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Jüdische Volkszeitung · 1873-06-04 · 23 (4.6.1873) · p. Seite 178

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
23 (4.6.1873)
Date
1873-06-04
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
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178 und dergl. geworden, und jetzt, nachdem er mehr als fünfzig Jahre eifriger Christ geschienen, galt er bei seinem Tode den: Volke immer dennoch als Jude! Vor kurzer Zeit verbrachten wir den Sabbath in einer anderen großen Stadt und suchten Abends ein berühmtes öffentliches Vergnügungslocal, einen Garten, auf. Sehr Viele, vielleicht die Hälfte der Anwesenden waren Juden; man beachtete dies nicht und Christen und Juden bewegten sich friedlich, freundlich und ruhig neben- und untereinander Die Juden hatten ja Sabbath! — Am Sonntag — waren wieder sehr viele Juden zugegen. Heute schien jedoch gleichsam eine stillschweigende Spaltung stattzufinden. Und wir hörten, wie eine Dame sagte: ״Man findet heute wieder fast keinen Tisch! Ueberall, wo man sich hinsetzen will, sind — Juden! Warum kamen sie nicht gestern?" Wir haben die^ beiden Vorkommnisse mit Bedacht aneinandergereiht. Sie sind selbstredend und nicht bedeutungslos! Die Zeit ist ja doch eine andere geworden. Die Juden würden an öffentlicher Achtung nicht verlieren, sondern sicher nur gewinnen, wenn sie die Selbstachtung, das hehre Bewußtsein: Jude zu sein, in sich nährten; wenn sie mit Wärme und Innigkeit sich dem gemeinsamen jüdischen Interesse wieder zuwendeten, und offen und überall sagten: Wir sind Juden und wollen es sein und bleiben. Und gerade darum sind wir auch gute Bürger und Menscheu!" Zu was soll es aber führen, wenn wir nicht allein jeden äußerlichen Zusammenhang mit den Glaubensbrüdern ausgeben, sondern gleichsam uns selbst erniedrigt glauben, wenn ein Moment des öffentlichen oder religiösen Lebens unser Judenthum documentirt? Wir erinnern an den Vorgang in Alzey, der soeben in diesem Blatte berichtet wird. — Die übertriebene Connivenz des Vorstehers kann doch nur dein Gefühle entstammen, daß man sich scheut, zuzugestehen, daß das Judenthum auch noch etwas Besonderes habe; oder, in diesem Falle, nicht eigentlich selbst etwas Besonderes habe, sondern eine ausschließliche Besonderheit des Christenthums, ein Dogma (die Dreifaltigkeit, die Menschwerdung Christi) und deren Symbol (das Kreuz) eben nicht annehmen kann und will, ohne sich selbst aufzugeben. Der Mann vergißt, daß der Christ wohl in der symbolfreien Synagoge, einen christlichen(?), der Jude aber nicht in dem mit dem Symbol gezierten christlichen Gotteshause einen jüdischen Gottesdienst abhalten kann. Der Mann vergißt, daß, wenn wir Zuweilen aus Amerika oder von sonst wo her etwas derartiges lesen, dies denn doch nicht specifisch jüdischer Gottesdienst in einer mit dem christlichen Symbol gezierten christlichen Kirche war, sondern etwa nur eine allgemeine Andachtsstunde in einem provisorischen Betsaale in einem außerordentlichen Falle, daß endlich, wenn etwa in einem anderen, späteren Todesfälle die Familie Anstand nehmen würde die Functionen bei der Leichenbestattung in denselben Räumen abzuhalten, der Gegensatz erst recht hervorgetreten wäre und die urtheilsunfähige, aber obenhin urtheilende Menge mit doppelschneidigen und dann besseren Waffen gegen die angebliche Intoleranz der Rabbinen und Juden überhaupt kämpfen könnte. Wir müssen diese Betrachtung schließen, so gerne wir sie noch fortgesetzt und weiter begründet hätten. Sie ist uns unter der Hand bereits zu groß geworden. Es sind die traurigsten Wahrheiten, die wir unseren Lesern sagen mußten. Niemand wird die Thatsachen und ihre Begründung leugnen. Was rettet uns? Nur der Ernst aufrichtigen und klaren Strebens zur Erhaltung der Einheit und Fortbildung des Judenthums! Wenn wir den Schein des Judenthums in religiösen Dingen scheuen, in unserem geschäftlichen und socialen Leben aber umsomehr als eine gesellschaftliche Coterie mit eigenen Strebungen erscheinen; wenn man mit Recht oder Unrecht das größte sociale Uebel — den Börsenschwindel — zumeist auf unsere, der Juden, Rechnung schreibt, dann werden die inneren Leiden mit den äußeren Gefahren wachsen und das Judenthum sieht einer traurigen Zukunft entgegen. — Erziehen wir unsere Jugend zur ernsten Erkenntniß ihrer Aufgabe als Menschen und Israeliten, die nur das wahre Wissen im Vereine mit der Religion bieten kann. Hüten wir sie vor dem verderbenden Einflüsse moderner Ueberfeinerung und Afterbildung! Erziehen wir sie zur Arbeit, damit sie nicht zur Sittenlosigkeit verleitet werde! — Streben wir die Bande der Einheit, die die jüdische Gemeinde und Gesammtheit verbinden, nicht zu lockern, sondern zu festigen — und das kann sicher geschehen unbeschadet unserer engsten Zugehörigkeil zum Vaterlande und zur Menschheit; wahren wir die Ehre des Judenthmns, indem wir es uns zur heiligsten Pflicht machen, überall am rechten Platze Juden zu sein! Geben wir es auf, unsere Jugend durch unseren eigenen Indifferentismus in ihrer Gleichgültigkeit gegen alles Jüdische und Edelmenschliche zu bestärken; vermeiden wir es, sie durch unser Bestreben, Veraltetes zu erhalten, auch von den: Ewigen und Unzerstörbaren abzuwenden. Wenn wir, die wir in dem alten Judenthume erzogen sind, nur ״Jomkippurjuden" und ״Beerdigungsjuden" sind; was soll dann aus unseren Kindern werden? Können wir es ihnen verargen, wenn sie auch nichts mehr vom Jomkippur wissen wollen und nach dem, was nach dem Tode kommt, nichts fragen? Was uns helfen kann, das ist die Wiedererweckung des altjüdischen Ernstes der Lebensanschauung, jüdische Ueberzeugungstreue und Energie, jüdischer Forschungs- und Fortbildungstrieb und, mit einem Worte, Liebe zum Judenthume. _

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