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Jüdische Volkszeitung · 1873-06-04 · 23 (4.6.1873) · p. Seite 182

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
23 (4.6.1873)
Date
1873-06-04
Page
Seite 182 (sequence 6)
Language
German
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182 Auch aus Odessa wird von Judenverfolgungen berichtet, die allerdings von den Behörden streng unterdrückt worden sind. (Schl. Ztg.) 90. Vom Federsee. In Kappel bei Buchau vollzog sich am Samstag den 10. Mai der Act der Auflösung der israelitischen Kirchengemeinde Kappel und der Anschluß der noch dort wohnenden Israeliten an die Muttergemeinde Buchau. Hr. Rabbiner Weimann hielt die Abschiedsrede in der nun geschlossenen Synagoge zu Kappel und schilderte in einer geschichtlichen Ausführung die Entstehung der Gemeinde bis zu ihrer Auflösung. — Die freie Reichsstadt Buchau gestattete früher den jüdischen Einwohnern nicht das freie Niederlassungsrecht, nur das älteste Glied einer Familie konnte den sogenannten ״Judenschutz" erhalten; die nachgebornen Söhne waren gleichsam heimathlos. Da gestattete die Reichsfürstin Maximiliane Gräfin von Zeil-Wurzach, Oberin des Damenstifts, an zwölf Israeliten am 18. Septbr. 1793 das Niederlassungsrecht in Kappel. Die kleine Gemeinde erbaute sich 1796 schon mit großen Opfern eine Synagoge und errichtete eine Schule. Die Mitgliederzahl wuchs auf 25 an; aber mit dem freieren Uebersiedelungsrecht sind die meisten Israeliten von Kappel weg in Städte gezogen und so wurde von den Israeliten beider Schwestergemeinden beschlossen, daß die Israeliten von Kappel der Synagogengemeinde Buchau einverleibt wurden. Die Rede des Herrn Rabbinen Weimann mit der angefügten Chronik ist gedruckt und wird jeder Leser den erbaulichen Vortrag und die geschichtlichen Auszeichnungen mit Genuß hinnehmen, besonders aber werden die Angehörigen beider Gemeinden für diese Chronik dem Verfasser Dank wissen. 91. Zu Livorno starb ein reicher Jude, der Kaid Nissim Samana aus Tunis, der, einem Livorneser Blatte zufolge, den Armen zu Tunis 500,000 Frs., den Talmud- ״Lernern" daselbst 250,000 Fr. (einzelne der gelehrten frommen Herren empfingen bis zu 25,000 Fr.), der Stadt Jerusalem 250,000 Fr., den Lehrern des Gesetzes in der heiligen Stadt 250,000 Fr., den Städten Zefat, Liberias und Hebron 300,000 Fr. testamentarisch vermachte. Der Verstorbene hatte eine eigene Synagoge und seinen eigenen Schochet. 92. Seit einigen Tagen, schreibt eine algier'sche Zeitung, wird Tanger von kleinen Büchlein und Traktätchen wahrhaft überschwemmt; englisch-protestantische Missionäre und Missionärinnen dringen sie jedermänniglich fast mit Gewalt auf; sie find in allen möglichen Sprachen: französisch, englisch, spanisch, hebräisch, arabisch; die meisten sind für die Spanier und Juden berechnet; letztere, meistens Kinder, sieht man um die Austheilenden sich drängen, in der Hoffnung, mit dem Traktätlein auch eine kleine Münze zu erhalten. Was dieses Proselyten-Fieber für Erfolge hat? Setzen Sie dieselben — 0; es ist Samen auf felsigen, völlig unvorbereiteten Boden gestreut. Schade, daß Gelo, Zeit und Mühe so rein weggeworfen werden. Doch halt! Man versichert, ein Jude habe sich wirklich taufen lassen. Und so ist es: ein hungernder, armer Teufel war's, dem man für seine Heldenthat lJ/2 Piaster per Tag Rente zusicherte. — Wohl bekomme Euch die arme Seele! 93. Erinnern Sie sich noch des Streites zwischen Derenbourg und Renan einer- und Halsvy andererseits darüber, ob die Lehre der Unsterblichkeit im alten Testamente gelehrt werde oder nicht? Letzterer hatte eine phönizische Inschrift so gelesen, als werde darin von einem Könige, Eschmunazar, gerühmt: er sei fromm und der ״Unsterblichkeit werth" gewesen, und hatte daraus einen Rückschluß auf den Glauben der stammverwandten Juden gezogen. Hr. Derenbourg behauptet, daß diese Lehre der Unsterblichkeit von den heidnischen Philosophen, vorzüglich von Plato, herrühre und daß der biblische Text nur sehr unbestimmte und vage Andeutungen derselben enthalte. Man ahnte diese Lehre, meint Hr. D., aber der Geist der alten Hebräer sei viel zu positiv, viel zu sehr auf das Greifbare und Praktische gerichtet gewesen, um sich in solche Mysterien zu vertiefen oder sich gar die Details des ״Scheol" (Tartaros, Unterwelt) phantastisch auszumalen. Als Beweismittel dienen dem Gelehrren: das ganze Buch Hiob, in welchem dem Dulder die Idee eines zukünftigen Lebens und einer Ausgleichnug im Jenseits gar nicht kommt; dann Josephus, der bei der Schilderung der jüdischen Secte der Essüer sich wundert, wie seinen Glaubensgenossen die ״griechische" Idee der Unsterblichkeit gekommen sei. Von den biblischen Ausdrücken: ״Du überlässest meine Seele nicht dem Scheol", ״der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben" u. dergl. bis zur Lehre der Unsterblichkeit sei es noch sehr weil; in dem Verse der Sprüchwörter ״Die Steige der Gerechtigkeit führen zur Unsterblichkeit", erkennt Hr. D. den Ausdruck ״al-mawet“ nicht für ein hebräisches Wort an und hält jenen zweiten Halbvers für unterschoben. (Auch rühren alle diese Andeutungen aus einer verhältnißmäßig späteren Zeit her.) Aus diesen Gründen zweifelt Derenbourg die von Halsvy gegebene Interpretation der phönizischen Inschrift an. — Möge man vom Streite halten, was man wolle; danken wir wenigstens Gott, daß wir im Judenthum keine Autorität haben, welche die freie Forschung und Meinungsäußerung hindern oder verfolgen könnte. 94. Die geographische Gesellschaft in Paris erkannte Hrn. Halsvy eine goldene Medaille zu, als Anerkennung der wichtigen, die alte und neue Geographie bereichernden Documente, die er von seiner Reise nach Arabien zurückbrachte.

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