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Jüdische Volkszeitung · 1873-06-11 · 24 (11.6.1873) · p. Seite 188

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
24 (11.6.1873)
Date
1873-06-11
Page
Seite 188 (sequence 4)
Language
German
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188 Gewissensfreiheit und speciell um die hiesige Religionsgemeinde sich erworben, hatte es der Vorstand derselben für seine Pflicht erachtet, in corpore zu erscheinen, um, von seinem Vorsitzenden, Herrn Stadtverordneten Moritz Kohner geführt, dem Jubilar auch den Glückwunsch der Gemeinde darzubringen. Bei diesem Anlasse richtete Herr Kohner ungefähr folgende Worte an denselben: Namens der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde erscheint deren Vorstand heute in der Mitte aller derer, die Sie beglückwünschend umschaaren, als Vertreter einer gesonderten Körperschaft. Nicht etwa, daß wir uns durch die Verordneten der Stadt nicht hinreichend repräsentirt wüßten; wir fühlen uns vielmehr glücklich, als völlig Gleichberechtigte keiner Vertretung mehr zu bedürfen. Daß dies aber der Fall, dazu haben auch Sie ja in hervorragender Weise mitgewirkt. Und dafür Ihnen unsere dankbaren Gefühle zu bekunden, sind wir heute hier gesondert erschienen. Israel hat ein langes und dankbares Gedächtniß. Wir greifen in unserenErinnerungen auf eine Zeit zurück, die vor dem Beginne des Vierteljahrhunderts liegt, dessen inhaltsreichen Abschluß wir heute mit Ihnen feiern. Ein glückliches Geschick hatte Sie vor Antritt Ihrer städtischen Wirksamkeit auf einen Platz berufen, der weit über die enggezogenen localen Schranken herausragte, auf jene große vaterländische Arena, wo zum ersten Male die Vertreter des gesammten deutschen Volkes berufen waren, durch Verkündigung des hehren Princips der Gleichberechtigung aller Bekenntnisse einen Schleier über eine trübe Vergangenheit zu breiten, von der namentlich die Bekenner des Judenthums so schwer betroffen waren! Inmitten jener Apostel der Lehre von den unverjährbaren natürlichen Menschenrechten befanden auch Sie sich, in den national und echt menschlich geweihten Räumen der Paulskirche. Und jene leuchtenden Gedanken echter Humanität haben Sie mit hierher in unsere Stadt, in unser engeres Vaterland getragen, haben allzeit redlich und muthvoll für ihre Verwirklichung gekämpft und gewirkt, bis in die jüngste Zeit hinein, da Sie in unserer Ersten Kammer mit wenigen Treuen für die heilige Sache der Gewissensfreiheit einstanden. Und wenn die Welt Lorbeerkränze weiht den Kämpfern auf dem Schlachtfelde, und Bewunderung zollt den Verdiensten aus dem Gebiete der hohen Verwaltung und der Gesetzgebung, so bewahrt sie ein treues, dankbares Erinnern an diejenigen, welche für die Freiheit des Geistes, der Gewissen kämpften. Und zu diesen zählen auch Sie! Der Jubilar entgegnete etwa Folgendes: Sie haben mich durch Ihre beredte Ansprache tiefbewegt, Erinnerungen in mir wachgerufen, die das Bild eines der ausgezeichnetsten Männer jener Zeit, eines Ihrer berühmtesten Glaubensgenossen, des unvergeßlichen Riesser, mit voller Lebendigkeit mir wieder vorführen. Wie viel verdanke ich ihm, wie viel alle die, die diesen seltenen Mann nahe zu kennen das Glück hatten! Er war uns Freund, Lehrer und Wegweiser auf jedem Gebiete der großen Ideen, die damals die Zeit bewegten! Ich kann mich seiner nur mit tiefer Dankbarkeit, mit unbegränzter Werthschätzung erinnern! — Sie aber haben mir nicht zu danken! Es war nur wenig, was ich thun und leisten konnte! Ueberdies ist ja nur ein altes langdauerndes Unrecht gegen die Bekenner Ihres Glaubens wieder gut gemacht worden! — Nehmen Sie vielmehr meinen Dank für Ihre Erinnerung an Riesser, die Sie unwillkürlich in mir geweckt, meinen Dank auch für den Ausdruck der freundlichen Gesinnung Namens Ihrer hochachtbaren Religionsgemeinde! — Einige Tage darauf stattete der Herr Oberbürgermeister dem ersten Vorsteher in dessen Wohnung einen Gala-Besuch ab und bekundete dadurch wiederholt in unzweideutiger Weise seine Hochachtung gegen die hiesige israelitische Religionsgemeinde. Ingekkeim, 3. Juni. (Errichtung jüdischer Waisen- Häuser in Palästina.) Wir erhalten einen Aufruf des verehr!. Comitss, das zu obengenanntem Zwecke zusammengetreten und erklären uns gerne bereit, das wohlthätige Werk mit allen Kräften zu unterstützen. Wir find, aus Erfahrung und Ueberzeugung, gegen die gewöhnlichen Palästinensischen Sammlungen. Aber in diesem Falle haben wir es mit einer Sache zu thun, die, hier wie dort, wie überall heilig, eine unabweisbare Pflicht ist: mit der Erziehung verlassener, unglücklicher Waisen. Die Gemeindegruppen kommen (בוללים) nur dann dieser heiligsten Pflicht nach, ״wenn durchaus kein Verwandter sich der armen Verlassenen annimmt"; d. h. sie lassen die Waisen verkommen oder in die Hände der gewissenlosen Seelenverkäufer, die dort auf heiligem Boden bekanntlich ihre besten Ernten halten, fallen. Das sind dieselben בוללים, welchen jährlich Tausende aus Europa zufließen, für welche man aller Orten sammelt, und deren Unterstützung von gewissen Seiten aller übrigen Wohlthütigkeit vorangestellt wird. Das gestehen Männer zu, welche zu den entschiedensten Freunden dieser Sammlungen gehören! Ist es nicht empörend, daß die erwachsenen Müssiggänger sich von der Wohlthütigkeit erhalten lassen, sich aber selbst nichts um die Waisen in ihrer Gemeinde kümmern? Vorläufig soll ein Waisenhaus in oder bei Jerusalem errichtet werden. Deutsche Männer der verschiedensten Richtungen und Lebensstellungen stehen an der Spitze. Der deutsche Generalconsul für Palästina, Herr v. Alten, befürwortet das Unternehmen sehr warm. Die Schulen der Alliance, die von Frau v. Lämel gegründete Anstalt, die Ackerbauschule zu Jaffa und diese Waisenhäuser werden vereint wirken, eine andere Generation unserer Glaubensbrüder in Palästina

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