Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 24 (11.6.1873)
- Date
- 1873-06-11
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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187 verletzte ״Gewissensfreiheit"! wollen aus dem Gemeindever-- bande entlassen sein, dasselbe unwiderruflich zerrissen sehen! Wer merkt nicht die Absicht und ״wird verstimmt"? Sie wollen das Judenthum, da dasselbe sich nicht nach ihren Machtsprüchen, nach ihrem engherzigen, verbohrtem Standpunkte gestaltet, lieber zu Grunde richten, als daß ein solches besteht, welches nicht nach ihrem Geschmacks ist; sie wollen, wie sich einmal ein praktisch geschulter, geistvoller Beurtheiler der Zeit und ihrer Bestrebungen treffend ausgedrückt hat, gleich der unechten Salomonischen Mutter auch das lebende Kind zerstückelt sehen, da ihr eigenes lebensunfähig und ohne Zukunft ist! Die Wühlerei, die Herrschsucht, die Zerstörungswuth ist ihnen zur zweiten Natur geworden; aus der Anarchie, aus dem Chaos hoffen sie Profit zu ziehen. Ist einmal der jüdischen Gemeinde der feste Grund entzogen, die einheitliche Leitung entrissen, dann hoffen sie sich des Ruders zu bemachtigen und aus dem Tempel Jehovahs hinauszuwerfen, wer sich nicht zu ihrer schwarzen Farbe bekennt, der heiligen Fahne des allerheiligsten Schulchan Aruch blindlings folgt! Ja, den Mittel- und Kleingemeinden stehen schöne Zeiten bevor! Und Alles im Namen und für den Namen Gottes! im Namen der Gewissensfreiheit! Freut euch im Voraus der Gewissensfreiheit, die euch aus der Hand des schwarzen Regiments der Mucker und Wühler dargereicht werden wird! Wir haben oben gesagt, der Erfindungsgeist fehle den Orthodoxen; wir sagen jetzt, daß ihnen, von der Leidenschaft geblendet und unzurechnungsfähig gemacht, auch die ruhige, nüchterne Beurtheilung ihrer eigenen Position, der kluge Blick in die Zukunft fehle. In den meisten Mittel- und Kleingemeinden haben sie bekanntermaßen die Oberhand; dort sind die Männer des entschiedenen Fortschritts noch spärlich gesäet; dort wollen und können die Freisinnigen, da sie eben in der Minorität sind, an dem Bestände der Gemeinde nicht rütteln, an dem Gesammtwesen und Charakter derselben nichts ändern; bezahlen, — ob gern oder ungern, bleibe jetzt unerwogen, — ihre Gemeindesteuern, durch welche die Bedürfnisse der Gemeinde nach den Anordnungen der orthodoxen Leiter bestritten werden. Hier werden nun die Orthovoxen mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden, in die Grube fallen, die sie selbst gegraben. Denn das ist unzweifelhaft: ist einmal die corporative Verfassung aufgehoben, steht es einem Jeden ftei, der Gemeinde anzugehören oder nicht, dann werden auch die fortschrittlich Gesinnten es sich sehr reiflich überlegen, ob sie noch ferner zu dm Gemeindelasten beitragen sollen. Und bei dem Jndifferentismus, der leider unter unseren Glaubensgenossen immer größere Fortschritte macht, sie mehr und mehr dem Judenthum entfremdet, dürfte die Loslösung von der Gemeinde bald weitere Dimensionen nehmen; die Gleichgültigkeit gegen die väterliche Religion immer allgemeiner werden. Das Pflichtgefühl, treu zu der Gemeinde zu stehen, ob deren Gesammt- Achtung der individuellen Ansicht entspricht oder nicht, lebt nicht in Jedem mit gleicher Kraft; der alttalmudische Satz, daß man auch auf religiösem Gebiete den Ansprüchen der Majorität (אחרי רבים להטות) Rechnung zu tragen habe, übt nicht auf Alle die nämliche Wirkung. Ist es erst staatsgesetzlich zulässig, so werden gewiß sehr Viele, gerade so wie die Herren Orthodoxen in Städten, wo sie in der Minderheit sind, calculiren: der orthodoxe Gottesdienst widerspricht meinen religiösen Gefühlen und Ueberzeugungen; der orthodoxe Religionsunterricht taugt nichts für meine Kinder; welchen Nutzen gewährt mir die Gemeindeangehörigkeit? Darf ich noch ferner eine religiöse Richtung durch meinen Beitrag unterstützen, die der meinigen schnurstracks zuwiderläuft? Ich trete aus! — Nicht wahr, ihr Herren Orthodoxen, an diese Consequenzen, an die Kehrseite eurer Agitationen habt ihr wohl nicht gedacht? Ihr meintet, daß Gesetze nur für eure Verhältnisse und Bedürfnisse, zu eurem beliebigen Gebrauch, zu eurem Nutzen geschaffen werden. Daß aber auch eure Antipoden, die fortschrittlich Gesinnten sammt den Gleichgültigen und Lauen, von der gebotenen Handhabe werden Gebrauch machen, das habt ihr wohl nicht berechnet, das nehmet ihr auch gar nicht an. So weit reicht euer Blick nicht; dies zieht eure engherzige ״Frömmigkeit" nicht in Erwägung. (Schluß folgt.) Correjponäenz. Leipzig, 20. Mai. Manchen jüdischen Gemeinden ergeht es, wie manchen Frauen, die nach dem Sprüchwort zu den besten ihres Geschlechtes zählen: man spricht wenig oder gar nicht von ihnen. Die hiesige israelitische Religionsgemeinde gehört unstreitig zu denen, über die man am besten schweigt, da Alles in ihr im vortrefflichsten Zustande ist. Von einem Vorstande geleitet, der auf der Höhe der Zeit steht, durch hingebungsvollen Eifer, praktisches Verständniß, klugen Tact nebst bevorzugter bürgerlicher Stellung sich auszeichnet, verdienen ihre Verhältnisse und Leistungen auf jedem Gebiete des jüdisch-gemeindlichen Lebens mit einem Worte musterhaft genannt zu werden. Wenn ich heute dennoch jenes Stillschweigen breche, so geschieht es, um Ihnen von einem Vorkommniß zu berichten, welches auch für weitere Kreise Interesse haben dürfte. In voriger Woche beging der Oberbürgermeister Leipzigs, Herr vr. Koch, sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum. Zahlreiche Ovationen wurden dem Gefeierten zu Theil; Deputation reihte sich an Deputation, um demselben ihre Glückwünsche auszusprechen. Angesichts der hohen Verdienste, die Herr Dr. Koch in seinem amtlichen Wirken um die Sache der