Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 23 (4.6.1873)
- Date
- 1873-06-04
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
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180 Leitung und die Besseren seien völlig muth- und hoffnungslos. Hr. Costa schlägt vor, der Central-Ausschuß solle Mitwirken, ein Local-Comite der Alliance in Rom zu gründen, welches der Kern und Mittelpunet einer Neubildung oder Concentration der Gemeinde werden könnte. — Dr. Landsberg glaubt, daß dies eine Frage innerer Organisation sei, mithin nicht zur Competenz der Alliance gehöre. Der Central-Ausschuß beschließt jedoch, dem Rathe des Hrn. Costa Folge zu leisten. 15) Ritter Jos. v. Wertheimer in Wien zeigt die Gründüng eines ״Wiener Jsraeliten-Vereins" (Alliance israelite a Vienne) an, dessen Statuten er einsendet. Obgleich den gemeinsamen israelitischen Angelegenheiten nicht entfremdet, sei es doch Hauptzweck des Vereins, die moralische Lage der Israeliten in vielen Provinzen von Oesterreich-Ungarn zu verbessern; in allen übrigen Fragen von allgemeinem Interesse will der Verein die intimste Verbindung mit der ״Allgemeinen Allianz" aufrecht erhalten. — Der Ausschuß erklärt sich dazu mit Vergnügen bereit und wird sich bemühen, diese Verbindüng immer enger zu machen. 16) Hr. Jac. Psantir in Bukarest bittet um Unterstützung für den Druck seiner im Jüdisch-Deutsch geschriedenen ״Geschichte der rumänischen Juden". Der Ausschuß, obgleich bedauernd, daß das Buch in einem verdorbenen Dialect geschrieben ist, bewilligt, in Anbetracht der darin gemachten interessanten Mittheilungen über jüdische Alterthümer in Rumänien, 50 Fr. Eorresponäenz. Aszcg, 6. Mai. Die Tagespresse bespricht ein hiesiges Localereigniß, welches seiner Bedeutung wie Beurtheilung nach für weitere Kreise Interesse hat. Der hiesige, von allen Confessionen benutzte Friedhof besitzt ein städtisches Leichenhaus mit Betsaal, welches auf dein Giebel des Vestibüls ein christliches Kreuz trägt. Der Wunsch, den Betsaal auch jüdischerjeits zu benutzen, ist wiederholt laut geworden; der Rabbiner Dr. Rothschild hat sich stets dagegen erklärt und zu beantragen gefordert, daß die Stadt, welche widerrechtlich durch das Kreuz dem Hause einen kirchlich-christlichen Charakter gegeben, dasselbe wieder entferne, wie ja auch bei Errichtung des Hauses von Anfang an im städtischen Collegium aus Rücksicht auf die paritätische Stellung der Juden Stimmen gegen Aufstellung des Kreuzes laut geworden sind. Dies bei der Stadt zu beantragen, hatte man aber weder Muth noch Willen; man wählte einen kürzeren Weg. Kurz vor dem jüngsten Leichenbegängniß begab sich ein Vorsteher zu dem Rabbiner, fragend, ob derselbe einwillige, den Betsaal zu benutzen, da die Familie der Verstorbenen damit einverstanden sei. Der Rabbiner erklärte dies wiederholt als unzulässig und fügte hinzu, daß eventuell er keine Function dabei verrichten könne, sondern entweder nicht mitgehe oder umkehre. Der Vorsteher bat, sich die Sache nochmals zu überlegen, worauf der Rabbiner antwortete, er bedürfe keiner weiterem Ueberlegung dafür, auch sei jetzt keine Zeit zur weiteren Verhandlung, zumal das gute Wetter heute nicht dränge, von der bisherigen Sitte, unter freiem Himmel zu beten und zu predigen, abzuweichen. Der Vorsteher, nicht der Vorstand, beschloß dennoch, die Sache ins Werk zu setzen, ohne das jedoch den: Rabbiner mitzutheilen, und falls der Rabbiner sich weigere, den Cantor unter Wegfall der Predigt für das Gebet zu requiriren. Man beabsichtigte also, auf den Rabbiner Pression zu üben, obwohl man einen öffentlichen Scandal riskirte. Auf dem Friedhofe sah nun der Rabbiner zu seiner Ueberraschung die Richtung nach dem Leichenhause einschlagen; er rief dem Condukte zu: ״Halt, dahin ziehe ich nicht mit", worauf der Vorsteher, statt ihn weiter reden zu lassen, ״Vorwärts" commandirte, der Rabbiner aber unverrichteter Sache umkehrte, indem er das Verfahren ein rohes nannte. Mit ihm gingen Viele zurück, unter denen auch der Cantor. Die Verrichtung der öffentlichen Gebete mußte daher unterbleiben. Andere blieben vor dem Hause stehen, die Rückkehr der Träger erwartend, um die Leiche zum Grabe zu geleiten; Wenige nur zogen mit ins Haus und unter diesen Manche, weil sie als Träger nicht ausscheiden konnten. Gar Viele hatten den Vorsteher von seinem Verfahren zurückhalten wollen, aber vergebens. Er steht eben religiös auf ganz indifferentem Standpunkte und wußte dazu, daß er in diesem Falle der Ansicht fast der ganzen Gemeinde widerspreche. Warum wählt man auch solche Männer zu Vertretern der religiösen Interessen? Dahin führt also die gerühmte Autonomie der Gemeinde. Diese hat nur Berechtigung, wo Kenntniß des Judenthums und Sinn dafür vorhanden sind. Beide aber fehlen heute gar zu oft und gar zu sehr. Es ist die Nivellirungssucht, welche diese Leute treibt, mit dem Confessionel-Unterscheidenden auch das Religiös-Bleibende zu entfernen. Sie bewirken dann gerade, wie in vorliegendem Falle, Chillul haschem, den sie zu vermeiden bestrebt sind. In der That haben viele Christen in der Hervorhebung solcher religiösen Gegensätzlichkeit ein Zeichen der Intoleranz gefunden und darüber das bekannte gehässige Geschrei erhoben, während andere mit den Juden die Anbetung unter dem Kreuze für unzulässig erkannten, so lange dasselbe ein Symbol religiöser Gegensätzlichkeit, der Ausschließung, der Unduldsamkeit und Verfolgungssucht bleibt. Sonst könnte man auch Kirchen und Synagogen vermischen, eine gemeinsame Sonntagsfeier einführen u. s. w. — bis zur Vernichtung des Judenthums. Im Grunde betheiligen sich solche Leute auch nur an den religiösen Zerstörungswerken; wo es gilt, Religiöses aufzu-