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Jüdische Volkszeitung · 1873-06-11 · 24 (11.6.1873) · p. Seite 190

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
24 (11.6.1873)
Date
1873-06-11
Page
Seite 190 (sequence 6)
Language
German
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190 Energie und Schärfe des Ausdrucks, welche die höflichen! Dresdner überraschte. Professor Richter versteht es aber auch, j humoristisch zu sein, wie wir hier durch Mittheilung seiner beißenden ״Affenparabel" belegen wollen. | ״In jener alten, vielleicht auf Millionen von Jahren j zurückzurechnenden Zeit, wo dasjenige Geschöpf lebte, aus welchem sich nach Darwinschen Ansichten einerseits das Menschengeschlecht, andererseits die Affenfamilie entwickelt haben, — in jener von Oswald Heer (die Urwelt der Schweiz) so anmuthig geschilderten Epoche, wo Mitteleuropa die Fauna, und Flora der Tropenländer mit denen des gemäßigten Klimas vereinigte: in jener Zeit also entstand unter unseren obenerwähnten Vorvor-Ahnen eine Fortschrittspartei. Dieselbe erkannte, namentlich aus der bisherigen Entwickelung aller Organismen von einfachen, niederen zu höheren, aber zusammengesetzteren Geschöpfen, das heutzutage von allen Sachkennern anerkannte Gesetz: daß Arbeitstheilung ein Fortschritt und eine Bedingung der Vervollkommnung ist. Demnach sagte sie (die Fortschrittspartei): ״Wir haben jetzt vier Gliedmaßen, welche wir sowohl zum Greifen als auch zum Gehen gebrauchen. Wir wollen die Arbeit theilen, nämlich mit den Händen blos greifen und mit den Füßen nur gehen. So werden wir beides vollkommener und geschickter aussühren lernen!" Ihnen gegenüber erhob sich aber eine conservative Partei. Diese sagte (wie noch heute die Conscrvativen sprechen): ״Da! habt Ihr wieder eine ganz unnöthige Neuerung ausgesonnen!! Warum sollen wir es denn anders machen, als unsere Vor-! fahren es seit Jahrtausenden gemacht haben? Ueberlaßt es; doch einem jeden, zu greifen, zu gehen und zu klettern, wie! es ihm am bequemsten ist! Wer weiß, ob man es nicht sogar! späterhin bereuen würde, den Händen das Laufen und den! Füßen das Greifen abgewöhnt zu haben?"; Die Fortschrittler führten also ihren Plan aus. Je! mehr sie nun von Geschlecht zu Geschlecht ihre Hand blos! zum Greifen benutzten desto geschickter wurde dieselbe. Es entwickelte sich der Daumen, dessen Mächtigkeit und Oppositionsfähigkeit heutzutage einen Hauptunterschied des Menschen vom Affen ausmacht und welcher hauptsächlich die Kunstfertigkeit der menschlichen Hand bedingt. — Der Fuß, je mehr er von Generationen zu Generationen lediglich zum Aufrechtgehen und Stehen verwendet wurde, entwickelte sich ebenfalls um so vollkommener, was uns dessen Vergleichung mit dem Affenkeine heutzutage lehrt. Er bekam eine Wade und derbe runde Oberschenkel. Die Hacke trat hervor, der Unterftlß verkürzte sich und zwischen beiden entstand jene zierliche, elastische Wölbung (der Hohlfuß), wodurch sich der Mensch vor allen Sohlengängern der Thierwelt so wesentlich unterscheidet. Aber auch der übrige Körper nahm an den Vortheilen des Auftechtgehens Antheil, namentlich der Kopf mit seinen Sinnesorganen. Der ״Aufrechtgeher" oder ״Aufwärtsgewendete" (Anthropos, Anableps), wie die alten Griechen den Menschen nannten, bekam einen erweiterten Gesichtskreis; anfangs in sinnlicher, späterhin auch in geistiger Hinsicht. Sein Vorderhirn entwickelte sich mächtiger und die in demselben liegenden Fähigkeiten erlangten allmälig ein Uebergewicht über die im Hinterhirn liegenden thierischen Triebe und rein mechanischen (gedankenlosen) Reflex-Thätigkeiten. — Endlich entwickelte sich bei ihm im linken Vorderkappen des Gehirns (an der den heutigen Anatomen wohlbekannten Stelle hinter dem linken Schläfenbeine) das Sprachvermögen, mit welchem nun (der Mensch eigentlich erst aus der übrigen Thierwelt heraustritt und den Anfang einer neuen Reihe geistig-höherer Geschöpfe bildet, nämlich derer, welche durch gegenseitiges Mittheilen ihrer Gedanken sich eine geordnete, sittlich geregelte Gesellschaft (einen Staat) bilden und durch mündliche wie schriftliche Vererbung ihrer Errungenschaften den Fortschritt in vielen auf einander folgenden Generationen durchführen können. Was wurde nun aber aus unseren Conservativen? Nun, an ihnen bewährte sich das alte Sprüchlein, ״daß jeder Stillstand ein Rückschritt ist." Ihr Vorderkopf ist leer und ihr Antlitz eine Schnauze geblieben. Das Hinterhirn mit seinen : thierischen Instinkten ist der übermächtigere Theil geblieben. Sie klettern mit vier Beinen sehr gewandt in den Bäumen herum, haben aber im Aufrechtstehen keine Haltung und Festigkeit. Ihre Hand ist höchstens geschickt, eine Frucht zu pflücken, eine Nuß zu erbrechen und einen turnerischen Umschwung zu machen. Sie sind zu Chimpanses, Orang-Utans, zu Gorillas geworden, das heißt zu Karikaturen! Dasselbe sehen wir ja an den Stillstandsmännern unter den Menschen ganz in ähnlicher Weise. Die Conservativen von 1815, von 1830, von 1849, sind sie nicht heutzutage lächerliche Figuren geworden? Werden es die von 1872 nicht auch bald sein?" N. d. Schz. David Einhand. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Aweite 8 Capitel. Dies war ungefähr der Gedankengang, dem sich David hingegebcn hatte und er wälzte die Frage, ob er das Loos hinauftragen solle zu Frankfurter nach Nikolsburg, in seinem Gemüthe unruhig hin und her und konnte mit sich nicht recht einig werden. Auf der einen Seite hätte er für sein Leben gerne der Mutter den Grabstein gesetzt, auf der andern Seite that es ihm wehe, sich für immer von einem Schatze zu

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