Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 22 (28.5.1873)
- Date
- 1873-05-28
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 stellen. Der Pflicht, hierfür das Seinige beizutragen, entzog sich Niemand, wollte sich Niemand entziehen, da es Jeder als seine heiligste Aufgabe und schönsten Beruf anerkannte, der Gesammtheit anzugehören und zu dienen, ihr sich unterzuordnen (אל תפרוש מן הציבור). Nur aus Grund dieser Zusammengehörigkeit und dieses Zusammenwirkens und -leistens Aller konnten die Großgemeinden für Pflege der jüdischen Wissenschaft, für die verschiedenen Zweige der jüdischen Wohlthätigkeit so wahrhaft Großartiges schaffen und leisten, waren auch die Mittel- und Kleingemeinden in ihrer Existenz geschützt; fanden persönliche und religiöse Streitigkeiten, an denen es ja nie gefehlt hat, ihre Grenze an dem unantastbaren Gesammtcharaktev der Gemeinde. Zerstört man denselben, so trägt man nicht nur die einheitliche Idee des Judenthums zu Grabe, macht jede Gemeinde zum Kampfplatz für die niedrigsten persönlichen und religiösen Leidenschaften, der Eitelkeit, der Streit- und Herrschsucht, sondern, wie man sichs an den fünf Fingern abzählen kann, die Großgemeinden werden ihrer größeren Leistungsfähigkeit beraubt, die Mittelgemeinden^ die ohnedieß schon unter dein beständigen Abzug ihrer bemittelteren Mitglieder stark zu leiden haben, zum Siechthum gebracht, und die Kleingemeinden geradezu dem Untergange geweiht. Man gebe sich nur keiner Schönfärberei und keinem, in diesem Falle sehr gefährlichen, Optimismus hin! Die Verhältnisse, wie sie sich mit, an Gewißheit gränzender, Wahrscheinlichkeit entwickeln werden, falls der corporative Status der Gemeinden aufgehoben werden sollte, sind nicht derartige, daß man, mit warmer Liebe fürs Judenthum im Herzen, gleichgültig in die Zukunft blickdn kann. Das Schicksal der Großgemeinden ist es nicht, das uns bekümmert; sie werden, wenn auch in ihnen die einheitliche Idee des Judenthums durch Bildung verschiedenartiger Parteien mit selbstständiger Versassung geradezu vernichtet wird, doch in ihrer Weiterexistenz nicht gefährdet. Aber die Mittel- und Kleingemeinden? Fühlt sich da Jemend hintenangesetzt, ein wenig zu hoch besteuert, in irgend einer persönlichen, gesellschaftlichen oder geschästlichen Differenz mit einer der leitenden Persönlichkeiten; glaubt er mit einer Meinungsäußerung, mit einer Bestimniung oder Einrichtung des Vorstandes, mit der Persönlichkeit oder Leistung eines Culusbeamten unzufrieden sein zu müssen, und kann mit seiner vereinzelten Ansicht und Absicht nicht durchdringen, so wird der Austritt bewerkstelligt. Geschieht dies von Einigen — und dies ist nur zu häufig der Fall, da die Unzufriedenen und Raisonneure sich nur allzuleicht zusammenfinden! — so ist die Existenz der Gemeinde gefährdet. Und kein wahrhaft Anständiger wird sich mit der auch ohnedies schon nicht beneidenswerthen Führung und Verwaltung derselben, wenn das Damoklesschwert der Lebensunfähigkeit stets über ihr schwebt und der Wühlerei der gewerbsmäßigen Krakehler und Malcontents keine Grenze mehr gezogen ist, fernerhin noch befassen wollen. Die besseren Elemente der Gemeinde würden sich zurückziehen und mit vollstem Rechte zurückziehen, (da der Kampf mit den pöbelhaften Naturen doch ein aussichtsloser und kein sehr angenehmer), und die Leitung der Gemeindeangelegenheiten würde in Hände gerathen, die — am allerwenigsten dazu berufen sind. Schöne Aussichten fürs Judenthum! erquickend für jedes Herz, das demselben treu ergeben ist! Daß wir uns keiner Uebertreibung der in Rede stehenden Gefahren schuldig machen, dafür könnten wir zahlreiche Belege aus der Geschichte sehr vieler Gemeinden vorführen. Wir unterlassen es, weil wir glauben, daß die Tagesgeschichte, daß die Auslassungen der schwarzen jüdischen Presse laut und überzeugend genug sprechen! (Schluß folgt.) Eorrejpomlenz. Kerlm, 7. Mai. Sie haben wohl von dem Entschlüsse des Centralcomitös der Alliance israelite uniyerselle in Paris über die Forderungen der Delegirten-Versammlung, welche im December hier stattsand, Kenntniß genommen.״) Am 3. d. M. fand daher im Locale der Gesellschaft der Freunde eine stark besuchte Versammlung unter Leitung des Präsidenten des Localcomites hier, des Herrn Prof. Lazarus, statt. Leider war der Verlauf ein sehr trauriger; das hiesige Localcomite der Alliance ist factisch aufgelöst. Es wurde zuerst ein allgemeiner Bericht über die jüngste Thätigkeit des Localcomites vorgelesen. Merkwürdig! Die Gegner einer deutschen, selbstständigen Organisation genehmigten ohne Debatte diesen Bericht —• und doch sagt er, daß man factisch längst die beengende Unselbstständigkeit abgeworfen. Ganz unabhängig von Paris hat man hier eine bemerkenswerthe Thätigkeit entfaltet, Gelder eincassirt und verausgabt — ganz, ohne das Centralcomite zu fragen. Man that dies unter dem Namen: Localcomite der Alliance. Hätte man, wenn man eine factische Lostrennung gewollt hätte, nicht einen anderen Namen wählen, das Vorhandensein der Alliance ganz ignoriren können? *) Ja wohl! Aber wir haben absichtlich und auf den Wunsch eines sehr warmen Freundes der Alllanoe israslite universelle mit der Veröffentlichung dieses sehr bedauerlichen abweisenden Beschlusses gezögert. Wir wollten nicht Oel ins Feuer gießen und den Verlauf der Berliuer Versammlung, von der oben berichtet wird, abwarten. Wir bringen jetzt Beides zu gleicher Zeit. Die Leser mögen entscheiden. Man läßt sich leider in Paris täuschen und kennt die deutschen Verhältnisse durchaus nicht. Redaction.