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Jüdische Volkszeitung · 1873-06-11 · 24 (11.6.1873) · p. Seite 186

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
24 (11.6.1873)
Date
1873-06-11
Page
Seite 186 (sequence 2)
Language
German
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— 186 cipiell, was nur im Entferntesten neu ist, als Erfindung auftritt. Ihr aber habt das Unglaubliche und Unmögliche glaublich und möglich gemacht! Oder find das vielleicht die Früchte eures anhaltenden Talmudstudiums? Die חידושי תורה, mit denen ihr den staunenden Erdbewohnern plötzlich aufwartet und dem lieben Herrgott, euren vermeintlichen Protector des Pilpul, eines guten Pschettl, eine besondere Freude zu bereiten vermeint? Alt- und Neu-Judenthum! Welch' geistvolle, herrliche Clafsistcation! Welch' patentwürdige Erfindüng! Wer hat euch nur darauf gebracht? Aha, — die Vorgänge in einer nichtjüdischen Gemeinschaft! Also nicht einmal eine Originalerstndung, ein Plagiat! Das dachte ich mir gleich! Und was für ein Plagiat! Ein Plagiat mit echt jesuitischer Umdrehung des wirklichen Thatbestandes! Ihr gebt euch als die Altjuden aus, obgleich ihr die Existenz eines in Tausend Fetzen zerrissenen Judenthums constatirt und dogmatisirt sehen wollt, und diejenigen, die auf dem echt- und altjüdischen Boden der Glaubens- und Gemeindeeinheit verharren wollen, bezeichnet ihr als die Neujuden! Es geht doch nichts über die Grundehrlichkeit und Wahrheitsliebe der Hyperorthodoxen! über die zündende und besiegende Vortrefflichkeit ihrer allerneuesten dogmatischen Stich- und Schlagwörter, mit denen sie die ahnungslose Welt übertölpeln wollen! Und wie ihnen das leidende verklärte Antlitz des Märtyrerthums so schön steht! Man hat die Gewissensfreiheit schnöde an ihnen verletzt! Lehmann, Hildesheimer und Eonsorten beklagen sich über verletzte Gewissensfreiheit! Woher nun diese Leute diese ungeheure Portion von — Naivetüt nehmen, an der Tausend Andere mehr als genug hätten! Wer und wo hat man die Gewissensfreiheit an ihnen verletzt? Hat man sie irgendwo oder jemals behindert, die weihewollen Gebete des Jekum Purkan und des Esehu Mekoman herzuleiern, wie und so oft sie es wollten? Konnten sie sich nicht Gotteshäuser erbauen nach ihren architektonischen Idealen, sich Vorbeter und Rabbiner bestellen nach ihren Bedürfnissen und Ueberzeugungen? Hat jemals oder irgendwo, — wie sie es allerdings zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gethan, — die fteisinnige Partei mit Hilfe der Regierung oder der Polizei die orthodoxen Tempel, Unterrichtsanstalten schließen, ihre Rabbiner und Lehrer des Amtes entheben lassen? Wurden jemals ihre Gebet- und Lehrbücher mit dem Bann belegt? Können sie sich nicht nach Belieben Talmud Toras anlegen, in denen sie halbwüchsige Jungen in die Mysterien von פונה עץ und ähnlichen zarten Materien einführen können? Hat man sie jemals und irgendwo gezwungen, Chorgesänge und Orgelklänge mit anzuhören? Sie behindert, die Gebete um Rückkehr nach Palästina, um Wiederherstellung des Opferdienstes, des David'schen Königthums 2c. mit ungeheuchelter Inbrunst zu verrichten? Woher also auch nur der Schein der Berechtigung zu Klagen über verletzte Gewissensfreiheit? Wir glauben, daß wenn Jemand über dieselbe Beschwerde führen wollte, so hätte nur die freisinnige Partei vielleicht ein gewisses Recht dazu, da ihr aus Requisition der Orthodoxen in einer noch gar nicht so lange hinter uns liegenden Zeit verschiedene Regierungen innerhalb und außerhalb Preußens hindernd in den Weg traten! Geschichtliche Belege hierfür anzuführen, ist unnöthig, da sie jedem jüdischen Kinde genügend bekannt sind. Woher also die Klagen über verletzte Gewissensfreiheit bei den Orthodoxen? Etwa, weil sie in den wenigen (Groß-) Gemeinden, in welchen sie in der Minderheit sind, Steuern zahlen müssen? Aber gelten denn diese der Förderung einer etwaigen tendenziösen Parteirichtung und nicht vielmehr der Erhaltung der Gemeinde, der Befriedigung der Gesammtbedürfnisse derselben, der Lösung ihrer verschiedenen humanen und cultuellen Aufgaben, der Tilgung ihrer früher eingegangenen, von den Vätern ererbten materiellen Verpflichtungen, der Schulden an Grundstücken und Gebäuden re.? Und wenn ihr dies meint, und glaubt, jeder Rücksicht gegen die Majorität, jeder Verpflichtung gegen die Existenz der Gemeinde euch überhoben halten zu dürfen, so seid wenigstens ehrlich genug, statt der melancholischen Klage ״Gewissensfreiheit" — das verständlichere und einleuchtendere Wort ״unser Geldbeutel" zu rufen. Da wüßte man doch wenigstens, was ihr wollt, und es wäre möglich, sich mit euch abzufinden! Aber in Wahrheit wollen sie dies gar nicht! Sie wollen gar nicht abgefunden werden! Sie haben ja Geld für Tausend Allotria, selbst für gemeinschädliche Zwecke (als den Müssiggang und Bettel in Palästina zu befördern, herumreisende Schnorrer im Schnorrerthum zu erhalten rc.), Anderen Schabernacke zu spielen, Zank und Spaltung in den Gemeinden hervorzurufen und zu schüren, haben Geld für prachtvolle Trotz-Synagogen, für kostspielige Trotz-Rabbiner und Chasanim, für koschere Tauch- und Wannenbäder und welche noch ihre oppositionellen Specialbedürfnisse und Liebhabereien sind. Sie haben ״heidenmäßig viel Geld" und geben dies auch mit leichtem Herzen, ja mit Sand in die Augen streuender Ostentation hin, versenden es mit widerlicher Ruhmredigkeit in entfernte Gegenden, wo es wie ein Wassertropfen aus einen heißen Stein niederfällt, wo Tagediebe und Strolche, physisch und moralisch corrumpirte Subjecte auf ״heiligem" Boden in der Schule eines gottlosen Faulenzerthums und der Verwilderung der Sitten herangezogen und unterhalten werden. Ja, für alles Dieses haben sie Geld und geben es freudig hin, — nur für die Erhaltung der Gesammtgemeinde haben sie keines, wollen sie keines haben; da erwachen plötzlich ihre ״Gewissensbisse", da klagen sie über

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