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Jüdische Volkszeitung · 1873-06-11 · 24 (11.6.1873) · p. Seite 191

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
24 (11.6.1873)
Date
1873-06-11
Page
Seite 191 (sequence 7)
Language
German
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WWtzSWWW 191 — trennen, den seine Mutter ihr Leben lang mit solcher Zähigkeit festgehalten. Wenn ich nur wissen könnt', wie sie selber in einem solchen Falle gehandelt hätt! — sagte er sich — das wenn mir Einer sagen könnt, was meine Mutter, im Paradies soll sie ruhen, für wichtiger halten thät, ob den Grabstein oder das Loos, dann möcht ich gleich wissen, was ich zu thun Hab. Und als er so an seine todte Mutter dachte und sich erinnerte, wie sie aus dem Todtenbette zu ihm gesprochen, wie sie es ihm auf die Seele gebunden, daß er das Loos hinübertragen soll zu Reb Joine Glück, da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen: Nein! — ries er — was Hab ich da noch weiter zu überlegen? es geht ja gar nicht mehr! Das Loos gehört ja gar nicht mehr mir allein! Reb Joine hat es nicht nehmen gewollt; aber ein heiliges Versprechen Hab ich ihm gegeben und einen Handschlag dazu, und — das hat er angenommen! Wie Hab ich das auch nur einen Augenblick vergessen können? Da gibt es weiter nichts mehr zu bezweifeln! Das Loos darf ich nicht weiter als mein alleiniges Eigenthum betrachten, mit dem ich machen kann, was ich will! So ist es! So hätt auch mein Mutter geredt! Und wieder fühlte er, nachdem er sich so aus beängstigenden Zweifeln heraus zur Klarheit losgerungen hatte, jene innere Ruhe und Beseligung, wie er sie jüngst empfunden hatte, nachdem er Reb Joine Glück das wunderliche Versprechen geleistet, zu dem er sich damals aus freiem Antriebe entschlossen hatte, jene innere Beseligung, wie sie der gute Mensch immer empfindet, wenn er mit sich selber nicht uneins ist. Ein Gutes Hab ich doch davon,, daß mich dieser Zweifel beunruhigt hat — sagte sich David, nachdem er mit sich ins Reine gekommen — und es ist wahr, was das Sprüchwort sagt, daß alles Schlechte auch sein Gutes hat; denn das Eine ist mir jetzt erst ganz klar geworden: ich darf mein Loos, wenn es auch bei mir daheim im Kasten liegt, nicht mehr als mein alleiniges Eigenthum ansehen, und ich weiß jetzt auch, was ich zu thun Hab. Reb Joine hat von mir nichts Geschriebenes annehmen gewollt, weil er ein feiner Mensch ist und mir Vertrauen .schenkt, daß ich, wenn mir Gott das Glück geben möcht, mein Wort und meine Hand nicht brechen werd. Gut! ich aber darf mich damit nicht zufrieden geben, ich muß die Sach doch aufschreiben lassen, damit etwas Geschriebenes existirt; denn warum? —ich bin nur ein sündiger Mensch! Und wie, wenn mein Loos heut mit einem Treffer herauskommen thut, und ich — ich will mein Maul nicht Zum Bösen aufthun, aber was kann der Mensch wissen — und wer wird dann beweisen, daß Reb Joine Glück einen halben Treffer gemacht hat? Wird Reb Joine mich dann können aufwecken, wenn sie mich draußen auf dem ״guten Ort" hineinlegen in das Grab neben mein Mutter, wird Reb Joine dann können mich lebendig machen? Wird er sagen können: Steh auf, David, und erzähl es ihnen, sie wollen es mir nicht glauben, daß Du mir den halben Gewinn versprochen und daß Du mir die Hand darauf gegeben hast! — Es muß etwas Geschriebenes existiren. Reb Joine Glück soll sehen, daß ich es ernst gemeint Hab mit meinem Versprechen, und daß es von mir nicht nur so in den Wind hinein geredt war. Mit großer Entschiedenheit dachte David diesen Gedanken durch und verfolgte ihn bis in die letzten Consequenzen, gerade als ob er die Gewißheit, daß sein Loos herauskommen und er einen Treffer machen werde, in der Tasche gehabt hätte. Vom Willen zur That ist aber ein weiter Weg, viel weiter als der von der Gasse ins Dorf hinaus, den unser David mit dem Pack auf dem Rücken eben wanderte, und so hatte er denn auch den allerlöblichsten Vorsatz, aber er ging noch gar manchesmal ins Dorf hinaus und kehrte aus dem Dorfe wieder heim in die Gasse, und es kam doch immer nicht zur Ausführung. Während dieser Zeit konnte man den schweigsamen Reb Joine Glück manchmal mit einem großen Bogen Papier durch die Gasse schreiten sehen; er ging von Haus zu Haus und übersprang keines, auch wenn er sich darinnen für sein Unternehmen nicht viel versprach und gar manche Demüthigung mußte er sich in dem einen oder anderen der Häuser gefallen lassen. Er nahm sie schweigend hin, obwohl es ihn kränkte; kam er aber aus einem Hause, in welchem seiner Bitte willfahrt worden war, dann sah er mit innigem Vergnügen auf die in dem Bogen verzeichneten Namen und Zahlen, und er flüsterte leise, leise, so daß Niemand es hören konnte, kaum sein eigenes Ohr, und was er flüsterte, waren lauter Zahlen, nichts als Zahlen, er zählte und zählte, er rechnete und rechnete, und sein Herz war voll von Freude, wie die Summe immer größer und größer wurde. Unterdessen rückte die Rekrutirung immer näher und endlich war sie da. Am Sabbath Vormittag standen die Jungen im ״Rädel" mit betrübten Mienen, denn was man sich da erzählte, klang nicht sehr tröstlich. Morgen hieß es, werde die Gemeindesitzung sein; es müßten zwei Mann abgestellt werden. ״Ja, ja, Bräundel", sagte Chajim Krempelsetzer, ״von morgen über acht Tag wird man Dein Kalmele auf Brünn abführen." ״Das wirst Du nicht erleben!" antwortete Bräundel gereizt. (Fortsetzung folgt.)

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