Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 23 (4.6.1873)
- Date
- 1873-06-04
- Page
- Seite 181 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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181 ' bauen, haben sie weder Zeit noch Interesse für die Sache. Die hiesige Presse vergleicht lächerlicher Weise das ״intolerante" Benehmen des Rabbiners mit dem ״toleranten" des jüngst verstorbenen ersten Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Worms, welcher für sein Begräbniß angeordnet hat, daß ihn je zwei Israeliten, Alt-, Neukatholiken und Protestanten zu Grabe tragen*) und dafür je drei Gulden als Lohn und je einen Gulden für Wein erhalten sollten. (Durch den Wein sollten die Träger wahrscheinlich, wie der Getragene ״selig" werden.) Diese Anordnung erinnert an das Benehmen jener jüdischen Frau, welche ״Schema" und ״Vater unser" betete und zur Rechtfertigung angab: ״Vielleicht haben sie (die Christen) recht." (Wir werden auf diesen Gegenstand zurückkommen. Red) Akzeg, 7. Mai. Abraham Bär Cohn, der bekannte Sammler für Sased (Palästina), der von dem Palästina-Comits in Amsterdam vielfach Geschmähte, versendet jetzt ein Convolut Gegenschristen und fordert Zustimmung zur Gründung eines deutschen, in Berlin schon bereit gehaltenen Gegen-Comitss, dessen Vorsitzender wohl er selbst und dessen Banquier ein anderer Cohn, vielleicht sein Verwandter, sein sollen. Ist da größere Bürgschaft geboten? Dann soll die ganze Sammlung und Vertheilung unter .Controle des deutschen Reichs gestellt werden. Auch hier stimmen wir nicht zu. Vor Betrug sind ' wir da wohl geschützt, aber Ehrlichkeit leitet auch das Amsterdamer Comite. Jndeß wird man bei der Reichsbehörde die Bedürfnisse und Bestrebungen der palästinensischen Juden noch weniger kennen, als bei dem Comitä, und außerdein decken christliche Liebe und jüdische Barmherzigkeit noch lange nicht einander; man wird christlicherseits da kein Anrecht auf Unterstützung anerkennen, wo das Comitä sie gern und doppelt gewährt. Herrn Cohn's Sammelweise billigen wir ebenfalls nicht. C. gibt zwar vor, daß ein Comits vorhanden sei, an welches man die Gelder stnden könne, nimmt aber dennoch solche in Empfang, wenn man sie ihm gibt, und fordert Reiseentschädigung, die er sich nicht nach Rechnung und Ausläge, sondern nach Belieben und dadurch höher bezahlen läßt. Auch steht sür uns das Bedürsniß eines Waisenhauses in Sased durchaus nicht fest, wenigstens nicht in erster Reihe; wir fordern für Palästina Menschen- und Bodencultur, Bitdüng und Ackerbau. Für solche Bestrebungen aber bedürfen wir weder besonderer Sammlungen, noch besonderer Comitös, sondern überweisen solche der Alliance, (die allein und ausschließlich die Berechtigung, ja die Pflicht hat, die palästinensische Frage in die Hand zu nehmen und die sie allein auch entsprechend durchführen kann. Meinte es die Orthodoxie wirklich so gut mit der *) Neben dem Todtenwagen hergehen sollten! Red. Alliance, wie ste vorgibt, — die Orthodoxie, die überall auf Trennung sinnt, während sie sich zur Vertheidigerin der Universalität der Alliance macht — und wäre sie in ihren Bestrebungen wirklich entschieden uneigennützig, so hätte sie sicher die palästinensischen Sammlungen längst der Alliance übertragen. Redaction.) Pest, im Mai. Das ungarische Israel hat einen seiner trefflichsten Männer zu betrauern: Ignatz Deutsch. Der Verblichene, der am 9. d. M. zu Grabe geleitet wurde, verlebte die letzten Jahre seines Lebens in hiesiger Stadt; bis dahin wohnte er in Arad, wo er eine lange Reihe von Jahren Vorsteher der jüdischen Gemeinde war. Seine Bildüng, seine Biederkeit und seine seltene Munificenz machten ihn zum Gegenstände allgemeiner Verehrung, welche auch bei seinem Leichenbegängnisse zum Ausdrucke gelangte. Ungefähr 10,000 Menschen folgten der Bahre des edlen Mannes. Die frommen Vermächtnisse, welche er legirte, betragen nicht weniger als 80,000 Gulden. Alle hiesigen Journale widmen ihm anerkennende Nekrologe. Sein Gedächtniß wird gesegnet bleiben! Jlumifcliau. 88. Die ״New-Porker Handels-Zeitung" schreibt: ,,Ein großmüthiges Geschenk hat Hr. Jacob H. Schiff von der früher hier bestandenen Banquiers-Firma Budge, Schiff und Comp., der hiesigen ״Hebrew Orphan Asylum Society" vor seiner Abreise in die alte Heimath (Frankfurt a. M-) übergeben. Dasselbe besteht in einer voll einbezahlten Lebens-Versicherungs-Police in: Betrage von 10,000 Doll., welche nach dem Ableben des Gebers der genannten Gesellschaft und einem wohlthätigen Institute in Frankfurt zufallen." 89. Petersburg, 7. Mai. (Judenaustreibung aus Kiew.) Die ״Börse" bestätigt die auffällige Nachricht von der, vcrmuthlich von Seiten der Geistlichkeit vcranlaßten Austreibung der Juden aus dem heiligen Kiew. Das Blatt läßt sich von dort mittheilen, daß die Polizei die seitens des Stadtgouverneurs angeordncten Maßregeln gegen die Juden mit aller Energie durchführt. Diese Maßregeln betreffen diejenigen Juden, welche keinerlei Recht Nachweisen können, sich in der Stadt aufhalten zu dürfen. Die hebräischen Handwerker und entlassenen Soldaten werden in die schmutzigsten Außenviertel der Stadt verwiesen, und die Zahl der jüdischen Handlungsdiener, denen man erlaubt, im Orte selbst wohnen zu dürfen, ist auf das Minimum beschränkt worden. Alle jüdischen Schankwirthe sind ausgewicsen, eine beträchtliche Anzahl ihrer Glaubensgenossen hat man vorläufig arretirt, um sie danach per Zwangstransport aus Kiew zu entfernen.