irgend eine der bestehenden Religionen im Laufe der Jahrhunderte sich fortdauernd gleichmäßig in den Geistern ihrer Bekenner forterhalten habe. Auch von unserer gilt es. Der aufmerksame Forscher in der jüdischen Literaturgeschichte wird das bestätigen. Aber der Vorzug unserer Religion vor anderen ist, daß ihr Kern ein so gesunder, ihr Ausgangspunkt und Endziel so wahr, klar und tüchtig ist, daß die Jahrhunderte wohl mancherlei Schlacken ansetzen, wohl mancherlei Gutes entwickeln, aber am Kern nichts ändern konnten. Und so bildet noch heute unsere Bibel in ihrem religiösen Theile nicht nur die älteste geschichtlich verbriefte, sondern auch die reinste, klarste Urkunde der Menschheit. Und daß sie dies bleibe, dafür zu sorgen, ist auch unsere Ausgabe. Wir müssen sie reinigen von den Schlacken finsterer Jahrhunderte, müssen sie forterhalten in dem Sinne und Geiste unserer Tage. Galt vielen Jahrhunderten das Außenwerk für einen unentbehrlichen Schutz, so gilt uns dies inzwischen üppig aufgeschossene Dickicht als ein störendes Hinderniß. In der Sache eins und einig mit den Edelsten und Besten unserer Glaubensgenossen aller Jahrhunderte, wollen wir ihr und unser gemeinsames Heiligthum erhalten. Und wir dürfen hoffen, damit nicht nur unseren Nachkommen, nein, auch unseren Mitmenschen anderer Bekenntnisse einen Segen zu bereiten. Mit solcherlei Gefühlen stimmt aber der traurige Verlauf wenig überein, den die Spnodalfrage genommen. (Fortsetzung folgt.) Monatsbericht ller Mkiance unioerseUe. Mai 1873. Da diese Berichte, übersetzt und pertheilt, sich bald in den Händen unserer Leser befinden, werden wir uns fortan auf ein kurzes Referat über den wesentlichen Inhalt derselben beschränken. 1) In vielen Gemeinden des Orients herrscht die Blattern-Epidemie und manche darunter sind, aus abergläubischen Gründen, der Impfung sehr abgeneigt, in anderen können nur die Kinder der Reichen geimpft werden, da es an Mitteln fehlt, in wieder andern mangelt es an Aerzten, die Allianz bewilligt (zunächst für Larissa) einen Credit hierfür. 2) Es werden nähere Details über den äußerst gedrückten Zustand der Juden in der Provinz Aemen in Arabien aus dem Briefe eines Rabbinen zu Garuah mitgetheilt: Sie werden von Steuern erdrückt; sie werden gestraft, wenn sie einem Araber zur Rechten gehen; sie dürfen Korn und Le-