Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 22 (28.5.1873)
- Date
- 1873-05-28
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 staatlichen Zusammengehörigkeit und Gleichstellung in Rechten und Pflichten, die bürgerliche Ordnung und Unterordnung unter das Staatsgesetz, die gesellschaftliche Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit werden am wirksamsten durch solche Unterrichtsanstalten genährt und gefördert, die einzig und allein den Zwecken der Bildung und Cultur, und nicht denen der politischen oder kirchlichen Propaganda dienen. Möchte das Beispiel des Posener Magistrats baldigst allseitige Nachahmung finden: Staat und Religion würden nur dabei gewinnen! Für das Cultur- und religiöse Leben unserer Glaubensgenossen in der Provinz Posen aber dürsten wir uns von der Wirksamkeit der Simultanschulen ganz besonders segensreiche Resultate versprechen, wenn nur, woran wohl nicht zu Zweifeln, die Juden selbst so einsichtsvoll sein werden, zu Gunsten der Simultanschule ihre eigenen, mit großen Opfern ins Leben gerufenen und unterhaltenen jüdischen Elementarschulen aufzuheben und statt dessen für leistungsfähige Religionsschulen zu sorgen. Durch jene wird der Jude aus seiner Abgeschlossenheit und Jsolirtheit nach und nach heraustreten, den übrigen Bewohnern staatlich und gesellschaftlich näher kommen, das thätigste verbindende Glied zwischen den verschiedenen, sich noch schroff gegenüberstehenden Parteien bilden, die ihm innewohnende reiche sittliche und geistige Kraft ohne jede Beengtheit und Beschränktheit entfalten können. Er wird sich aber auch ästhetisch bilden; alle jene auffälligen Absonderlichkeiten, durch die der Jude der Provinz Posen äußerlich noch so sehr absticht, ablegen; in Sprachen und Manieren (Mauschelei, Gesticuliren u. s. w.!) ein Mensch unter Menschen werden und dadurch dem verletzenden Spott jede Gelegenheit und Handhabe entziehen. Wir dürfen dieses letztere Moment durchaus nicht gering anschlagen; denn wir wissen es ja alle leider aus eigener schmerzlicher Erfahrung, wie sehr uns jenes unangenehme ״jüdische" Wesen, das sich in der verdorbenen, verwahrlosten Sprache und den vernachlässigten unästhetischen Manieren kundgibt, in der Achtung und Zuneigung der anderen Bevölkerungsclassen zu schaden geeignet ist. Wenn wir an Stelle der auszuhebenden jüdischen Elementarschulen leistungsfähige Religionsschulen verlangen, so denken wir nicht im Entferntesten an eine zwang- und sprungweise religiöse Reform, an eine Treibhaus-Aufklärung; denn nichts ist uns verhaßter, weil uns nichts gefährlicher scheint, als eine solche. Die große Masse schlägt ja, wie das Einzelindividuum bei einer überlasteten Wandlung der religiösen Ansicht und Ueberzeugung nur zu leicht in das gerade Gegentheil um; aus Aberglauben und Bigotterie fällt sie dem Indifferentismus, der Frivolität, dem Unglauben in die Arme. Was wir wünschen und im Auge haben, ist eine ruhige, vernünftige, normale religiöse Erziehung und Entwickelung, die, ihrer Zielpunkte sich klar bewußt, vor jeder Ueberstürzung und Einseitigkeit sich hütet und darum um so erfolgreicher und nachhaltiger wirkt. Und wahrlich, nirgends thut eine vernünftige, normale religiöse Erziehung mehr noth, als gerade in der Provinz Posen; denn nirgends ist die religiöse Unwissenheit, das ״Amrazuß" so groß, so mitleiderregend groß, wie gerade bei uns. Dies bekundet sich nicht nur in dem ängstlichen sklavischen Anhängen an dem Ueberkommenen, an der Form, an dem Buchstaben, an den obsoletesten heidnischen Gebräuchen und Ceremonien, an der wahrhaft empörenden Dummheit und Bornirtheit, mit welcher das Judenthum, diese Religion des Geistes, aufgefaßt und geübt wird. Nein, hier wuchert auch aufs Ueppigste noch der Aberglaube in jedweder Gestalt und bei jeglicher Gelegenheit, in der Synagoge, auf dem Friedhofe, im Leichenhause, bei Trauungsfeierlichkeiten, Beschneidungen rc., der Engel- und Schedimglaube, die Geister- und Gespensterfurcht, der Glaube an die Wunderkraft von Amulets (ich kenne Rabbiner, die während der letzten Kriege an jüdische Soldaten ״Kameioth" vertheilt!), an den guten und bösen Blick, an gute und schlechte Tage, Gestirne rc. Für dieses niedrige Niveau der religiösen Bildung sind die Lehrer weniger verantwortlich zu machen; denn sie leisten genug, mehr eigentlich, als billigerweise von ihnen verlangt werden kann. Sie sind von dem Elementarunterricht vollauf in Anspruch genommen; haben außerdem, um sich und ihre Familie nur einigermaßen anständig durchzubringen, täglich noch so und so viel Privatlectionen zu ertheilen, die ihnen jede Erholungsstunde rauben und sie dem wohlthuenden Verkehr mit den Ihrigen entziehen. Woher soll also bei ihnen die Frische und Freudigkeit für den Religionsunterricht kommen? Woher sollten sie die nöthige Zeit und Begeisterung gewinnen, um demselben die Weihe, die Lebendigkeit, den Aufschwung zu verleihen, ohne die einmal der Religionsunterricht der Gegenwart nicht ertheilt werden kann? Denn wenn es sich nur um den Unterricht im ״Dawenen" und ״Uebersetzen" handelt, so reicht wohl jenes matte, träge, mechanische Wesen aus, welches die ehemals so beliebten ״polnischen" Religionslehrer kennzeichnet. Wenn es aher gilt, den tieferen religiösen, ethischen, geschichtlichen Gehalt des Judenthums darzustellen und zum Bewußtsein der Kinder zu bringen; wenn es gilt, die Religion der Israeliten im Zusammenhang und in Uebereinstimmung mit der modernen Cultur, mit den Fortschritten der Wissenschaft, mit dem Zeitbewußtsein und den Zeitbedürfnissen zu lehren, tiefe Achtung und wahre Liebe für den Glauben der Väter der auswachsenden Generation einzuslößen, da ist Begeisterung und Begeisterungsfähigkeit, ein frischer aufstrebender Sinn, ein freies, frohes Gemüth vonnöthen. Diese unerläßlichen Requisiten kann sich der, zum