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Jüdische Volkszeitung · 1873-05-28 · 22 (28.5.1873) · p. Seite 174

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
22 (28.5.1873)
Date
1873-05-28
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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174 größten Theil materiell sehr schlecht gestellte, mit hundert Sorgen und Entbehrungen, Mühen und Arbeiten belastete Elementarlehrer nicht aneignen. Mehr Schuld an dem ״Amrazuß" ist den Rabbinern beizumessen. Diese könnten und müßten ja für die religiöse Bildung und Hebung der Masse sorgen; müßten dem crassen Aberglauben, den falschen Begriffen vom Judenthum, den Mißbräuchen und der Entartung im cultuellen und ceremoniellen Leben entgegentreten, auf Belehrung und Aufklärung der jüngeren Geschlechter bedacht sein. Aber theils find sie selbst zu apathisch und gleichgültig; theils zu zaghaft und gefügig gegen den Willen und die Vorurtheile der großen Masse; sie fürchten um ihren Credit bei den ״Orthodoxen"; fürchten sich vor den Wühlern und Lärmmachern, die ja leider keiner jüdischen Gemeinde fehlen; fürchten auch, und vielleicht nicht mit Unrecht, um die materiellen Vortheile ihrer Stellung. - Um der herrschenden Ansicht, wenn man von einer besseren durchdrungen ist, ohne Schwäche und consequent entgegenzutreten, dazu gehört eine gewisse Charakterstärke, ein gewisser Ueberzeugungsmuth; dazu gehört vor Allem, daß man sich der hohen Verantwortlichkeit seines Amtes, der Größe und Schwere seiner rabbinischen Pflichten vollständig bewußt ist. Aber, du mein Gott! Unsere Rabbiner, wie vielleicht die meisten Rabbiner der Gegenwart, lieben zu sehr die Bequemlichkeit, die Ruhe, den Frieden um jeden Preis, zittern vor dem Gedanken, daß vielleicht irgend ein pietistischer Schwachkopf oder ein zanksüchtiger Fanatiker ihnen die Hölle heißmachen, oder gar die berüchtigten Zuaven-Organe der Hyperorthodoxie sie als ״Neologen", als ״Reformrabbiner" verlästern und denunciren könnten.' Deshalb wird in recht nichtssagender, ja und ja nicht compromittirender Weise fortamtirt und fortgepredigt; jede Anregung und Bewegung zum Guten, zum Besseren, zum Heraustreten aus den schon längst unwegsam gewordenen alten Geleisen unterlassen! Freilich, bequemer ist schon dieser geschäftige Müssiggang, der sich darauf beschränkt, salbadernde, nichts schadende, aber auch nichts nützende Predigten zu halten, im Uebrigen aber Alles im Judenthume, in der Gemeinde, in anderen Gemeinden gehen zu lassen, wie es just geht; dem Kampf um das Neue und Bessere aus dem Wege zu gehen, weil er mit energischer Thätigkeit, mit Aufregung, mit Verkennung, feindseligen Angriffen und materiellen Nachtheilen verbunden ist. Es ist traurig, aber wahr und verdient darum mit aller Schärfe betont zu werden: Die ganze Provinz Posen hat keine einzige*) *) Obwohl der geschätzte Correipondent in jener Provinz wohnt und also am besten wissen muß, wie es dort aussieht, so glauben wir doch, daß er zu hart urtheilt. Wir haben ׳Beweise, daß auch dort sich das Streben zum Besseren in Vielen regt. Redaction. jüdische Gemeinde, keinen einzigen jüdischen Geistlichen, von der oder von dem ein neues Leben, die geringste Anregung, der kleinste Einfluß zum Guten auf die anderen ausgehen und sich geltend machen könnte. Ja, selbst Posen, welches vermöge seiner Stellung als Provinzial-Hauptstadt die Mission hätte, anregend und belebend nach Außen zu wirken, ist in dieser Hinsicht eine wahre Null. Warum? — Darüber in meiner nächsten Correspondenz._(Schluß folgt.) Äumlfcfuui. 87. (Heirathsgeschichten.) Der Rabbinats-Verweser von Ottakring galt immer als ein frommer und gottessürchtiger Mann. Die orthodoxen Mitglieder der dortigen israelitischen Cultusgemeinde blickten jederzeit voll Verehrung zu ihrem Seelenhirten empor, der die Speisegesetze strenge Handhabte, die Auslegung ritueller Vorschriften vortrefflich verstand und allwöchentlich durch seine salbungsreiche Predigt die Gemeinde belehrte, rührte, erbaute. In dieses innige Verhältniß zwischen dem Seelenhirten und feiner Heerde soll jedoch die unerbittliche Hand der weltlichen Gerechtigkeit störend eingreifen, denn nicht weniger als eine Bigamie ist es, welche den: frommen Manne zur Last gelegt wird, und zwar geschieht dies auf Grund folgender Anschauungen: Herr Landsberger hatte vor vielen Jahren in Polen, seiner Heimath, eine israelitische Polin, oder wenn man will, eine polnische Jsraelitin geheirathet und acht derzeit bereits erwachsene und ״versorgte" Kinder entstammten diesem Ehebunde, dessen Glück dadurch unterbrochen wurde, daß der Gatte die langjährige Gefährtin verließ und, während sie an den Ufern der Weichsel saß und weinte, sich gen Westen, nach Niederösterreich, wendete. War es nun Gedächtnißschwäche oder positive Treulosig-. keit, oder meinte der fromme Mann, von seiner Frau geschieden zu sein, es ändert daran nichts, daß Hr. Landsberger, der bereits einmal verheirathet war, im schönen Baden bei Wien eine Wittwe heirathete. Während Hr. Landsberger in Ottakring fungirte und, wie allgemein anerkannt wird, insbesondere ergreifende Trauungsreden hielt, wurde er sogar durch den Besuch seiner ״ersten Frau" beglückt, welche längere Zeit bei ihm verweilte, ohne daß jedoch der Friede in der eigenthümlich zusammengesetzten ״Familie" gestört worden wäre. Nunmehr aber erhielt die Behörde Kenntniß von der wiederholten Begeisterung des Ottakringer Rabbinats-Verwesers für den Ehestand und in Folge dessen wurde gegen den frommen Mann beim Landesgerichte die Anzeige wegen Bigamie erstattet. Unser Gewährsmann theilt uns mit, daß Landesgerichtsrath Kindinger mit der Untersuchung betraut worden sei. Unter den mosaischen Bewohnern Ottakrings verursacht die Affaire begreiflicherweise nicht geringes Aufsehen. <

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