Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 23 (4.6.1873)
- Date
- 1873-06-04
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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183 Feuikketon. David Ein Hand. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Erste« Capitck. ״Wenn Ihr das Loos nicht nehmen wollt, so mußt Ihr wenigstens ein Versprechen von mir nehmen." ״Ein Versprechen?" ״Ja, Reb Joine-Leben, ein Versprechen." ״Was für ein Versprechen?" . ״Wenn Ihr mich vom Militär frei macht, versprech' ich Euch etwas." ״Was willst Du mir versprechen?" fragte Reb Joine verwundert. ״Wenn mein Loos da einmal herauskommen thut mit einem Treffer, oder gar mit einem Haupttreffer, so gehört die Hälfte von dem Gewinn nicht mein." Reb Joine schaute ihn fragend an; David aber fuhr fort: ״Ja, Reb Joine-Leben! Die Hülste von dem Gewinn gehört Euch. Und wenn Ihr es nicht glauben wollt, geb' ich es Euch geschrieben." ״Narrele", sagte Reb Joine lächelnd, ״was brauchst Du ' mir es geschrieben zu geben? Meinst Du, ich glaub es Dir nicht? Weiß ich denn nicht, daß Du ein gut Herz hast? Alle arme Leut' haben gute Herzen!" ״Ich möcht auch ein gut Herz haben, wenn ich reick werden möcht", sagte David in seiner Gutmüthigkeit, ״da habt Ihr meine Hand darauf, Reb Joine-Leben! Ich geb Euch meine Hand, so fürwahr, wie Ein Gott im Himmel ist, wenn mein Loos herauskommen thut mit einem Treffer, ich geb Euch die Hälfte von dem Gewinn." Mck,gutmüthigem Lächeln nahm Reb Joine Glück die Hand, die ihm David entgegenstreckte, als er das Versprechen wiederholte. Eine Weile hielt er die ihm dargebotene Rechte des jungen Mannes in seiner Hand, und die Pause, die da eingetreten war, hatte etwas Feierliches. ״Seht Ihr, Reb Joine-Leben", so brach David endlich das feierliche Schweigen, ״mir soll die Hand da krumm und lahm werden, wenn ich nicht halten möcht, was ich Euch versprochen Hab, wenn mir Gott das Glück bescheert." Beifall nickend schüttelte Reb Joine die Hand des jungen Mannes und sagte: ״Gott soll geben, Du sollst können thun, wie Du Dir in Deinen: ehrlichen Herzen vornimmst." ״Gott soll es geben!" stimmte David mit ein und schied von dannen mit einer solch erquickenden Beruhigung, mit einem solch himmlischen Tröste im Herzen, als ob die Rekrutirung, die vor der Thüre war und die ihm vor wenigen Minuten noch das Herz so schwer belastet, ihn weiter gar nichts anginge. Das Versprechen, das er eben geleistet und mit Handschlag und Schwur betherurt hatte, machte ihn so glücklich, so überselig, als ob er bereits in der Lage wäre, dasselbe zu erfüllen. Freilich hatte er die edle That noch nicht geübt, freilich hatte er vorerst nur den guten Willen zu einer .-solchen gezeigt; aber die innere Stimme, die sich in ihm regte, verkündete ihm, daß das, was er da gethan habe, gut und recht sei, und daß die todte Mutter, die draußen auf dem ״guten Ort" in kühler Erde schlief, mit seiner Handlungsweise zufrieden sei. Aweite 8 Eapitek. David ging ins Dorf hinaus, wie die anderen Jungen der ״Gasse" und ernährte sich von seinem kleinen Handel, so gut es eben ging. Jedesmal, wenn er in das Dorf hinaus oder vom Dorfe heim ging, führte ihn sein Weg an dem ״guten Ort" vorbei und da glänzten ihm schon von ferne über die Einfassungsmauer hinüber die Grabsteine entgegen, die da auf den Gräbern zu Häupten der Todten von frommen Ueberlebenden gesetzt waren. Seine Mutter hatte noch keinen Grabstein, ihr zu Häupten war noch keine ״Mazewah", aus der zu lesen war, wie man sie geheißen, so lange sie auf Erden gewandelt. Der srom:ne Sohn hätte gerne seiner Mutter einen Grabstein gesetzt. Aber wie das vollbringen! Ein Grabstein kostet Geld und der Mazeivahstecher will für ' seine Mühe und Arbeit bezahlt sein. Reb Joine Glück konnte er nicht darum ansprechen, an den hatte er sich vor Kurzem erst in der Nekrutirungsangelegenheit gewendet und noch war nicht gewiß, mit welchem Erfolg; er konnte nicht gleich wieder mit einer zweiten Bitte kommen. Doch halt, er hatte ja das Loos noch bei sich! Das Loos war ja zehn Gulden Silbermünze werth! Hat es ihm doch Reb Joine Glück selber so hoch taxirt und der mußte es ja verstehen. Für zehn Gulden Silber ließ sich vielleicht etwas machen! Ja, dann inußte er das Loos aber hergeben und sich von dem Erbtheil trennen, das ihm seine gute Mutter zurückgelassen! Und warum nicht? Hat ihm bie Mutter das Loos denn hinterlassen, daß er es in den Kasten hincinlege und auf einen Treffer warte? Hat sie es ihm nicht vielmehr gegeben zu dem Zwecke, sich vom Militär zu befreien? Und war er nicht schon bereit, das Loos Reb Joine Glück zu überlassen? Und würde er cs ihm, wenn dieser es angenoinmen hätte, nicht hingegeben haben? Warum sollte er es nun nicht verkaufen, wenn er hierdurch in die Lage kommen konnte, seiner Mutter einen Grabstein zu setzen? (Fortsetzung folgt.)